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Wie werden Erklärvideos zur Information über die E-ID-Gesetzesvorlage genutzt? (Symbolbild)

Neben dem Bundesrat nutzen andere Organisationen wie die NZZ oder Easyvote Erklärvideos, um über die Volksabstimmung zum Bundesgesetz über elektronische Identifizierungsdienste (E-ID-Gesetz) vom 7. März 2021 zu informieren. Bei der Vorlage geht es darum, ob die vom Staat anerkannte elektronische Identitätskarte auch von privaten Firmen ausgestellt werden darf. Ob es den drei Erklärvideos gelingt, die kontrovers diskutierte Frage schnell, einfach und zielgruppengerecht darzustellen, soll folgender Vergleich zeigen.

Was sind Erklärvideos?

Erklärvideos sind Filme, in denen komplexe Sachverhalte, abstrakte Konzepte und Zusammenhänge aus der Perspektive der Zielgruppe möglichst effizient erklärt werden. Dabei kommen Text, Bilder, Musik und SprecherInnen zum Einsatz. Die Videos sind in der Regel nicht viel länger als drei Minuten und helfen mittels einer konkreten Geschichte (Storytelling), die Kernbotschaft im Gedächtnis zu verankern. Der Ablauf eines Erklärvideos folgt meist einer dramaturgischen Struktur (Storyline): Problemdarstellung, Lösungsansatz, Funktionsweise (z. B. eines Produkts oder einer Dienstleistung), Zusammenfassung, Handlungsaufforderung (Call to Action).

Schweizer Bundesrat

Erklärstil: Das Erklärvideo des Bundesrats bedient sich teils minimalistischen, teils sehr detailgetreuen Illustrationen mit wenigen Animationen. Texteinblendungen und die durchgehende Frauenstimme im Off bilden zusätzliche Gestaltungselemente. Mit Ausnahme eines kurzen Auftakts verzichtet das Video auf Musik. Die Thematik wird sachlich kommuniziert und stark vereinfacht. 

Storyline: Das dreiminütige Video hält sich im Grossen und Ganzen an die klassische Dramaturgie eines Erklärformats und beschränkt sich auf die Vermittlung der wesentlichen Punkte:

  1. Warum braucht es eine E-ID und welches sind die damit einhergehenden Probleme (keine Garantie für sicheres Login bei der Nutzung von Dienstleistungen im Internet).
  2. Welche Lösung hat der Bundesrat und das Parlament ausgearbeitet (E-ID-Gesetz)? Worauf zielt das Referendum?
  3. Worum geht es bei dem E-ID-Gesetz im Detail: Wie funktioniert es? Welches sind die Gegenargumente des Referendums (z. B. ungenügender Datenschutz), welches sind die Argumente des Bundesrats (der Staat sorgt für ein sicheres System durch Vorgaben und Kontrollen, die technische Umsetzung wird den privaten Firmen, Kantonen und Gemeinden überlassen).
  4. Die Call to Action bildet gleichzeitig die Kernaussage des Videos: «Stimmen Sie für das E-ID-Gesetz».

Sichtbarkeit und Rezeption im Internet: Das Erklärvideo wird in den schriftlichen Abstimmungsunterlagen prominent beworben (kostenloser Download eines Apps via QR-Code). Dementsprechend hat das am 02. Februar 2021 auf YouTube publizierte Video am meisten Aufrufe: 33’128 (Stand 02.03.2021). Da die Kommentarfunktion deaktiviert ist, sind keine direkten Reaktionen auf das Video ersichtlich.

Fazit: ein eher einfacher aber einheitlicher, der breiten Bevölkerung angepasster Erklärstil mit einer schnörkellosen, klaren Storyline. Als einzige der drei nimmt dieses Video (naturgemäss) Stellung zur Abstimmungsvorlage. Für eine umfassende Meinungsbildung reichen die zuweilen sehr stark vereinfachten Argumente nicht aus. Dafür muss man die schriftlichen Abstimmungsvorvorlagen und andere Quellen zur Hand nehmen.

 

YouTube-Erklärvideo zum E-ID-Gesetz (Schweizer Bundesrat, 2021)

NZZ

Erklärstil: Das Video der NZZ nutzt sehr stark die gesprochene Sprache als Gestaltungselement. (Die Sprache gehört ja auch zur Kernkompetenz der Zeitung.) Die reale Sprecherin in der Person von Bundeshausredaktorin Larissa Rhyn wendet sich ganz in Tagesschaumanier an die Zuschauer und bildet in wiederkehrenden Video-Sequenzen den roten Faden. Immer wieder werden sehr stark vereinfachte, zweidimensionale Illustrationen, kurze Texte und Videosequenzen aus echten Pressekonferenzen eingeblendet. Die ganze Story dauert vier Minuten und ist mit einer mal ruhigeren, mal lebendigeren Musik unterlegt.

Storyline: Beim NZZ-Video erscheint die Kernfrage bereits im Titel ("Sollen private Firmen E-IDs ausstellen?"). Darauf erläutert Rhyn, was mit der E-ID gemeint ist, worüber man sich einig ist und welche Punkte am meisten umstritten sind. Bis dahin erkennt man noch eine einfache klassische Dramaturgie. Etwas komplizierter wird es nach der provokativen Video-Botschaft des grünen Nationalrats Gerhard Andrey ("Die Digitalisierung der E-ID kommt einer Bankrotterklärung des digitalisierten Staates gleich."). In die daran anschliessende Erklärung des Identifizierungsprozesses werden konkrete Beispiele ("Der Kanton Schaffhausen hat schon eine E-ID.") sowie sich abwechselnde Pro- und Kontra-Argumente eingewoben. Die Wiederholung der Kernfrage zum Schluss stellt den Bogen zum Anfang wieder her.

Sichtbarkeit und Rezeption im Internet: Das am 12. Februar 2021 herausgegebene Video verzeichnet "lediglich" 1’738 Aufrufe auf YouTube (Stand 02.03.2021). Die NZZ regt direkt zum Kommentieren an: "Wir freuen uns, wenn Sie auf unserem YouTube-Kanal Inhalte und Meinungen mit uns austauschen." So sind die bisher 18 publizierten Kommentare auch mehrheitlich sachlich formuliert und verzichten auf beleidigende Äusserungen.

Fazit: abwechslungsreicher Erklärstil, der verschiedenste Gestaltungsmittel nutzt, jedoch einen etwas einheitlicheren Look vertragen würde. Die Dramaturgie wirkt zuweilen etwas sprunghaft, was das Aufnehmen und Behalten der Inhalte anspruchsvoll gestaltet. Die differenzierten Inhalte sprechen ein politikaffines, geistig bewegliches Publikum an.

 

YouTube-Erklärvideo zum E-ID-Gesetz (NZZ, 2021)

Easyvote

Für diejenigen, die Easyvote nicht kennen: Easyvote ist ein Projekt des Dachverbandes Schweizer Jugendparlamente (DSJ). Ziel ist, das politische Interesse und die Bürgerpflicht der 18- bis 25-Jährigen zu stärken. Dabei dient der Einsatz verschiedener Erklärformate dazu, die Überforderung, die oft im Zusammenhang mit Abstimmungen und Wahlen auftritt, abzubauen.

Erklärstil: Das Easyvote-Video nutzt den Whiteboard-Stil als durchgängiges Gestaltungselement, wobei eine gefilmte reale Hand auf einer weissen Oberfläche einfache Figuren und Objekte zeichnet. Die Aufzeichnung wird im Schnelldurchlauf wiedergegeben und die Illustrationen entstehen im Nullkommanichts vor den Augen der Zuschauer. Eine Männerstimme kommentiert durchgehend im Off. Die eher dynamische Musik führt im Hintergrund mal lauter, mal leiser durch das ganze Video. Die reduzierte Darstellung und der fast völlige Verzicht auf Farben lenken den Fokus auf das Wesentliche.

Storyline: Das Video mit einer Dauer von drei Minuten steigt damit ein, worum es beim Bundesgesetz über elektronische Identifizierungsdienste geht. Es fährt fort mit: warum wir darüber abstimmen und was sich ändern würde, wenn das Gesetz angenommen wird. Den Argumenten der Befürworter folgen die Argumente der Gegner. Am Ende erhalten die Zuschauer eine ganz klare und direkte Aufforderung, in welchem Fall Sie «Ja» bzw. «Nein» stimmen sollten. 

Sichtbarkeit und Rezeption im Internet: Das Video mit beachtlichen 12’424 Aufrufen (Stand 02.03.2021) ist seit 05. Februar 2021 auf YouTube zu sehen und regt offensichtlich zu Kommentaren und Diskussionen (teils mit Emojis) innerhalb der Community an. Dabei fällt auf, dass unter den 26 Kommentaren und unzähligen Antworten sich tendenziell mehr Stimmen gegen das neue Gesetz aussprechen.

Fazit: einfacher, verständlicher und einheitlicher Erklärstil mit einer ebenso einfachen und klar strukturierten Storyline. Das Video scheint sich an digital affine Jugendliche zu richten, die sich für politische Themen interessieren, mehr darüber wissen möchten und sich gerne mit ihresgleichen darüber austauschen.

 

YouTube-Erklärvideo zum E-ID-Gesetz (Easyvote, 2021)

Gesamtfazit

Die drei Videos unterscheiden sich punkto Erklärstil deutlich. Es gibt aber kein richtig oder falsch. Alle Stile sind auf ihre Art ansprechend. Die Storyline ist überall ähnlich aufgebaut. Doch folgen der Bundesrat und Easyvote einer einfachen, die NZZ einer etwas komplexeren Struktur. Insgesamt wird die Fragestellung in allen Videos klar, schnell und zielgruppengerecht erklärt. Die Erklärvideos erfüllen damit ihren Zweck.

Autor/in
Irene-Willi

Irene Willi Kägi

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