Nudging in der Jungholz Mensa (gestelltes Beispielbild)
Angewandtes Nudging an einem fiktiven Beispielbild aus der Jungholz-Mensa. (Bild: Kalaidos FH)

Stupsen ist in Mode. Das dürfte sich nach dem kürzlich an Richard Thaler verliehenen Nobelpreis für Ökonomie auch kaum ändern. Der Einsatz der „sanften Stupser“ (dt. für Nudge) ist nicht nur im Bereich Konsum äusserst fruchtbar, sondern hat sich insbesondere im Bereich der politischen Entscheidungsbildung etabliert. Trotz dieser Popularität bleibt Nudging ein kontrovers diskutiertes Thema, und es stellt sich die Frage, ob es Alternativen gibt, um „gute“ Entscheidungen voranzutreiben.  

Wie wirkt Nudging?

Nudging zielt hauptsächlich auf die Entscheidungsarchitektur. Es können beispielsweise Voreinstellungen so gewählt werden, dass die gewünschte Variante von vorneherein als Standard festgelegt wird (beispielsweise. wäre man so per Default Organspenderin – und wenn man dies nicht wollte, müsste man dies entsprechend kundtun, etwa durch Ankreuzen der Alternativoption). Treiber hinter dem Wirkungsmechanismus von Nudging ist die begrenzte Rationalität (Bounded Rationality) der Akteure, welche – vereinfacht gesagt – schlicht (mental) zu faul und/oder unfähig sind, langfristig zu planen und vernünftig zu agieren.

Warum wird Nudging kritisiert?

Insbesondere wird bemängelt, dass Nudging eine manipulative Note besässe und auch nicht sichergestellt werden könne, dass durch das „Stupsen“ auch wirklich hehre Ziele verfolgt würden. Richard Thaler stellt seinem Werk zwar die Losung „Nudge for good“ voraus, doch es ist fraglich, ob ein solcher Disclaimer ausreichend ist, damit Nudging auch tatsächlich für den guten Zweck eingesetzt wird und nicht zu „toxic“ Nudging führt. So könnte ein Unternehmen durchaus ein für den Kunden unvorteilhaften Default auswählen (z. B. eine unnötige und teure Zusatzversicherung) und darauf setzen, dass Kunden aufgrund ihrer Trägheit meist nicht von der Standardoption abweichen werden.

Boosting als Alternative?

Ein anderer Ansatz, Menschen zu besseren Entscheidungen zu führen, ist Boosting. Darunter versteht Ralph Hertwig (Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin) gezielte technologische oder kognitive Massnahmen, welche die individuelle Entscheidungskompetenz verbessern. Da hierbei gefördert anstatt gestupst wird, steht folglich weniger ein vorhersagbar-irrational agierender Akteur im Fokus, wie er typisch ist für zahlreiche Ansätze der modernen Verhaltensökonomie.
Stattdessen ist Boosting von der Idee geleitet, dass Menschen, trotz begrenzter kognitiver Ressourcen, sich erstaunlich gut in komplexen Umwelten zurechtfinden können. Diese Anpassung an bestimmte Umwelten bezeichnet Hertwig als ökologische Rationalität (Ecological Rationality).
Nudging und Boosting haben aber auch Gemeinsamkeiten: Ebenso wie Nudging soll Boosting dabei helfen, dass Menschen ihre Präferenzen, beispielsweise sich gesund zu ernähren, auch umsetzen können. Wie Nudging ist auch Boosting als zeit- und kostengünstige Intervention ausgelegt, welche die Entscheidungsfreiheit nicht einschränken soll.

Wo findet man Boosting?

Boosting hat ein ähnlich breites Anwendungsspektrum wie Nudging, ist von seinem Fokus her aber weniger eng auf einen ganz konkreten Sachverhalt ausgerichtet. Erfolgreiches Boosting findet sich beispielsweise im Bildungsbereich. So zeigt sich, dass eine regelmässig ausgeführte Schreibübung von nur fünf- bis zehnminütiger Dauer erfolgreich Prüfungsangst lindern kann (Ramirez & Beilock, 2011). Aber auch der Umgang mit Finanzen lässt sich, mittels des Erlernens einiger elementarer finanzökonomischer Daumenregeln, bedeutsam verbessern bzw. „boosten“ (Draxler et al., 2014).

Schliessen sich Nudging und Boosting aus?

Nein. Obwohl den Ansätzen ein unterschiedliches Menschenbild zu Grunde liegt, betont Ralph Hertwig (2017), dass je nach Ausgangslage sowohl Nudging als auch Boosting sinnvoll sein können. Wenn es beispielsweise an Motivation mangle, neue Kompetenzen zu erwerben (z.B. das Wissen darum, welche Vitamine in der täglichen Nahrung enthalten sein sollten), sei Nudging die bessere Wahl. Seien die Präferenzen der Akteurinnen hingegen nicht bekannt oder unterschiedlich (z.B. welche medizinische Vorsorgeuntersuchungen standardmässig durchgeführt werden sollten), sei laut Hertwig Boosting die weniger fehleranfällige Intervention.

Fazit

Boosting erweitert den Werkzeugkoffer für verhaltensorientierte Interventionen, insbesondere im politischen Bereich. Die Vorteile von Boosting sind, analog Nudging, die geringen Kosten und die starke evidenzbasierte Abstützung. Ein weiterer Vorzug liegt in der Betonung der Mündigkeit der Akteure, was den Vorwurf, dass psychologische Interventionen eine manipulative Färbung besitzen, deutlich entkräftet.
Wie ein gutes Werkzeug erfüllt Boosting einen bestimmten Zweck. Klar ist aber auch, dass Boosting-Ansätze, obwohl sie weiter greifen als Nudging, kein Universaltool sind. Hinsichtlich des Einsatzes in Politik und Wirtschaft sind ferner die Fragen offen, wer den Boosting-Bedarf identifiziert und wer schliesslich die Boosting-Massnahmen entwickelt.

Weiterführende Informationen und Quellen:

Drexler, A., Fischer, G., & Schoar, A. (2014). Keeping it simple: Financial literacy and rules of thumb. American Economic Journal: Applied Economics, 6(2), 1-31.

Hertwig, R. (2017). When to consider boosting: some rules for policy-makers. Behavioural Public Policy, 1(2), 143-161.

Ramirez, G., & Beilock, S. L. (2011). Writing about testing worries boosts exam performance in the classroom. Science, 331(6014), 211-213.

Autor
Dr. Jörn-Basel

Prof. Dr. Jörn Basel

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