Zoom-Fatigue
Ungeduldig, genervt, reizbar: Litten Sie im Homeoffice auch schon an Zoom-Fatigue? (Symbolbild)

Ist Zoom-Fatigue (auch Zoom-Müdigkeit genannt) ein neuer Risikofaktor? Diese Frage stellt das Institut für Beschäftigung und Employability (IBE, Ludwigshafen) nach einer Befragung von 422 Führungskräften, HR-Experten, Personal- und Betriebsräten. Doch was steckt dahinter und existiert sie überhaupt?

Was versteht man unter Zoom-Fatigue?

Ein halbes Jahr nach Beginn des weltweiten Zoom-Siegeszuges veröffentlichten Jutta Rump und Marc Brandt im September 2020 ihre ersten Ergebnisse über die von ihnen flächendeckend festgestellte Zoom-Fatigue. Falls Sie nun spontan aufatmen, da Sie ein anderes Video-Konferenzsystem nutzen (z.B. Microsoft Teams oder WebEx), ist dies kein Grund zur Beruhigung: Die Autoren beschreiben Zoom-Fatigue als Müdigkeit, die sich nach zahlreichen virtuellen Meetings am Tag und in der Woche einstellt. Sie betrifft daher virtuelle Kommunikationsplattformen aller Anbieter. Die Zoom-Fatigue kann jeden treffen – wie das Virus – und höchstwahrscheinlich wurden Sie selbst schon Zeuge Ihrer eigenen Zoom-Fatigue oder der Ihrer Kolleginnen und Kollegen.

Verbreitung der Zoom-Fatigue

Ca. 60% aller Befragten haben schon einmal Zoom-Fatigue bei sich wahrgenommen, 38% empfinden die damit einhergehende Belastung zudem als stark oder sehr stark. Bei der überwiegenden Mehrheit tritt Zoom-Fatigue nur manchmal auf, allerdings beschreiben 9% aller Befragten die Zoom-Fatigue als permanenten Belastungsfaktor. Das bedeutet, dass in einem Meeting mit zehn Teilnehmenden im Schnitt ca. eine Person betroffen ist – ohne Zweifel ein substantieller Anteil.

Symptome und Ursachen der Zoom-Fatigue

Bei der Frage, wie sich die Zoom-Fatigue bemerkbar macht, wird die Reduktion der Konzentration fast durchgehend genannt (86% der zumindest manchmal Betroffenen). Jeder Zweite nennt Ungeduld oder Genervt Sein, jeder Dritte eine fehlende Balance. Über 20% beschreiben Kopf- und Rückenschmerzen sowie Sehstörungen. Auch negative Auswirkungen auf andere Meeting-Teilnehmende werden erwähnt. Von den Betroffenen beschreiben 29% eine erhöhte Reizbarkeit, 14% berichten von einem unwirschen Agieren gegenüber ihren Mitmenschen.

Die Autoren der Studie führen diese Belastungen auf interpersonelle Aspekte zurück, und auf Faktoren, die die Organisation des Meetings und die Technik betreffen. Die interpersonellen scheinen am wichtigsten zu sein und beziehen sich auf die fehlende menschliche Interaktion. Jeder Zweite der Betroffenen vermisst Gestik und Mimik in Videokonferenzen, den Small-Talk und das Netzwerken in den Pausen. Bezüglich der Organisation bzw. der Planung sind ca. 40% der Meinung, dass zu viele Meetings mit zu wenigen Pausen durchgeführt werden. Ebenfalls ca. 40% empfinden technische Probleme, die während virtuellen Meetings auftreten, als belastend. Jeder Dritte stört sich an einer wahrgenommenen Nüchternheit und Versachlichung.

Tipps zur Vermeidung ausgeprägter Zoom-Fatigue

Um den Belastungen entgegenzuwirken empfehlen 78% aller Befragten eine Begrenzung der Meeting-Zeit, Pausen zwischen verschiedenen Meetings (72%) und Pausen innerhalb eines Meetings (38%). Die Hälfte betrachtet eine humorvolle, alle miteinbeziehende Moderation als förderlich, und auch eine Begrenzung der Teilnehmerzahl wird als wirkungsvoll erachtet (40%).

Doch existiert die Zoom-Fatigue überhaupt?

Was anhand der vorliegenden Zahlen naheliegend erscheinen mag, ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht ganz so eindeutig. Denn von einer Zoom-Fatigue zu sprechen würde vor allem dann sinnvoll erscheinen, wenn eine spezielle Müdigkeit beobachtbar wäre, die (1) durch die Besonderheiten eines virtuellen Meetings ausgelöst wird und (2), welche die Müdigkeit herkömmlicher Meetings vor Ort übertrifft. Für beide Punkte liefern die Autoren keine Belege. Es ist ja nicht so, dass es sich bei Meeting-Müdigkeit um ein bisher völlig unbekanntes Phänomen handelt. Was jedoch sicherlich stimmt: Es gibt spezifische Aspekte, die nur virtuelle Meetings betreffen und die als belastend empfunden werden. Diese weitestmöglich zu reduzieren, sollten sich alle zum Ziel setzen, die virtuelle Meetings planen und durchführen. Die oben beschriebenen Vorschläge lohnen sich bestimmt selbst einmal auszuprobieren, falls sie nicht eh bereits praktisch umgesetzt werden. Unklar bleibt hingegen, ob die genannten Vorschläge auf eigenen positiven Erfahrungen beruhen, oder ob sie den Befragten lediglich als plausibel erscheinen. Ein Vergleich mit der beobachtbaren Müdigkeit in Meetings vor Ort wäre auch deshalb interessant, da auch ausgleichende Mechanismen denkbar sind, die diesbezüglich für die Durchführung virtueller Meetings sprechen. So kann beispielsweise vor einem frühen virtuellen Meeting vergleichsweise länger ausgeschlafen werden, wenn die Teilnahme im Homeoffice erfolgt und die Anreise zum Arbeitsplatz wegfällt. Die durchschnittliche Müdigkeit muss bei virtuellen Meetings daher nicht zwangsläufig höher ausfallen. Doch selbst wenn man eine aktuell höhere Belastung im Vergleich zu früheren Meetings feststellen würde, wäre diese nicht unbedingt auf die Besonderheiten der virtuellen Meetings zurückzuführen. Die hier beobachtbaren Symptome könnten auch nur Ausdruck der aktuell als belastend empfundenen Corona-Situation sein. Denn finanzielle oder gesundheitliche Sorgen verursachen wohl eher körperliche Symptome als schlechte Tonqualität. Was die Krise schon häufig gezeigt hat, zeigt sich auch hier: Einfache Erkenntnisse bleiben die Ausnahme.


Quellen:

Rump, J., & Brandt, M. (2020). Zoom-Fatigue. Ergebnisbericht der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen, Institut für Beschäftigung und Employability. Verfügbar unter https://www.ibe-ludwigshafen.de/zoom_fatigue/

Autor/in
Dantlgraber Michael

Dr. Michael Dantlgraber

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