Less ist More mit Rotstift
Frugale Innovation: sich auf das Wesentliche beschränken und trotzdem Mehrwert bieten. (Symbolbild)

Innovationen können je nach Veränderungsgrad inkrementell, radikal oder gar disruptiv sein. Doch was hat es mit frugalen Innovationen auf sich? Wenn Unternehmen von unvorhergesehenen Ereignissen wie der Covid-Pandemie überrascht werden, ganze Branchen sich auf einen Schlag neugestalten, die Mehrheit der Kundschaft auf Luxus verzichtet bzw. verzichten muss, dann kommt das Konzept der frugalen Innovation zum Zug. Wie das funktioniert und warum agile Methoden die Entwicklung von frugalen Lösungen unterstützen, wird im Folgenden dargelegt.

Wie sich frugale Innovationen von anderen Innovationen unterscheiden

Beginnen wir mit der inkrementellen Innovation. Diese besteht in der schrittweisen Optimierung von bestehenden Produkten, Dienstleistungen oder Prozessen. Beispielsweise wird das iPhone mit leicht veränderten oder neuen Funktionalitäten laufend verbessert. 

Bei disruptiven Innovationen handelt es sich nicht, wie man meinen könnte, um eine sprunghafte oder enorme Verbesserung bereits gut funktionierender Produkte oder Dienstleitungen. Nach Christensen (2015) haben disruptive Innovationen ihren Ursprung im unteren Marktsegment oder neuen Marktsegmenten. So bieten Marktteilnehmer, die sich als disruptiv erweisen, Produkte oder Dienstleistungen mit geeigneteren Funktionen an als bereits auf dem Markt etablierte Produkte oder Dienstleistungen. Wenn die Kundinnen und Kunden beginnen, die oft auch preiswerteren Angebote (der Marktneulinge) in grossem Umfang anzunehmen, hat eine Disruption stattgefunden. Als Beispiel sei hier die "Verwandlung" des Grossrechners zum Personal Computer genannt. Durch die Verminderung der Fähigkeit und Leistung des Grossrechners wurde ein neues Gerät geschaffen, welches sich für den individuellen Gebrauch im Alltag eignet. Damit wurde der Personal Computer massentauglich gemacht.

Disruptive Innovationen enthalten zwar neue Geschäftsmodelle und erschliessen neue Märkte, doch bauen sie auf bestehenden Technologien auf. Hingegen schaffen radikale Innovationen ganz neue Technologien und gestalten Geschäftsmodelle sowie Märkte komplett neu. Das Erfinden einer neuen Technologie macht aber noch keine radikale Innovation aus. Das Eingehen auf die eigentlichen Kundenbedürfnisse ist genauso entscheidend für eine erfolgreiche Innovation. Beispielsweise eröffnete die Erfindung des Flugzeugs eine neue Form des Reisens und damit eine neue Industrie sowie einen ganz neuen Markt.

Nun zu frugalen Innovationen: Der Begriff "frugal" steht nach Duden für "einfach", "bescheiden", "nicht üppig". Er wird insbesondere in Bezug auf die Lebensweise oder Essen verwendet. Ein frugales Mahl ist einfach, aber gut. Frugale Innovationen wurden ursprünglich mit einer Not- oder Übergangslösung gleichgesetzt. Sie tauchten erstmals in den Schwellenländern auf, wo ungünstige Rahmenbedingen für die Herstellung von Qualitätsprodukten herrschen, so zum Beispiel das indische "Jaipur Leg", eine billige und einfache Beinprothese aus Gummi (Fasnacht, 2021). Eine solche Lösung mag zwar improvisiert wirken, doch ist sie genau das, was im Moment für die Betroffene oder den Betroffenen von grossem Nutzen ist.

Das Prinzip des frugalen Innovationsansatzes

Die derzeitige Forschung hat drei Unterscheidungsmerkmale zur Klassifikation von frugalen Innovationen  herauskristallisiert (Weyrauch, 2018):

  1. substanzielle Kostenreduktion
  2. Konzentration auf Kernfunktionalitäten
  3. optimiertes Leistungsniveau

In die Praxis umgesetzt heisst das für Unternehmen, sich bei der Entwicklung von Innovationen auf das Wesentliche zu beschränken, Technologien oder Funktionen zu vereinfachen, Lösungen (auch aus Kundensicht) kostengünstig zu gestalten und dennoch eine gewisse Benutzerfreundlichkeit sowie Qualität zu bieten.

Auf der Prozessebene gilt es, latente Problemstellungen frühzeitig zu erfassen, bei der Entwicklung von Lösungen von Anfang an von der Kundin und dem Kunden aus zu denken, resp. Anwender/innen miteinzubeziehen. Sind die Herausforderungen des Marktes identifiziert, geht es dann ans Definieren von strategischen Zielen und das Erschaffen von frugalen Lösungen.

Beispielsweise hat der Schweizer Kaffeemaschinenhersteller Thermoplan innerhalb von vier Wochen während der Covid-Pandemie mit 80 Prozent Kaffeemaschinenkomponenten ein Beatmungsgerät entwickelt. Dieses lässt sich in Serie von bis zu 800 Stück pro Woche zu einem Viertel der Kosten im hauseigenen Betrieb produzieren (Fasnacht, 2021). Die Geräte sind akkubetriebenen, einfach zu bedienen und können bereits auf der Fahrt ins Krankenhaus eingesetzt werden.

Agile Methoden können frugale Innovationsprozesse schneller und flexibler machen

Wie das Beispiel von Thermoplan zeigt, lassen sich mit frugalen Innovationsansätzen neue Kundensegmente erschliessen. Dafür braucht es aber eine eindeutige Positionierung auf dem Markt und eine gewisse Wandlungsfähigkeit. Um das Geschäftsmodell schnell und gleichwohl nachhaltig anzupassen, eignen sich folgende agile Methoden:

  • Design Thinking (vgl. Brown, 2008) ist ein systematischer und zugleich flexibler Prozess zur anwenderorientierten Bearbeitung komplexer Problemstellungen. Dabei werden möglichst viele Beschäftigte verschiedener Organisationseinheiten beigezogen, welche die Problemstellung durch die Nutzerbrille betrachten. Der Prozess besteht in der Regel aus den Schritten Empathiegewinnung, Definition, Ideenfindung, Prototyping und Test. Die Lösungen werden in mehreren Iterationen entwickelt.
  • Kollaboration – diese strukturierte Methode dient dazu, in komplexen und unsicheren Systemen Kreativität stetig abrufen zu können. Möglichst viele Spezialisten und Expertinnen arbeiten vorerst alleine ohne Beeinflussung von anderen, um dann in multidisziplinären Teams die besten Ideen zu präsentieren und gemeinsam zu diskutieren. Jedes Mitglied der Arbeitsgruppe wird beteiligt und angehört. Diese Methode hebelt Gruppendynamiken, Vorurteile sowie kognitive Verzerrungen aus und lässt alle Blickwinkel ungefiltert in die Innovation einfliessen.
  • (Rapid) Prototyping gehört als Teilschritt von Design Thinking zum Kern des kreativen Prozesses. Einzelne Gruppen erstellen möglichst schnell, mit einfachen Mitteln und geringem Aufwand einen Prototyp, der von der gesamten Gruppe geprüft, in der Regel verworfen und sukzessive immer weiter verbessert wird. Dafür kommen Visualisierungen (Zeichnung, Wireframe, Storyboard), 3-D-Modelle (aus Karton, Knete oder Lego), digitale Formen (Video) oder Storytelling zum Einsatz.
  • Open Innovation bedeutet den Innovationsprozess zu öffnen, das heisst, nicht nur Interne, sondern auch Externe am Innovationsprozess zu beteiligen. Know-how und Ideen von Lieferanten, Kooperationspartnern sowie Kunden und Kundinnen werden genutzt, um die Qualität und Geschwindigkeit des Innovationsprozesses zu erhöhen.

Fazit

Frugale Innovationen entstehen meistens im Umfeld unplanbarer Ereignisse und sich schnell ändernder Kundenbedürfnisse. Wo Wachstum keine Option (mehr) ist, sondern das Geschäft möglichst gesichert werden muss, können frugale Innovationsansätze in Kombination mit agilem Handeln den Weg in eine erfolgreiche Zukunft weisen. Es reicht jedoch nicht, bei Highend-Produkten einfach einige Nebenfunktionen wegzulassen und diese möglichst effizient zu produzieren. Vielmehr braucht es eine Unternehmenskultur, welche die Kunden und Kundinnen ins Zentrum stellt sowie einen verständnisvollen und verantwortungsvollen Umgang mit den Mitarbeitenden. Und last but not least, die volle Unterstützung durch das Top-Management. Nur so kann es gelingen, einfache Lösungen in einem attraktiven Preis-Leistungsverhältnis zu entwickeln, welche einen gezielten Kundenmehrwert bieten.

Autor/in
Irene-Willi

Irene Willi Kägi

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