Schild an Tür mit Aufschrift "Soryy we're closed"
Wofür sollen sich Unternehmen entscheiden, wenn es um den Ort des Arbeitens geht: “Remote First”, “Office Only” oder irgendwo dazwischen?

Kulturhistorisch arbeiteten die meisten Menschen bis ins neunzehnte Jahrhundert überwiegend zu Hause. Mit der fortschreitenden Industrialisierung erfolgte die Trennung von Familie und Arbeitsplatz. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts kam das Grossraumbüro auf. Frank Lloyd Wright entwarf 1906 das Larkin Administration Building – das erste moderne Bürogebäude der Welt. Arbeitsbedingungen verbesserten sich, im Vordergrund stand die Produktivität. Was bereits an den Fliessbändern gelungen war, sollte sich nun in den Büros fortsetzen.

In Grossraumbüros wollte man alles vereinen: die Zusammenarbeit der Mitarbeitenden und die Kostenreduktion durch geringere Fläche. Was Menschen, die in Grossraumbüros arbeiteten, bereits ahnten, bestätigte die Universität Harvard in ihren Studien: Mitarbeitende in grossen Büros kommunizieren weniger persönlich miteinander, Gespräche werden in Chats und Mails ausgelagert. Auch eine Produktivitätssteigerung konnte nicht belegt werden, im Gegenteil.

Arbeitswelt im Umbruch

Mit Beginn der Corona-Pandemie verwaisten Büros weltweit von einem Tag auf den anderen. Für die einen ein Segen: endlich konzentriert arbeiten, keine Staus und überfüllten Züge, keine anstrengenden Netzwerktreffen. Für andere ein Fluch: Verlust der Tagesstruktur, schlecht ausgestattetes Homeoffice, fehlende soziale Kontakte.

Im Verlauf der Pandemie lag der Anteil Schweizer Erwerbstätiger, die im Homeoffice arbeiteten, laut einer Statista-Erhebung von Mai 2022 bei 75 Prozent. Dabei ist die beliebteste Variante eine Kombination von Homeoffice und Bürotagen. Im vom Microsoft veröffentlichten Work Trend Index der Schweiz werden die Spannungsfelder, die „Hybrides Arbeiten“ hervorruft, deutlich. Besonders betrifft dies den Bereich der Führung. Während Arbeitnehmende die gewonnene Flexibilität grösstenteils schätzen, wollen fast 40 Prozent der Arbeitgeber Mitarbeitende zurück ins Büro holen bzw. planen diese Massnahme. Somit stehen Unternehmen und deren Führungskräfte in der Verantwortung, Mitarbeitenden einen guten Grund für die (zumindest teilweise) Rückkehr ins Büro zu geben.

Unter welchen Bedingungen Arbeiten auf Distanz (Remote First) funktioniert

Neben dem aktuell verbreiteten Wechsel zwischen Homeoffice und Büroarbeit im Unternehmen gibt es auch Beispiele, in denen die Arbeit auf Distanz der Normalfall ist (Remote First). Diese sind keinesfalls neu, sondern existieren bereits seit Jahren. Sie finden sich fast ausschliesslich in Branchen, die bereits seit längerem um begehrte Fachkräfte werben. Sofern es noch Büroräumlichkeiten gibt, dürfen Mitarbeitende frei entscheiden, ob sie diese nutzen möchten. Hier stellt sich für viele Unternehmen die Frage, wie viel Raum langfristig vorgehalten werden muss. Um einen Remote-First-Ansatz umsetzen zu können, sind die Teams in der Regel selbst organisiert und von eher flachen Hierarchien geprägt. Dies setzt extrem hohe Eigenverantwortung und Entscheidungsfreudigkeit voraus. Es bleibt abzuwarten, ob sich dieser Trend fortsetzt.

Transformation entsteht in Resonanz

Der Mensch ist ein soziales Wesen, welches sich zwischen den Polen Bindung und Autonomie bewegt und sich im Austausch mit anderen entwickelt. Dieser gelingt umso besser, je mehr Eindrücke, die Menschen von einander haben, sich zu einem stimmigen Gesamtbild formen. Intimität ist dabei wichtig, um Vertrauen aufzubauen. Dies benötigt Präsenz, die in der virtuellen Eindimensionalität nicht auf die gleiche Weise hergestellt werden kann.

Um sich verwandeln, also transformieren zu können, braucht es ein „in Beziehung treten“, verbunden mit einer Selbstwirksamkeitserfahrung. Dabei ist Resonanz ein Beziehungsmodus, in dem gegenseitige Schwingungen erzeugt werden. Je höher die Zahl an Handlungs- und Erlebnisperioden pro Zeiteinheit, desto niedriger jedoch die Resonanzerfahrungen (Rosa, 2019). In einer so empfundenen steten Beschleunigung sollten wir der Versuchung widerstehen, die Erledigung unserer Aufgaben einem Maschinentakt anzugleichen. Vielmehr sollten Unternehmenssitze zu Transformationsräumen werden, in denen man in gemeinsamer Lösungsfindung einen Systemwandel vorantreibt. Dies auch vor dem Hintergrund zeitgleicher Multikrisen, die neben ökonomischen auch Themen der ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit in den Blick nehmen. Fokus muss hier auf dem Verbindenden, nicht dem Trennenden liegen.

Vom Headquarter zum „Heartquarter“

Im Zuge der sich rasant verändernden Arbeitswelt hat das Büro sein Monopol auf Arbeit verloren. Angesichts der vielen Möglichkeiten wird der Gang ins Unternehmen zu einer bewussten Entscheidung. In Folge wird die Frage, wie Raum zukünftig gestaltet sein sollte, um zur Ladestation für Kultur und Zusammenarbeit zu werden, immer lauter. Diese beschränkt sich dabei nicht nur auf die Aushandlung von Arbeitsbedingungen, sondern geht in der aktuellen Purpose-Debatte weit darüber hinaus. Auf der Suche nach Antworten können sich Unternehmen von folgenden Fragen leiten lassen:

  • Welchen Beitrag leistet unser Unternehmen für eine lebenswerte Welt?
  • Welches Narrativ steht hinter dem physischen Ort, was erzählt der Raum über uns?
  • Was sollte der Arbeitsort bieten, damit er dem Homeoffice überlegen ist?
  • Wie sollte Raum gestaltet sein, der Beziehungsarbeit stärkt und informelle Begegnungen unterstützt?
  • Welche alternativen Nutzungsmöglichkeiten gibt es?
  • Wer arbeitet wann, wo und aus welchem Grund?
  • Wer oder was orchestriert wie die Zusammenkünfte?
  • Gibt es rechtliche Vorgaben, die Beachtung finden müssen?
  • Müssen Vereinbarungen getroffen und Personalreglemente angepasst werden?
  • Haben meine Mitarbeitenden die Werkzeuge, die sie benötigen, um ihre Arbeit gut zu machen?

Fazit

Unternehmen brauchen Orte als Angebot an die Mitarbeitenden, in Beziehung zu treten. Dabei wird der Diskurs verstärkt um die Qualität flexibel nutzbarer Flächen geführt. Der Arbeitsplatz als Werkzeug. Somit könnte uns auf der Suche nach Antworten das, was uns heute noch als Krise erscheint, den Blick in ein besseres Morgen öffnen.

Autor/in
Katja Schwedhelm

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