Strasse: Learning never ends
Lebenslanges Lernen heisst, sich kontinuierlich an ein verändertes Umfeld anzupassen. (Symbolbild)

Lernen ist und bleibt wichtig in einer sich schnell verändernden Welt – das wissen wir alle. Es gibt zahlreiche Begrifflichkeiten, die mit dem Lernen für die Zukunft in Verbindung gebracht werden: Digital Learning, mobiles Lernen, Learning on Demand, Social Learning, digitale Bildung, nur um einige wenige zu nennen. So toll solche "Fachbegriffe" tönen mögen – in der Praxis zeigt sich oft, dass die Begriffsdefinitionen rund ums Lernen für die Zukunft schwammig sind oder ein klares Begriffsverständnis fehlt: Offensichtlich werden gut klingende Buzzwords freizügig in den Diskurs über das Lernen der Zukunft gestreut, verschiedene Konzepte werden vermischt, Begriffe wenig klar abgegrenzt oder sogar bedeutungsgleich verwendet.

Abgrenzung verschiedener Lernkonzepte sorgt für Klarheit

Grundsätzlich ist es nicht verwerflich, sich überall das Passende vom Büffet zu holen. Dennoch kann es lohnenswert sein, einen Schritt zurück zu machen, "Back to Basics" zu gehen und mit einem klaren Blick die Ansätze rund um das Lernen für die Zukunft miteinander zu vergleichen: Wo kommen die unterschiedlichen Begriffe her, was meinen sie genau?

Die beiden Lernforscherinnen Prof. Dr. Nele Graf & Prof. Dr. Anja Schmitz (2020) haben sich zum ersten Mal vorgewagt mit klaren Begriffsdefinitionen der Lernkonzepte "New Learning", "agiles Lernen" und "Lernen 4.0". Im Folgenden sollen auf dieser Basis die drei Begrifflichkeiten und Haltungen zum Lernen für die Zukunft abgrenzend voneinander vorgestellt werden – auch wenn es in der Praxis sicherlich Überschneidungen gibt. Die verschiedenen Lernformate und Lernprinzipien zeichnen sich aus durch unterschiedliche Menschenbilder oder Philosophien und damit auch verschiedene Rollen der Lernenden. Für Personen in einer lerngestaltenden Funktion ist es empfehlenswert, sich die Wurzeln und den Entwicklungskontext der Konzepte bewusst zu machen.

Lernen 4.0 – Intelligentes Nutzen von technischen Möglichkeiten

Abgeleitet vom Begriff "Industrie 4.0" basiert "Lernen 4.0" auf den digitalen und technologischen Möglichkeiten, welche im Lernkontext zielgerichtet genutzt werden. Dies hat zur Folge, dass ein hoch individuelles und intelligentes Lernumfeld geschaffen werden kann: Durch die Vernetzung verschiedener Informations- und Kommunikationstechnologien mit Big Data - und der Nutzung künstlicher Intelligenz – kann das persönliche Lernen so effizient wie möglich gestaltet werden. Hier können vor allem lernende und adaptive Systeme einen Beitrag leisten.

Nach Graf / Schmitz (2020) können beispielsweise Learning Analytics zielgerichtet genutzt werden durch Avatare, Bots oder auch individuelle Feedbackmechanismen – u.a. sensorengestützt – um leistungs- und anforderungsgerechte Lernangebote auf Basis von Zeitfenstern oder biologischen Parametern wie Pulsschlag anzubieten. Dank der smarten Verknüpfung von Mensch und Maschine kann eine individuell zugeschnittene Lernsituation generiert werden. Ergebnis und Ziel ist hier Unterstützung des Lernendens hin zu optimaler Leistung sowie Performancesteigerung und damit auch zu wirtschaftlicher Effizienz.

Welche Chancen und Risiken bringt das Lernen 4.0 mit sich? Hier handelt es sich um ähnliche Aspekte wie in der allgemeinen Diskussion rund um die Digitalisierung: Es besteht die Gefahr, dass das Individuum die Verantwortung komplett abgibt und sich ganz von den Empfehlungen der IT-Systeme leiten lässt ("mein Lerncockpit, weiss wann, was wie als Nächstes zu tun ist"). Oder die Lernenden nutzen als kritische, reflexive und digital kompetente Menschen die Chance, die technischen Möglichkeiten bewusst für ihre Zwecke einzusetzen und sind sich auch Aspekten wie Datensicherheit bewusst.

Agiles Lernen: Anpassung und Innovation beim Lernen

Der Begriff "agiles Lernen" ist abgeleitet von dem Konzept der "agilen Arbeit": Ziel ist es hier, einer sich kontinuierlich ändernden Umgebung oder veränderten Rahmenbedingungen durch Anpassung und gegebenenfalls Veränderung der Rahmenbedingungen bestmöglich zu begegnen. Agile Strukturen zeichnen sich aus durch einen klaren Aufbau von kurzen Einheiten, die gleichzeitig ein flexibles Gestalten und Anpassen der Inhalte möglich machen.

Im Kontext von Lernen bedeutet agiles Lernen sich in hochstrukturierten Lernformaten zu bewegen, die inhaltlich sehr flexibel gefüllt werden können. Anwendungsbeispiele für agiles Lernen können sein: Formate wie Working out Loud, Eduscrum oder auch Unkonferenzen / Barcamps. Agiles (Sprint) Lernen ist abgeleitet vom dem Managementansatz Scrum, der aus der Steuerung von Projekten (in der Softwareentwicklung) kommt. Beim Sprintlernen wird in kleinen Etappen (Sprints) gelernt, jede Session beginnt mit der Planung, was gelernt und wie dies umgesetzt werden soll und schliesst mit einer Ergebnismessung bzw. Reflexion. Meist hat agiles Lernen einen hohen Arbeitsbezug und findet in Kollaboration mit anderen als Social Learning statt.

Voraussetzung für diesen Ansatz des agilen Lernens ist eine hohe Selbst- und Selbststeuerungskompetenz auf persönlicher Ebene sowie eine gute Reflexionsfähigkeit. Auf Team- oder Peer-Ebene braucht es Fähigkeiten für die Zusammenarbeit. Auf organisationaler Ebene braucht diese Form des Lernens die Bereitschaft, Verantwortung abzugeben, Vertrauen zu schenken sowie Raum für das Experimentieren in einem lern- und fehlerfreundlichen Umfeld zu schaffen: Der/die Lernende sitzt im Driver Seat, von welchem aus er/sie eigenverantwortlich den Lernprozess steuert und anpasst.

New Learning – auf Bergmanns Pfaden der Selbstbestimmung & Purpose- Orientierung

Der Begriff "New Learning" erschliesst sich aus dem mittlerweile fast im Mainstream angekommenen Begriff "New Work": Der Begründer der Bewegung, der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann, hat bereits in den 1970er-Jahren den Begriff "Neue Arbeit" geprägt. Damit wollte Bergmann einen Gegenentwurf zum Kapitalismus anbieten. Nach seinem Ansatz sollte Arbeit jeweils zu einem Drittel bestehen aus Selbstversorgung, Erwerbsarbeit sowie "Arbeit, die man wirklich, wirklich will". Zentrale Werte dieses Ansatzes waren für ihn Selbstständigkeit, Freiheit und Teilhabe an der Gemeinschaft.

Auch beim New-Learning-Ansatz stehen Selbstbestimmung, Potenzialentfaltung sowie die erlebte Sinnhaftigkeit des eigenen Lernens im Zentrum. Der sinnstiftende Faktor sowie das Element der Zugehörigkeit zu einer (Lern-)Gemeinschaft bei New Learning bringt somit auch eine gesamtgesellschaftliche Relevanz mit sich. Bei New Learning geht es nicht zwangsläufig um Lernen im Arbeitskontext oder wirtschaftlich verwertbaren Fähigkeitserwerb. Konkrete Beispiele für Purpose-Orientierung und soziale Teilhabe könnte Service Learning sein, das heisst Lernen in Verbindung mit einem gesellschaftlichen Engagement.

Der Lernprozess oder die Lernmittel sind somit weniger vorgegeben. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Autonomie des/der Lernenden sowie was und wie gelernt wird. So könnte man Bergmanns Credo erweitern um "lernen was man wirklich, wirklich will" in Abgrenzung zu: "lernen was man muss oder soll".

Drei Lernkonzepte im Vergleich

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass jeweils unterschiedliche Faktoren und Treiber bei den verschiedenen Lernkonzepten im Vordergrund stehen: Beim Lernen 4.0 ist es die Digitalität &Technik, beim agilen Lernen der Prozess mit Option für Anpassungen, bei New Learning die Selbstbestimmung (was und wie gelernt wird) sowie das Sinnempfinden des Lernenden. Je nachdem liegt der Fokus des Lernverständnisses jeweils auf der Technik, den Prozessen oder den Lernenden.

Die vorgestellten Lernkonzepte haben Überschneidungen, grenzen sich aber teilweise klar voneinander ab, wie auf der Grafik unten zu sehen ist. In der Alltagsverwendung wird beispielsweise Lernen 4.0 und New Learning leichtfüssig synonym verwendet. Bei genauer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass Ursprung und Zielsetzung sich mehrheitlich widersprüchlich gegenüberstehen.

Grafik: Lernkonzepte im Vergleich
Abb.: Abgrenzung und Überschneidungen von agilem Lernen, Lernen 4.0 und New Learning (eigene Darstellung)

Lebenslanges Lernen: Lernen als neue Metakompetenz, unabhängig vom Format

Unsere Welt verändert sich exponentiell und die Halbwertszeit des Wissens reduziert sich damit stetig. Neues Wissen oder neue Fähigkeiten werden meist ad hoc gebraucht. Lernen erfolgt nicht mehr nur zum langfristigen Wissensaufbau, sondern kurzfristig und auf Verlangen. Dieses sogenannte "Learning-on-Demand-Prinzip" erfordert mehr Verantwortung und Selbststeuerung von Individuen. Auch Kompetenzen für eine stetige Neuausrichtung und lebenslange Anpassung (= Lebenslanges Lernen) werden gebraucht, denn man ist nie fertig mit Lernen. Ebenso sind agile oder digitale Lernformen nie fertig und entwickeln sich kontinuierlich weiter, was wieder Offenheit und Flexibilität der Lernenden benötigt.

Ein kontinuierliches, transformierendes und lebenslanges Lernen folgt dem agilen Grundsatz: "Testen – Reflektieren – Anpassen". Damit wird die Metakompetenz Lernen, also die Fähigkeit zu lernen, ein erfolgsbestimmender Faktor in der Zukunft sein - unabhängig davon welches Lernkonzept zugrunde liegt.

Autor/in
Annette Fink

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Zitat zu neue Art des Lernens von Helena Schamberger Fischer

New Work braucht eine neue Art des Lernens

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