Zwischen Berufung und Belastung Eine Studie zum Arbeitsmarkt für Musiker:innen
Sie lieben ihren Beruf – und arbeiten am Limit: Eine neue Arbeitsmarktanalyse der Kalaidos Fachhochschule zeigt, dass Musiker:innen in der Schweiz ihre Tätigkeit als Berufung erleben, gleichzeitig aber unter fragmentierten Anstellungen, hohem administrativem Aufwand und finanzieller Unsicherheit leiden. 60 % der Befragten stufen ihre Arbeitsbelastung im kritischen Bereich ein.
Wer Musiker:in wird, landet selten in einem klassischen 9-to-5-Job. Wie die berufliche Realität stattdessen aussieht, hat eine Studie der Kalaidos Fachhochschule bei Personen untersucht, die in der Schweiz im Bereich Musik und Musikpädagogik tätig sind.
Unterrichten und Auftreten: der Normalfall, nicht die Ausnahme
Die verbreitete Annahme, Musikpädagogik sei primär eine Alternative zur Bühnenkarriere, widerlegen die Daten deutlich: 62 % der Befragten arbeiten sowohl pädagogisch als auch performativ, ein Drittel ist ausschliesslich pädagogisch tätig – und niemand in der Stichprobe lebt allein von der Bühne. Die Doppelrolle aus Vermittlung und künstlerischer Praxis ist der Normalfall. Sie wird zwar oft als bereichernd erlebt, bringt aber erhebliche Koordinationsanforderungen mit sich, für die bislang kaum institutionelle Unterstützung besteht.
Hinzu kommt die Fragmentierung der Anstellungen: Für fast die Hälfte der Befragten besteht der Berufsalltag aus einem Mix verschiedener Verträge und Beschäftigungsformen. In den offenen Antworten ist von «Verzettelung» die Rede, vom «Jonglieren» mit «zu vielen kleinen Stellen» in verschiedenen Gemeinden oder Kantonen – inklusive unbezahlter Pendelzeiten und Unterricht in Randstunden, der mit dem Familienleben kollidiert.
Hohe Freude, hohe Belastung
Das Ergebnis ist ein bemerkenswertes Spannungsverhältnis: Die Befragten empfinden grosse Freude an ihrer Arbeit und sind mit ihrer beruflichen Situation insgesamt zufrieden. Gleichzeitig erleben sie ihre Arbeitsbelastung als sehr hoch – 60 % ordnen sie dem kritischen Spitzenbereich zu. Dasselbe Muster zeigt sich beim Wohlbefinden: Der Alltag ist voller Dinge, die interessieren, doch beim Aufwachen fühlen sich viele alles andere als frisch und ausgeruht.
Auch finanziell ist die Lage angespannt: Während 51 % angeben, dass am Monatsende regelmässig Geld übrigbleibt, haben 25 % wenig bis keinen finanziellen Spielraum. In den Freitexten wird das Honorarniveau im Performance-Bereich teilweise scharf kritisiert – Gagen von CHF 300 pro Konzert ergeben inklusive Vorbereitung, Proben und Anfahrt einen «miserablen Stundenlohn», der in keinem Verhältnis zur akademischen Ausbildung steht.
Fazit
Die berufliche Realität von Musiker:innen in der Schweiz bewegt sich zwischen Berufung und Belastung: hohe Identifikation mit der eigenen Tätigkeit auf der einen Seite, erschwerende Strukturen auf der anderen. Die Belastung entsteht dabei – so die zentrale Erkenntnis der Studie – nicht in der Tätigkeit selbst, sondern in den Bedingungen, unter denen sie ausgeübt wird.
Die explorative Studie basiert auf einer Online-Befragung mit 103 vollständigen Antworten und erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität.
