Deutschland - Schweiz: Zahnräder
Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Schweiz: aufgrund der kulturellen Unterschiede nicht immer so reibungslos. (Symbolbild)

Deutschland, der grosse Bruder und die Schweiz, das kleine, exklusive Land, das sich erfolgreich gegen alle Vereinnahmungen und Bestimmungen der Nachbarländer gewehrt hat - beide Länder sind sich sehr verbunden und grenzen sich gleichzeitig gegenseitig ab. In der Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Schweizern geht man immer davon aus, dass man sich ohne Worte versteht und sehr ähnlich funktioniert. Doch gerade diese Gleichheitsannahme führt oft zu grossen Missverständnissen.

Deutschland: wichtigster Handelspartner der Schweiz

Bevor wir auf die kulturellen Unterschiede zwischen Deutschland und der Schweiz eingehen, sollten wir uns bewusst sein, dass Deutschland weltweit den ersten Platz bei Importen wie auch bei den Exporten belegt und damit als wichtigster Handelspartner der Schweiz gilt: So wurden in 2019 für 47.7 Milliarden Schweizer Franken Waren nach Deutschland exportiert und für 57.2 Milliarden Schweizer Franken Waren importiert (vgl. Abb.). Damit wird auch offenbar, wie wichtig es ist, ein gegenseitiges Verständnis zwischen den beiden Kulturen zu entwickeln.

Grafik: Aussenhandel Schweiz 2019

 

Abb: Aussenhandel der Schweiz 2019, Bundesamt für Statistik.

Unterschiede in der Kommunikation

Die Unterschiede in der Kommunikation zwischen den Deutschen und den Schweizern zeigen sich hauptsächlich beim Kommunikationsstil, der Direktheit, der unterschiedlichen Sprachgewandtheit, der Diplomatie und der Schnelligkeit.

In der Begegnung mit Schweizern sind Höflichkeiten austauschen und sich vermehrt bedanken sowie viele Konjunktive benutzen genauso wichtig wie Small Talk und interessierte Fragen stellen. Dagegen ist das Nennen der Titel in der Schweiz weniger wichtig und wird von den Deutschen schnell als aufschneiderisch empfunden.

Die Schweizer sprechen in der Regel langsamer als die Deutschen und fühlen sich bei erhöhtem Tempo leicht überfahren. Ihnen sollte man nicht ins Wort fallen und angefangene Sätze nicht übereilt beenden – es braucht eine Anpassung an das gemütlichere Redetempo.

Beispiel: Kommunikation zwischen Chef und Kollege

Als ich eine Zeit lang beruflich in Deutschland weilte, war ich es als Schweizer Manager und Führungskraft gewohnt, beim Delegieren von Projekten die E-Mails an die Kolleginnen und Kollegen mit einer Anrede, Bitte und bestimmten Aufgabe inklusive Frist zu verfassen. Wenn es die Umstände erlaubten, erläuterte ich jeweils auch WARUM dieses Projekt durchzuführen und welche Absicht damit verbunden war. Auf diese E-Mail kam dann meist ein knappes „geht klar“ zurück.

Es vergingen ein paar Monate, bis mir eine Kollegin mal erklärte, dass ich meine Mails ruhig auch kürzer und direkter halten könnte und dass in Deutschland die Kommunikation unter engen Kolleginnen und Kollegen durchaus auch ohne Anrede üblich sei mit dem einzigen Inhalt: WAS ist bis WANN zu tun bzw. fertigzustellen. Ich konnte mich zwar in den drei Jahren bis zum Schluss nicht ganz an diese effiziente und direkte Kommunikation gewöhnen. Meine Mails wurden jedoch während jener Zeit um mindestens 80 Prozent kürzer. Am Ende hatte ich diese neue Art der Kommunikation lieben gelernt - ohne Floskeln direkt zum Punkt zu kommen.

Demgegenüber werden deutscher Manager, die in die Schweiz kommen, gut beraten sein, ihre schriftliche und mündliche Kommunikation etwas anzupassen. Schweizer Kolleginnen und Kollegen können sich sonst schnell „vor den Kopf“ gestossen fühlen und verstehen nicht, dass weder ein Fehlen von Respekt und emotionaler Intelligenz noch Faulheit hinter dieser direkten Kommunikationsform steckt.

Deutsche sollten sich ebenso merken: Das Du wird in der Schweiz auf der Arbeit unter Kolleginnen und Kollegen wie auch mit Vorgesetzten sehr schnell angeboten - oft bereits am ersten Arbeitstag. (Das ist in Deutschland nicht gebräuchlich, schon gar nicht zwischen hierarchisch unterschiedlich Gestellten.) Und: Titel sind in der mündlichen wie in der schriftlichen Kommunikation lange nicht so wichtig wie in Deutschland.

Vertrauens- und Beziehungsaufbau

Vertrauen in einer Geschäftsbeziehung wird in Deutschland und der Schweiz unterschiedlich aufgebaut. Der Deutsche (D) legt grossen Wert auf seine Expertenkompetenz, die durch Referenz bestätigt werden muss – der Schweizer (CH) dagegen wertet Sachbezug und Understatement höher. D fällt Entscheidungen anhand von vorgegebenen Prozessen – CH akzeptiert auch intuitive Entscheidungen, D schafft Vertrauen durch Reden und Informieren – CH gibt Raum, hört zu und nimmt sich zurück und D ist expertenorientiert – CH ist mehr konsensorientiert.

Beispiel: Kommunikation mit Geschäftspartnern

Während meines besagten Auslandaufenthalts musste ich den deutschen Inhabern mit dem durchaus berechtigten Stolz über ihr Firmenimperium klar machen, dass egal wie erfolgreich sie auch in Deutschland und anderen Ländern bereits unterwegs waren, egal wie vielversprechend die Prognosen für den Schweizer Markt auch sein mögen, „Understatement“ und Bodenständigkeit bei Schweizern immer gut ankommt und allzu wilde Zukunftsprognosen wenig bis keine Wirkung erzeugen. Ob und wie gut ein Produkt oder eine Dienstleistung in der Schweiz auf Akzeptanz stösst, wird oft mit dem Kommentar: „Werden wir dann sehen.“ typisch schweizerisch neutral kommentiert.

Höflichkeit und Etikette

Es gibt in der Schweiz Höflichkeitsrituale, die zum Alltag gehören wie kurze, einleitende Fragen, bevor man zum Business übergeht. Genauso wichtig ist es, keine direkten Anordnungen oder Befehle zu geben, sondern neutral und freundlich zu sagen, welche Aufgaben anstehen.

Beispiel: Höflichkeitskonjunktiv

Die Zusammenarbeit darf ruhig mit Floskeln umschrieben werden: „Es wäre toll, wenn...“, „Es könnte der Anfang einer erfolgreichen Partnerschaft werden...“, „Es würde uns extrem freuen, die Produkte bei Ihnen platzieren zu dürfen...“, etc.

Bevor Schweizer in ein Meeting einsteigen, nehmen sie sich gerne Zeit für Personen, die sie noch nie getroffen haben. Dabei geht es darum, etwas über den Menschen zu erfahren. Dies heisst nicht, dass gleich alle Beziehungsprobleme aufgetischt werden müssen, nein, ich meine damit eher, dass das „Warm werden“ des Gegenübers und das echte Interesse an der anderen Person eine wichtige Rolle für die zukünftige Geschäftsbeziehung spielt. Wenn sie dann zustande kommt.

Schweizer lieben Dankbarkeit. Man kann in der Schweiz eigentlich gar nicht genug Danke sagen. Danke, dass wir heute hier sein und unser Produkt vorstellen dürfen. Danke für das Wasser und Danke für einfach alles. Danke, Danke, Danke. Was in Deutschland als schleimig und übertrieben daherkommt, hat in der Schweiz eine ganz andere Bedeutung. Danke zu sagen, wann immer möglich, ist nicht nur wichtig, sondern wird enorm geschätzt. Eben „Danke“ dafür, dass Sie so dankbar sind. Auch in der schriftlichen Kommunikation wird die Höflichkeit gross geschrieben. Man wünscht sich einen schönen Feierabend, gutes Gelingen bei Projekten oder ein erholsames Wochenende.

Kompetenzdarstellung

Die Art und Weise, in welcher die eigene wie auch die Kompetenz anderer dargestellt wird, unterscheidet sich bei den Schweizern und Deutschen erheblich. Die Ausdrucksweise reicht von einer zurückhaltenden, bescheidenen und untertreibenden (CH) bis hin zu einer dominanten, stolzen und übertriebenen Kompetenzdarstellung (D).

Beispiel: Bewerbungsgespräche in Deutschland und der Schweiz

Werfen wir wieder einen Blick auf meinen beruflichen Aufenthalt in Deutschland: Die Souveränität der deutschen Kandidatinnen und Kandidaten innerhalb des Vorstellungsgesprächs beeindruckten mich. Im Vergleich zur Schweiz war mir dieses selbstsichere Auftreten von jungen Kandidatinnen und Kandidaten in unserer Branche (Tourismus) doch eher ungewohnt. Es wurden vor allem die Stärken betont - in allen Bereichen, jedes noch so kleine Projekt wurde zu etwas Grösserem aufgeblasen.

Bei genauerer Prüfung wurde mir dann bewusst, dass ich die schriftlichen sowie die mündlichen Aussagen nicht immer 1:1 übernehmen konnte - wie ich dies vielleicht von der Schweiz her gewohnt war. Schon alleine der Unterschied, dass Deutschland mit 80 Millionen Einwohnern gegenüber 8 Millionen Einwohner in der Schweiz ein viel grösserer Arbeitsmarkt mit dem daraus resultierenden Konkurrenzdruck darstellt, machte mir klar, warum erstens ich auf offene Stellen derart viele Bewerbungen erhalten hatte und zweitens, die Kandidatinnen und Kandidaten ein ganz anderes Auftreten an den Tag legen mussten, um den Job dann auch zu erhalten. Die Fremdsprachenkenntnisse in Französisch oder Englisch als „verhandlungssicher“ aufzuführen, war bei genauerer Prüfung dann doch ein A1 oder bestenfalls ein B1. Wie mir deutsche Freunde dann auch erklärten, wird bereits in frühen Jahren klar gemacht, dass nur wer selbstsicher und wortgewandt auftritt, sich später auch gegen Hunderte andere Bewerberinnen und Bewerber durchzusetzen vermag.

Kurz gesagt, empfehle ich Deutschen bei Bewerbungsgesprächen in der Schweiz, sich eher in „Understatement und Zurückhaltung“ zu üben. Dagegen dürfen Schweizer, welche sich in Deutschland auf eine Stelle bewerben, ihre Fähigkeiten und ruhig auch kleinere Projekte sowohl im CV als auch im Gespräch im besten Licht hervorheben – ohne schlechtes Gewissen und der vielleicht unbewussten Angst, „zu überheblich oder sogar arrogant“ zu wirken.

Interkulturelle Intelligenz erzeugt Wärme im Herzen

Durch das Erlernen von interkulturellem Wissen, der Eigenreflexion und dem Erkennen der eigenen Haltung wird eine zwischenmenschliche Wärme erzeugt, die mit offenem Herzen, Respekt und Interesse am Gegenüber einen Beziehungsaufbau ermöglicht. Wem dies gelingt, werden auch kleinere und grössere Fauxpas in der interkulturellen Kommunikation verziehen. Was bleibt, sind die positiven, herzlichen Erinnerungen und Gefühle, die bei der Begegnung entstanden sind ganz nach dem Sprichwort von J.W. Goethe: „Es muss von Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll.“

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Bemerkungen

Die im Blogbeitrag aufgeführten interkulturell relevanten Unterschiede beruhen auf der Expertise und langjährigen Erfahrung von Rahel Siegenthaler als Coach und Trainerin für interkulturelle Kompetenz.

Die praktischen Beispiele hat Michel Jenal beigesteuert. Sie stammen aus Erlebnissen, die er als Sales Manager in Deutschland von 2010 - 2013 machte. Die geschilderten Situationen und die daraus resultierende Annahmen sind seine persönliche Sichtweise - welche selbstverständlich nicht auf alle Menschen in Deutschland und jede Situation zutrifft und keinen Absolutheitsanspruch hat.

Lesen Sie auch den ersten Teil dieses Beitrags: Eine Einführung in die Welt der interkulturellen Kompetenz (1/2)

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