Notebook mit zwei Miniatur-Einkaufswagen
Herr und Frau Schweizer setzen seit der Pandemie vermehrt auf Online Shopping, was zu einer wachsenden Bedeutung des E-Commerce führt. (Symbolbild)

Kampf dem Bullwhip-Effekt: So können Supply Chains im E-Commerce trotz Pandemie effizient gestaltet werden.

Seit Beginn der Pandemie hat sich das allgemeine Konsumverhalten verändert. So setzen auch Herr und Frau Schweizer vermehrt auf Online Shopping, was zu einer wachsenden Bedeutung des E-Commerce führt. Zudem bewegen wir uns aktuell in einer sich laufend und stark verändernden Lebenswelt: Die Pandemie hat Jobkürzungen, die Zunahme von Remote Work und ständig wechselnde äussere Einflüsse durch Staaten, die Lockdowns einführen und wieder aufheben, zur Folge. Die Kombination dieser Umstände mit der zunehmenden Wichtigkeit des E-Commerce erschwert Transport- und Lieferlogistik und stellt Einkäufer/innen vor grosse Herausforderungen. Erschwerend hinzu kommt der sogenannte Bullwhip-Effekt.

Was ist der Bullwhip-Effekt?

Der Bullwhip-Effekt ist ein Phänomen, welches beschreibt, wie kleine Schwankungen in der Endkund/innennachfrage zu immer grösseren Schwankungen im Bestand führen, je weiter man sich zum Ursprung der Lieferkette bewegt. Der Name "Bullwhip-Effekt" bedeutet "Peitscheneffekt" – auf Deutsch: Kleine Änderungen im Endkonsum haben grosse Auswirkungen für Hersteller/innen am Ursprung der Supply Chain. Genau wie bei einer Peitsche – eine kleine Bewegung am Griff kann einen grossen Effekt am Peitschen-Ende auslösen.

Ursachen und Konsequenzen für Unternehmen

Der Hauptgrund für diese zunehmenden Schwankungen entlang der Lieferkette liegt in der erschwerten Interpretation und Verarbeitung von Nachfragesignalen. Das kommt daher, dass die Bestellmengen der Abnehmer/innen lediglich deren Planungs- und Prognosesysteme widerspiegeln – nicht aber die effektive Nachfrage. So sind veränderte Bestellmengen nicht zwingend auf eine veränderte Nachfrage zurückzuführen, sondern liegen in der Strategie der Abnehmer/innen begründet. Diese Einkaufsstrategien können durch unterschiedliche Ansätze zustande kommen:

  • Auftragsbündelung: Um bessere Preise zu erhalten, bündeln Einkäufer/innen ihre Bestellungen.
  • Absicherung gegen Engpässe: Um sich gegen einen plötzlichen Ansturm abzusichern, werden zum effektiven Bedarf zusätzliche Reserven hinzugefügt. Dies führt zu umfangreicheren Bestellungen. Seit der Pandemie wird dieser Ansatz zeitweise vermehrt angewendet, da man sich vor allfälligen Hamsterkäufen schützen will.
  • Hohe Preisvolatilität: Wenn strategische Einkäufer/innen vermuten, dass Preise in (naher) Zukunft steigen werden, verhandeln sie tendenziell grössere Mengen, um Kosteneinsparungen zu generieren.

Schwankungen beim Einkauf, welche durch oben genannte Gründe zustande kommen und zusätzlich durch zeitliche Verzögerungen auf den einzelnen Stufen der Lieferkette erschwert werden, können bei Händler/innen und Abnehmer/innen zu einem Ungleichgewicht in ihrem Lagerbestand führen. Zu volle oder leere Lagerbestände können wiederum folgende Konsequenzen haben:

  • Höhere Kosten für Lager und Logistik: Gerade für Multichannel-Vertriebe, wie sie im E-Commerce üblich sind, kann dies verheerend sein.
  • Kundenverluste und Nachteil bei der Wettbewerbsposition durch Out-of-Stock-Situation: Im boomenden E-Commerce sind die Erwartungen der Kund/innen gestiegen. Es werden hohe Service-Qualität und schnelle Lieferung erwartet. Kann dies nicht gewährleistet werden, wechseln die Kund/innen den Anbieter.
  • Preiszerfall bei Überproduktion: Das verfügbare Angebot ist grösser als die Nachfrage, das Resultat davon sind Preiszerfall und Gewinneinbussen.

Der Bullwhip-Effekt besteht also darin, dass aufgrund einer Prognose anstelle der effektiven Nachfrage zu viel oder zu wenig eingekauft wird. Dadurch können beim Anbieter oder bei Zwischenhändlern aufgrund eines Ungleichgewichts in den Lagerbeständen Mehrkosten anfallen, Wettbewerbsnachteile entstehen oder es muss mit einem Preiszerfall gerechnet werden.

Lösungsansätze: Bullwhip-Effekt reduzieren

Die Lösung für den Bullwhip-Effekt liegt grundsätzlich in der Verbesserung der Kommunikation. Diese muss entlang der kompletten Supply Chain vereinfacht werden und in Echtzeit stattfinden. Dabei helfen:

  • Gemeinsame Kennzahlen: Collaborative Planning, Forecasting and Replenishment (CPRF) – also der partnerschaftliche Austausch von Prognose- und Planungsinformationen zwischen Hersteller/innen und Händler/innen
  • Erhöhung der Reaktionsfähigkeit: Transparenz und Informationen in Echtzeit erlauben ein schnelles Reagieren auf Ausnahmesituationen und ein treffenderes Beobachten der Nachfrage. Das führt zu attraktiven Lieferfristen für Kund/innen.

Für diese beiden Lösungsansätze ist der Einsatz von digitalen Tools und neuen Technologien praktisch unerlässlich. Nützliche Tools für die Optimierung von E-Commerce Lieferketten können zum Beispiel die folgenden sein:

  • Cyber-Physical Systems (CPS) und Cloud Computing verbessern Interpretation und Verarbeitung von Nachfragesignalen und verkürzen Zeitverzögerungen.
  • Die Blockchain-Technologie unterstützt die Prozessoptimierung und Verbesserung von Daten-Handling.
  • Der Einsatz von Big Data, künstlicher Intelligenz (AI) und Internet of Things führen zur Steigerung der Effizienz.

Fazit und Take-Away

Den Bullwhip-Effekt kann man zwar nie vollständig verhindern, aber mit den genannten Massnahmen bestmöglich reduzieren. Für Supply Chain Manager und Einkäufer/innen gilt es, sich mit digitalen Trends auseinanderzusetzen und sie zur Optimierung der eigenen Lieferkette zu implementieren. Wer sich dem Bullwhip-Effekt bewusst ist, kann Lieferketten im E-Commerce auch trotz Pandemie effizient gestalten.

Autor/in
Ralf Schneider

Ralf Schneider

Zum Profil
Digitalisierung | Supply Chain Management
more...

CAS FH in Digitales Management und Unternehmensführung

Certificate of Advanced Studies (CAS)

Mehr laden
Digitalisierung | Unternehmensführung | Wirtschaft
more...
Facebook Twitter Xing LinkedIn WhatsApp E-Mail