Um eines vorneweg zu nehmen: Wir schreiben hier nicht über pseudowissenschaftliche Psycho-Physiognomik, die den Menschen aufgrund ihrer Nasenlänge oder Ohrenbreite Charaktereigenschaften oder gar politische oder sexuelle Orientierung und kriminelles Verhalten zuweisen will. Um Gesichter und Persönlichkeitseigenschaften geht es aber trotzdem, denn schon seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert wissen Psychologen, dass einem Menschen je nach Aussehen – und wir beschränken uns hier auf das Gesicht – gewisse soziale oder Persönlichkeitsmerkmale zugeschrieben werden. (Zugeschrieben werden ≠ er ist so). Wir betrachten jemanden (34 Millisekunden, um genau zu sein), und blitzschnell bildet sich in uns ein Eindruck von seinem Charakter; zum Beispiel, ob er vertrauenswürdig ist oder nicht. Wie dieser Mensch dann wirklich ist, steht auf einem anderen Blatt. Oder zumindest nicht in seinem Gesicht.

Junge blonde Frau macht Selfie
Finden Sie die Dame attraktiv? Vertrauenswürdig? Dominant? Ihr Urteil haben Sie innerhalb weniger Millisekunden gefällt. Aber Sie dürfen gerne länger hingucken (Symbolbild)

Welche Eigenschaften assoziieren wir mit welchen Gesichtszügen?

Zwischen Individuen und Kulturen besteht eine beachtliche Übereinstimmung, was die Zuordnung gewisser Eigenschaften aufgrund des Gesichtsausdrucks angeht. Eigenschaften, nicht Emotionen! Als kleine Illustration: Dieses Smiley :-( ist offensichtlich nicht happy (Emotion). Aber würden sie ihm aufgrund des Gesichtsausdrucks gleich mangelnde Vertrauenswürdigkeit oder Introversion zuschreiben (Eigenschaften)? Offenbar kann uns genau dies passieren.

Methodisch sind Studien, die sich mit sozialer Zuschreibung von Gesichtern beschäftigen, vordergründig relativ einfach aufgebaut. Studienteilnehmer bewerten computergenerierte oder echte Gesichter entweder auf physiognomische Merkmale wie Krümmung des Mundes, Abstand zwischen den Augen oder Fülle der Lippen etc., oder auf Persönlichkeitsmerkmale wie stolz, locker, intelligent und so weiter. So kam beispielsweise heraus, dass ältere Gesichter mit dünneren Lippen und Falten an den Augenwinkeln als distinguiert, intelligent und entschlossen wahrgenommen wurden. Erwachsene mit einem „Babygesicht“ werden hingegen als körperlich schwach wahrgenommen, naiv, devot, ehrlich, freundlich und warm. Auch das Zuschreiben von Dominanz variiert je nach Gesicht: Je männlicher ein Gesicht nämlich ist, desto mehr Dominanz assoziiert man mit der Person dahinter. Ein weiterer Zusammenhang besteht zwischen Attraktivität und vermuteter Kompetenz und Intelligenz.

Auch spezifisches Wissen über eine Person kann uns zu Spekulationen verleiten. Sitzt uns im Zug beispielsweise eine Dame gegenüber, die unserer grosszügigen, liebenswürdigen Tante ähnelt, schreiben wir ihr ähnliche Charaktereigenschaften zu. Und schliesslich bewerten wir Gesichter, die mit Attributen unseres eigenen Gesichts übereinstimmen, positiver (z. B. vertrauenswürdiger) als jene, die uns überhaupt nicht ähnlich sehen.

Welche Folgen ziehen soziale Zuschreibungen aufgrund des Gesichts mit sich?

Ziemlich viele! Hier nur eine Auswahl an faszinierenden Phänomenen:

- CEOs, die kompetent und dominant aussehen, wurden von erfolgreicheren Unternehmen eingestellt und beziehen ein höheres Gehalt als ihre weniger kompetent und dominant aussehenden Kollegen – auch wenn sie keine bessere Leistung erbringen (Graham et al., 2014; Rule & Ambady, 2008, 2009).

- In strategischen Wirtschaftsspielen waren Spieler weniger bereit, einer Person zu vertrauen, wenn diese kein vertrauenswürdiges Gesicht hatte. Auch dann nicht, wenn diese Person durch ihr Verhalten gezeigt hatte, dass man ihr vertrauen kann (Chang et al., 2010; Rezlescu et al., 2012; Schlicht et al., 2010; Stirrat & Perrett, 2010; Tingley, 2014; van’t Wout & Sanfey, 2008).

- In der Politik erzielen Kandidaten, deren Gesichter kompetenter aussehen (also Attribute aufweisen, die übereinstimmend mit Kompetenz assoziiert werden) mehr Stimmen und haben die höhere Chance, gewählt zu werden. Für die Vorhersage der Wahlausgänge spielte auch die Zuschreibung von Dominanz (Chen et al., 2014; Chiao et al., 2008; Little et al., 2007), Geselligkeit (Castelli et al., 2009) und Bedrohlichkeit (Mattes et al., 2010; Spezio et al., 2008) eine Rolle (Antonakis & Dalgas, 2013; Ballew & Todorov, 2007; Chen et al., 2014; Laustsen, 2013; Lenz & Lawson, 2011; Martin, 1978; Sussman et al., 2013; Todorov et al., 2005).

- Gesichtszüge können Gerichtsurteile, Schuldsprüche und Strafmass vorhersagen. Experimentelle Studien haben gezeigt, dass Angeklagte, die nicht vertrauenswürdig aussehende Gesichter haben (Porter et al. 2010) oder Gesichter, die dem Stereotyp des Verbrechens entsprechen, für das sie verurteilt werden (Dumas & Testé, 2006; Macrae & Shepherd, 1989; Shoemaker et al., 1973) eher schuldig gesprochen werden, auch wenn es weniger Beweise für ihre Schuld gibt.

- Auf Dating-Plattformen waren jene Männer am begehrtesten, deren Gesicht mit Kontaktfreudigkeit und „Spass haben“ assoziiert wurden. Die Datingchancen von Frauen verringerten sich, wenn sie intelligent und ernsthaft aussah (Olivola et al., 2014).

Wie immer ist es nicht so simpel, wie es klingt. Die Intensität der sozialen Zuschreibung aufgrund des Gesichts hängt von der Situation ab, vom Charakter des Beurteilenden, von Geschlecht und Hautfarbe der beurteilten Person. Während man schwarzen männlichen CEOs mit „Babyface“ Erfolg prophezeit, tut man es weissen männlichen CEOs mit Babyface genau nicht. Und während in Finnland ein kompetent wirkendes Gesicht den Wahlerfolg von männlichen Kandidaten beeinflusste, nicht aber jener von weiblichen Kandidatinnen (Poutvaara et al., 2009), war in den USA die aus dem Gesicht gelesene Kompetenz sowohl für männliche als auch weibliche politische Kandidaten/Kandidatinnen ein starker Erfolgsfaktor (Olivola & Todorov, 2010).

Wie gut sind wir denn nun in der sozialen Zuschreibung von Gesichtern?

Alexander Todorov, Psychologieprofessor an der Princeton University, bringt es auf den Punkt: “… faces don't provide us a map to the personalities of others. Rather, the impressions we draw from faces reveal a map of our own biases and stereotypes.”

Denken Sie an diese Worte, wenn Sie das nächste Mal einer weissen, schwarzen, hell-/mittel-/dunkelbraunen, alten, jungen, hübschen, weniger hübschen, weiblichen, männlichen … Person ins Gesicht schauen.

Amen. Das wäre ein schöner Schlusssatz gewesen. Aber ein bisschen Brisanz muss schon noch sein

Wie unser Gesicht aussieht, hat auch mit hormonellem Einfluss zutun. Männer mit mehr Testosteron haben zum Beispiel grössere Kieferknochen, markantere Wangenknochen und dünnere Wangen, und Frauen mit mehr Östrogen haben femininere Gesichter mit volleren Lippen, grösseren Augen, ovaler Gesichtsform. Und es wird noch besser: Testosteron macht sich nicht nur im Gesicht bemerkbar – der Testosteronspiegel steht auch im Zusammenhang mit krimineller Gewalt und aggressiver Dominanz, bei Frauen wie bei Männern. (Liebe Endokrinologen/innen, wir sind uns bewusst, dass Testosteron nicht nur sozial unerwünschtes Verhalten fördert, aber das klammern wir an dieser Stelle aus).

Nehmen wir nun an, im Rahmen eines Raubüberfalls mit Körperverletzung gibt es zwei Hauptverdächtige. Der erste potenzielle Täter hat ein recht feminines Gesicht, der zweite ein markantes, männliches. Ist der zweite aufgrund seiner Gesichtszüge verdächtiger als der erste? Und wie gehen beispielsweise Polizisten mit der sozialen Zuschreibung aufgrund von Gesichter um?

Dieser und weiteren Fragen werden wir in Kürze nachgehen.

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Weiterführende Informationen und Quellen:

Antonakis, J. & Dalgas, O. (2009). Predicting elections: child’s play! Science, 323, 1183.

Ballew, C. C. 2nd & Todorov, A. (2007). Predicting political elections from rapid and unreflective face judgments. Proceedings of the National Academy of Sciences,104, 17948–53.

Chang, L. J., Doll, B. B., van’t Wout, M., Frank, M. J. & Sanfey, A. G. (2010). Seeing is believing: trustworthiness as a dynamic belief. Journal of Cognitive Psychology, 61, 87–105.

Castelli, L., Carraro, L., Ghitti, C. & Pastore, M. (2009). The effects of perceived competence and sociability on electoral outcomes. Journal of Experimental Social Psychology, 45, 1152–55.

Chen, F. F., Jing, Y. & Lee, J. M. (2014). The looks of a leader: competent and trustworthy, but not dominant. Journal of Experimental Social Psychology, 51, 27–33.

Chiao, J. Y., Bowman, N. E. & Gill, H. (2008). The political gender gap: gender bias in facial inferences that predict voting behavior. PLOS ONE, 3:e3666.

Dumas, R. & Test´e, B. (2006). The influence of criminal facial stereotypes on juridic judgments. Swiss Journal of Psychology, 65, 237–44.

Graham, J. R., Harvey, C. R. & Puri, M. (2014). A corporate beauty contest. Durham, NC: Fuqua Sch. Bus., Duke Univ. Unpubl. manuscr. http://ssrn.com/abstract=1571469

Laustsen, L. (2013). Decomposing the relationship between candidates’ facial appearance and electoral success. Political Behaviour, doi:10.1007/s11109-013-9253-1.

Lenz, G. S. & Lawson, C. (2011). Looking the part: Television leads less informed citizens to vote based on candidates’ appearance. American Journal of Political Science, 55, 574–89.

Little, A. C., Burriss, R. P., Jones, B. C. & Roberts, S. C. (2007). Facial appearance affects voting decisions. Journal of Evolution and Human Behavior, 28, 18–27.

Macrae, C. N. & Shepherd, J. W. (1989). Do criminal stereotypes mediate juridic judgements? British Journal of Social Psychology, 28, 189–91.

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