Stephan Mühlbacher, Wirtschaftspsychologe, erzählt über die Psychologie des Steuerzahlens
Stephan Mühlbacher hat zusammen mit internationalen Experten verschiedener Disziplinen zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Steuermoral verfasst. (Bild: Kalaidos FH

Steuern und Psychologie? Ganz genau. Denn sobald Sie sich überlegen, was Sie eigentlich von unserem Steuersystem halten und warum Sie Ihre Steuererklärung korrekt ausfüllen (oder eben nicht), bewegen wir uns auf wirtschaftspsychologischem Terrain. Mehr dazu erfahren Sie in unserem Beitrag über die Psychologie des Steuerzahlens.

Das Steuerthema lässt kaum jemanden kalt – weder die Steuerzahlenden noch die Steuerhoheit. Die einen verhalten sich nicht immer kooperativ, weil sie sich vielleicht ungerecht behandelt fühlen oder ihre egoistischen Interessen durchsetzen wollen, die anderen zerbrechen sich den Kopf darüber, wie die Zahlungsmoral der Steuerpflichtigen gestärkt werden könnte. Genau darüber haben wir uns mit dem Wirtschaftspsychologen Stephan Mühlbacher, Autor des kürzlich erschienenen Buches „Die Psychologie des Steuerzahlens“, unterhalten.

 

Herr Mühlbacher, warum wird über Steuergerechtigkeit so häufig debattiert? Was beschäftigt natürliche Personen, was Unternehmen am meisten?

Über Gerechtigkeit lässt sich vortrefflich streiten: Fast jeder fühlt sich doch irgendwo unfair behandelt. Der eine sieht sich als Leistungsträger, dem die – aus seiner Sicht – viel zu hohe Einkommenssteuer seine unternehmerische Freiheit einschränkt. Der andere findet, dass «die da oben», die «Reichen», mehr zahlen sollten, denn «die haben’s ja». Vergessen wird dabei, dass die Wahrnehmung von Gerechtigkeit stark subjektiv und ideologisch geprägt ist und ein objektiv gerechter Zustand wohl nicht existiert, sondern demokratisch bestimmt werden muss. Ausserdem basieren Fairnessurteile meist auf dem Vergleich mit anderen: Für natürliche Personen ist es wichtig, dass sie nicht schlechter aussteigen als der Nachbar, Freunde oder Arbeitskollegen. Unternehmen vergleichen sich mit der Konkurrenz, mit anderen Branchen oder mit globalisierten Konzernen, die viel umfangreichere Möglichkeiten haben sich vor der Steuer zu drücken.

Lassen Sie uns über Steuerhinterziehung und Steuerumgehung reden und folgende Hypothese aufstellen: Steuerhinterziehung ist ein Kavaliersdelikt und Steuerumgehung ist clever. Entspricht dies der Einstellung der Gesellschaft?

Steuerhinterziehung wird tatsächlich von vielen als Kavaliersdelikt gesehen, das kaum schwerer wiegt als ein Fahrraddiebstahl oder Schwarzfahren im öffentlichen Verkehr. In manchen Ländern mit besonders geringer Steuermoral ist es fast schon zum Volksport geworden den Fiskus zu betrügen. Aber selbst in Gemeinschaften mit besserer Moral ist Hinterziehung weit verbreitet und fast jeder scheint jemanden zu kennen, der schon mal schwarz gearbeitet oder die Steuererklärung beschönigt hat. Steuerumgehung wird deshalb als clever erachtet, weil es das entsprechende Know-How braucht, um die Grauzonen des Gesetzes voll auszureizen und Steuern zu sparen ohne dabei eine Strafe zu riskieren. Das Bild dürfte sich in den letzten Jahren jedoch zum Positiven gewandelt haben. Die vielen Fälle prominenter Persönlichkeiten und Unternehmen, die es mit der Steuervermeidung viel zu weit getrieben haben oder beim Hinterziehen erwischt wurden, wurden medial und in Protesten der Zivilbevölkerung lautstark angeprangert. Durch die öffentliche Kritik wird eine positive gesellschaftliche Norm geschaffen und ausgedrückt, dass Steuerbetrug eben nicht OK ist. Ausserdem bemühen sich Finanzbehörden – beispielsweise in Australien, den Niederlanden, Österreich oder den USA – seit einiger Zeit darum, Steuerzahler nicht als potentielle Kriminelle zu verstehen, sondern als Kunden, die durch entsprechende Hilfestellungen und Services dabei unterstützt werden müssen, im komplexen Wirrwarr der Vorschriften alles richtig zu machen und keine Fehler zu begehen.

Korreliert Steuermoral mit gewissen soziodemografischen Merkmalen oder Persönlichkeitseigenschaften?

Der typische Steuerhinterzieher ist jung, männlich und selbständig. Der Zusammenhang mit dem Lebensalter ergibt sich vermutlich daraus, dass junge Steuerzahler eher bereit sind, das Risiko einer Kontrolle und Strafe einzugehen, und weniger Wissen darüber haben, wie man auch im Rahmen der Gesetze die Steuerlast etwas minimieren kann. Ausserdem vergrössert sich normalerweise mit dem Alter das familiäre, freundschaftliche und berufliche Netzwerk, so dass viel besser verstanden wird, welche Leistungen aus Steuern finanziert werden und welchen gesellschaftlichen Wert diese staatlichen Leistungen haben. Die Selbständigkeit verführt wohl hauptsächlich deswegen zur Unehrlichkeit, weil Freiberufler schlicht mehr Möglichkeiten zur Hinterziehung und Umgehung haben als Angestellte. Zudem erleben sie viel direkter als Nettolohnempfänger, wieviel vom erzielten Einkommen an Staat und Sozialversicherung abzugeben sind, und nehmen die Zahlungen als Verlust wahr. Was den Einfluss des Geschlechts betrifft, bin ich persönlich skeptisch, dass es sich um einen biologisch begründeten Effekt handelt. In einigen Studien wurde zwar beobachtet, dass Männer eine geringere Steuermoral haben als Frauen, in anderen Studien konnte aber kein Zusammenhang festgestellt werden. In einer Untersuchung unserer Forschungsgruppe haben wir zwischen angestellten und selbständigen Steuerzahlern unterschieden. Bei den Angestellten fanden wir die zitierten Unterschieden zwischen Frauen und Männern, bei den Selbständigen jedoch nicht. Diese Beobachtung spricht dafür, dass die Unterschiede eher aus der sozialen Rolle resultieren, die Steuerzahler in ihrem Beruf einnehmen, als aus biologischen, mit dem eigenen Geschlecht verbundenen Merkmalen.

Welche Massnahmen zur Verbesserung der Steuermoral gibt es?

Man kann zwei Kategorien an Massnahmen unterscheiden: Der Staat kann seine Macht ausspielen und die Zahlungen erzwingen oder er versucht das Vertrauen der Bürger zu gewinnen um die freiwillige Kooperation zu fördern. Der erste Ansatz ist der traditionelle Weg in der Kriminalitätsbekämpfung, bei dem versucht wird durch Kontrollen und Strafen vor Gesetzesübertretungen abzuschrecken und die schwarzen Schafe so lange zu verfolgen, bis sie keine andere Wahl haben als sich zu ergeben. Solche Massnahmen sind zwar weniger wirksam als theoretisch angenommen wird, aber schon alleine deshalb notwendig, um die ehrlichen Steuerzahler zu schützen und zu zeigen, dass Regelverstösse nicht geduldet werden. Wenn jedoch mit übertriebener Härte und voller Misstrauen gehandelt wird, dann verschreckt man auch diejenige, denen zwar ab und an Fehler passieren, die aber grundsätzlich alles richtig machen wollen. Auf diese zweite, kooperationsbereite Gruppe an Steuerzahlern zielt das zweite Bündel an Massnahmen ab. Beispielsweise kann durch Transparenz, Mitbestimmung und Serviceangebote ein Klima geschaffen werden, das auf wechselseitigem Vertrauen basiert und Kooperation fördert.

Ein kurzes persönliches Statement zur Steuerpolitik von Donald Trump?

Von Trump mag man halten, was man will, bei mir verursacht seine Politik vor allem verständnisloses Kopfschütteln. Was – nicht nur – seine Steuerpolitik betrifft, so empfinde ich es als sehr befremdlich, wenn sehr vermögende Unternehmer für einige Zeit von der Wirtschaft in die Politik wechseln und dort die Spielregeln bestimmen, die dann auch für ihre eigenen Firmen gelten.



Weiterführende Informationen und Quellen:

Mühlbacher, S. & Zieser, M. (2018). Die Psychologie des Steuerzahlens. Berlin: Springer.

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