Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, über Boosting und Nudging
Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, über Boosting. (Bild: Kalaidos FH)

Ralph Hertwig ist Experte für die kognitiven Grundlagen menschlichen Entscheidens und seit 2012 Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Der Schwerpunkt seiner Arbeit besteht in der Analyse begrenzt rationaler Strategien (Heuristiken), mit denen Menschen unter Zeitdruck und ohne zuverlässige Informationen Entscheidungen treffen. Mit uns diskutierte der promovierte und habilitierte Psychologe über die Grenzen von Nudging – und über Boosting als empirisch belegte Alternative, mit der man die menschliche Entscheidungskompetenz verbessern kann.

 

Herr Hertwig, seit Richard Thaler den Wirtschaftsnobelpreis bekommen hat, ist Nudging noch prominenter. Hat Nudging diese Aufmerksamkeit verdient?

Ja und nein. Ja, weil Nudging erreicht hat, dass verhaltenswissenschaftliche Forschungsergebnisse weit über die Wirtschaftswissenschaft und Psychologie hinaus zur Kenntnis genommen werden. Dank Nudging kennen und anerkennen beispielsweise auch öffentliche Verwaltung und öffentliche Entscheidungsträger den Nutzen behavioraler Evidenz.

Nein, weil durch die Dominanz von Nudging aus dem Blickfeld rückt, dass es weitere empirisch belegte Alternativen gibt, mithilfe derer man die Entscheidungskompetenz der Leute verbessern kann. Insbesondere Alternativen, mit denen man Leute nachhaltig kompetenter machen kann. Das ist unter der Popularität von Nudging in den Hintergrund getreten.

Sprechen wir über diese Alternativen. Eine davon haben Sie in Ihren aktuellen Publikationen vorgestellt: Boosting. Was ist das genau?

Den Begriff Boosting haben der Philosoph Till Grüne-Yanoff und ich geprägt. Es geht dabei um Massnahmen, mit denen man Menschen nachhaltig kompetenter machen kann. Anders als beim Nudging liegt der Fokus nicht auf Verhaltenssteuerung durch Entscheidungsarchitekturen, sondern auf selbstbestimmte Verhaltensänderung durch Kompetenzvermittlung.

Die Frage, wie man Leute kompetenter macht, ist ja nicht neu. In der Gesundheits- oder Bildungspsychologie etwa finden Sie viele Interventionen, die man unter dem Begriff Boosting zusammenfassen kann. Wir haben versucht, diese Ansätze in ein kohärentes Konzept zu fassen und zu überlegen, was die politisch-philosophischen Implikationen von Boosting im Vergleich zu Nudging sind.

Nennen Sie uns konkrete Beispiele für Boosts?

Ein Thema, das mir speziell am Herzen liegt, ist der Aufbau von Risikokompetenz. Dazu gehören alle Entscheidungen, für die wir in irgendeiner Form Wahrscheinlichkeitsinformationen nutzen. Im medizinischen Bereich werden wir beispielsweise oft mit Aussagen konfrontiert, die folgendes Schema aufweisen: Wenn Sie sich für die medizinische Behandlung X entscheiden, wird Ihr Mortalitätsrisiko um 20 Prozent reduziert.

Im ersten Moment hört sich das toll an. Doch reicht diese Information aus, um sich für oder gegen eine Behandlung zu entscheiden? Risikokompetenz würde hier bedeuten zu fragen: Was versteckt sich hinter diesen 20 Prozent?

Geht man von 1’000 Patienten aus, kann sich die Mortalität beispielsweise von 5 nach 4, von 50 nach 40 oder von 500 nach 400 reduziert haben. Erst wenn man nach absoluten Häufigkeiten fragt, erfährt man, wie hoch die Mortalitätsreduktion tatsächlich ist. Im ersten Fall wäre es eine Person unter 1’000, im zweiten zehn von 1’000 und im dritten 100 von 1’000. Im medizinischen Kontext werden häufig nur über relative Risikoreduktion gesprochen, weil man damit den Behandlungserfolg besonders gross erscheinen lassen kann — und so werden aus einer Person aus 1'000 dann 20 Prozent Risikoreduktion.

Für mich bestünde Boosting nun darin, den Leuten diesen Sachverhalt zu erklären und ihnen zu vermitteln, dass die erste Frage in solchen Kontexten immer lauten muss: Was meinen Sie mit 20 Prozent? Übersetzen Sie das bitte für mich in absolute Zahlen. Das wäre ein Boost, den man innerhalb von 30 Sekunden erklären und sofort einüben kann.

Ralph Hertwig, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, über Boosting als Alternative zu Nudging
„Nudging und Boosting: Überlegen, wann was angewendet werden soll!" Ralph Hertwig im Interview. (Bild: Kalaidos FH)

Worin sehen Sie den grössten Unterschied zwischen Boosting und Nudging?

Es gibt eine Reihe von Unterschieden. Der wichtigste aus meiner Sicht: Boosting zielt auf die Stärkung von Kompetenzen, Nudging auf das Steuern von Verhalten.

Als Booster möchte ich einer Person nicht die Entscheidung abnehmen, ob sie nun ein Mammogram oder einen PSA-Test macht oder nicht. Oder ob sie in der Kantine zum Salatbuffet schreitet oder sich von Schnitzel und Pommes ernährt. Das sind in meinen Augen Entscheidungen, die bei der Person verbleiben müssen. Als Booster versuche ich, Kompetenzen zu stärken, die es der Person erlauben, ihre eigenen Präferenzen bei der Entscheidungsfindung umzusetzen. Beim Boosting möchte man die Entscheidungsautonomie der Person erhalten.

Nudger hingegen glauben zu wissen, was gut für die Person ist. Geht es beispielsweise um Organspende oder ums Sparen fürs Alter, kennt der Nudger die richtige Entscheidung. Er gestaltet die Umgebung dann so, dass das Verhalten automatisch folgt.

Ein anderer Unterschied liegt in der zeitlichen Ausrichtung. Boosting ist auf eine langfristige Wirkung ausgelegt. Wenn ich eine Person einmal in einem Bereich kompetent gemacht habe, ist sie es auch noch in einem Jahr – oder sogar in fünf. Im Vergleich dazu sind Nudges häufig sehr begrenzte Eingriffe. Sie zielen nicht darauf ab, jemanden langfristig zu befähigen, gute Entscheide zu treffen.

Die beiden Konzepte Nudging und Boosting darf man aber nicht gegeneinander ausspielen! Vielmehr muss man überlegen, unter welchen Bedingungen was angewendet werden soll. Für viele Problemlösungen brauchen wir sowohl Änderungen in der Entscheidungsarchitektur als auch den Aufbau bestimmter Kompetenzen.

Angenommen, Angela Merkel würde in der neuen Legislaturperiode nicht eine Nudge Unit, sondern eine Boost Unit ins Leben rufen. Welchen Boost würden Sie als Mitglied der Unit anstossen wollen?

Vorneweg: Am Bundeskanzleramt gibt es im Unterschied zu Grossbritannien, den USA oder auch Österreich keine explizite Nudge Unit. Es gibt lediglich eine Arbeitsgruppe, die sich mit effizientem Regieren auseinandersetzt. Die Leute, die dort arbeiten, verstehen sich daher auch nicht als Nudger, sondern eher als Experten, die einen breiten Blick auf die verhaltenswissenschaftliche Evidenz haben.

Würde Angela Merkel eine Boost Unit ins Leben rufen, könnte ein politisch relevantes Thema Übergewicht und dessen gesundheitliche Konsequenzen sein: Wie verhindern wir, dass unsere Kinder überhaupt erst übergewichtig werden?

Adressaten wären insbesondere Eltern, die als kompetente Entscheider gefordert werden – und dabei durchaus Unterstützung im Sinne eines Boostings bräuchten: Eine aktuelle Untersuchung von Dallacker et al. (in press) zeigt nämlich, dass Eltern beispielsweise systematisch, teilweise dramatisch, den Zuckergehalt von industriell verarbeiteten Nahrungsmittel unterschätzen. Grund dafür ist nicht etwa Ignoranz oder Irrationalität, sondern unsere Essensumgebung, die von der Nahrungsmittelindustrie systematisch verändert wurde. Unsere Intuition funktioniert nicht mehr richtig, wenn wir Kalorienmengen von Nahrungsmitteln einschätzen sollen.

Die Boost Unit von Angela Merkel könnte sich folgende Frage stellen: Wie befähigen wir Eltern dazu, möglichst schnell einschätzen zu können, ob in einem Produkt viel oder wenig Zucker drinsteckt? Und zwar, ohne dass sie lange Kalorien- und Nährwerttabellen studieren müssen. Die Unit würde dann beispielsweise über ein Ampelsystem nachdenken, welches bereits erfolgreich in Grossbritannien implementiert wurde.

Wenn sich ein/e Wirtschaftspsychologiestudent/in sehr für das Boosting-Konzept interessieren würde: Welche Themen könnten Sie ihr/ihm für die Abschlussarbeit empfehlen? Wo muss weiter Forschung betrieben werden?

Eine sinnvolle Fragestellung könnte sein, wie man die finanzielle Allgemeinbildung, die sogenannte Financial Literacy, in Privathaushalten erhöht, um privaten Konkursen oder finanziellen Engpässen entgegenzuwirken. Welche einfachen Buchhaltungsregeln lassen sich in Form von Boosts vermitteln, und zwar unabhängig von der Schulbildung der einzelnen Personen?

Dabei müssten die Studierenden nicht das Rad neu erfinden. Zu diesem Thema wurde und wird geforscht, allerdings häufig im Kontext von Entwicklungsländern. Die Studierenden könnten sich überlegen, was genau die Probleme im Privathaushalt sind, wenn finanziell etwas schiefgeht. Misslingt die finanzielle Planung, weil die Leute keine vollständige Übersicht über Einnahmen und Ausgaben haben? Oder werden bestimmte Ausgaben in der Zukunft nicht rechtzeitig antizipiert?

Eine solche Abschlussarbeit würde ich mit Interesse lesen.


Weiterführende Informationen und Quellen:


Dallacker, M., Hertwig, R., & Mata, J. (in press). Parents' considerable underestimation of sugar and their child's risk of overweight. International Journal of Obesity.

Hertwig, R., & Grüne-Yanoff, T. (2017). Nudging and boosting: Steering or empowering good decisions. Perspectives on Psychological Science, 12(6), 973-986.

Hertwig, R. (2017). When to consider boosting: some rules for policy-makers. Behavioural Public Policy, 1(2), 143-161.

 

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Autor/in
Dr. Jörn-Basel

Prof. Dr. Jörn Basel

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Autor/in
Sherin Keller

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