Mann sägt Ast vom Baum
Wenn Laien sich als „Experten“ betätigen (Symbolbild)

Gehören Sie zu den Allroundern, die zuhause Wände hochziehen, ein neues Heizungssystem einbauen, Elektrikerarbeiten erledigen und nebenbei ein 5-Sterne-Menü zaubern, während parallel eine Chinesisch-Sprach-App Ihnen beibringt, korrekt „Ni hao“ (Guten Tag!) auszusprechen?

Schuster bleib bei deinen Leisten!

Ich nicht. Statt Wände zu versetzen ziehe ich lieber um, so muss ich mir auch keine Gedanken zum Heizungssystem oder den Elektrikerarbeiten machen. Ein Fünf-Sterne-Menü kann ich leider auch nicht kochen, es reicht nur bis zum „Detscher“ nach einem Rezept meiner Grossmutter (der soll aber ziemlich gut schmecken). Immerhin, „Ni hao“ kann ich noch einigermassen korrekt aussprechen. Für alles andere wende ich mich an professionelle Handwerker und räume lieber das Feld.

Auch sonst fühle ich mich wohler, wenn ein Ingenieur die Entwicklung von Autos übernimmt und in der Produktion Bauabweichungen an Komponenten aufgrund seiner Fachexpertise akzeptiert oder zurückweist. Dafür ist er schliesslich ausgebildet. Ich würde auch niemals auf die Idee kommen, bei meinem Nachbarn eine Wurzelbehandlung durchzuführen.

„Mit etwas Planung und Koordination ist es doch schon getan!“

Warum ist es dann in vielen Unternehmen und Branchen üblich, dass Menschen, die kein Experte auf dem Gebiet des Projektmanagements sind, dennoch als ProjektleiterIn amten? Die Antwort ist klar: Projektmanagement wird einfach unterschätzt à la „Projektmanager haben nur den Plan zu liefern - für die Umsetzung ist ja das Projektteam zuständig. Hinzu kommt ein bisschen Koordination und das Freigeben der Rechnungen.“ Jede/r, die/der erfolgreich einen Blinddarm herausnehmen oder Triebwerke designen kann, ist schliesslich auch ein/e erfolgreiche/r ProjektmanagerIn oder? Das heisst, nicht nur ÄrztInnen und IngenieurInnen, sondern auch andere Berufsfachleute, die Erfolge nachweisen können.

Warum übernehmen also Menschen verschiedenster Berufsgruppen Tätigkeiten als Projektleitende? Weil den Erfolgreichen alle Wege offenstehen: Zugewinn an fachlicher Verantwortung (manchmal sogar durch Fellow-Programme), Übernahme von disziplinarischer Verantwortung oder auch von Projekt- oder Programmanagement-Funktionen.

Projektmanager brauchen die passende Qualifizierung

Ausgebildete Projektmanager/innen sehen dies anders. Schliesslich gehört zum Projekt mehr als eine Idee, ein paar Leute, die am Projekt arbeiten, Geld und ein Projektplan.
Doch die Teilnahme an einem Seminar ist noch nicht ausreichend, um ein grosses Projekt zu leiten. Schliesslich schaue ich mir auch kein YouTube-Video an, wie ich am besten ein Stromkabel verlege und übernehme das gleich für ein komplettes Mietshaus. Deshalb erlauben Sie mir die Frage: Ist es richtig, dass z.B. ein erfolgreicher Spezialist auf einmal ein Grossbaustellen-Projekt leiten soll? Oder sollte dies nicht besser professionellen ProjektmanagerInnen überlassen werden? Und weshalb gibt es in grossen Konzernen Fellow-Programme für Ingenieure, aber so gut wie keine im Projektmanagement?

Hier scheint in der Praxis ein Missverständnis vorzuliegen. So, wie sich alle Berufsgruppen aus- und fortbilden, gilt dies genauso für das Projektmanagement. Nicht umsonst gibt es eine Vielzahl an Projektmanagementaus- und -weiterbildungen; vom einfachen Seminar mit Teilnahmebescheinigung, über spezifische Zertifizierungsprogramme (IPMA, PMI usw.) bis hin zum umfangreichen Studium mit Hochschulabschluss im Projektmanagement (konsekutiver Master MSc oder Weiterbildungsmaster MAS, E/MBA).

Projektmanagement geht über Methodenkompetenz hinaus

Projektmanagement ist mehr als ein paar Tools zu kennen. Projektleitende vereinen viele Rollen in einer Person:

  • Botschafter (Überbringen von Informationen innerhalb und ausserhalb des Teams)
  • Dolmetscher (zwischen den unterschiedlichen Fachabteilungen)
  • Generalist (Ein gewisses Grundverständnis zum Projektinhalt ist i.d.R. ausreichend; Anwenden von erlerntem Wissen im Bereich Finanzen, Führung, Planung; das Weiterentwickeln und vertiefte Wissen hingegen steuern Mitarbeitende aus den Finance-, HR-, Fertigungsabteilungen usw., bei.)
  • Experte im Projektmanagement (für Projektmethoden und alle oben aufgeführten Rollen mit umfassender Erfahrung von Projekten mit einer entsprechenden Komplexität; die Komplexität bezieht sich dabei nicht auf die Branche oder das Produkt selbst.)

Wenn Sie jetzt nachschlagen möchten, was Projektkomplexität ist, rufen Sie mich doch einfach an. Ansonsten freue ich mich, mit Ihnen zu diskutieren, ob Projektmanagement wirklich jede/r kann… und auch können sollte!

Quellen und weiterführende Informationen

IBM (2020, April 13). IBM Fellows: Extraordinary achievements by exceptional individuals [Website]. 

Martin. P. (2017). Speeding time to market with better pharmaceutical project management. Pharmaceutical Technology 40(8), 40-45.

Wirth, I. (1996). How generic and how industry-specific is the project management profession? International Journal of Project Management, 14(1), 7-11.

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