Wirtschaft ist Psychologie
Sie wollen mehr Wirtschaftspsychologie? Gibt es – und zwar in unserem brandneuen Lehrbuch. (Bild: Kalaidos FH)

„Stell Dir vor es ist Wirtschaft, und keiner geht hin.“ Mit dieser Abwandlung eines pazifistischen Appells lässt sich beschreiben, wie wirtschaftliches Handeln lange erklärt wurde: Der Mensch wurde ausgeklammert. Doch man kann die Wirtschaft nicht verstehen, wenn man den Menschen nicht versteht. Das wusste schon Ludwig Erhard, Vater des deutschen Wirtschaftswunders: „50% der Wirtschaft ist Psychologie“, sagte er. Aber nicht alle wussten das.

In der Industrie zum Beispiel dachte man lange, dass sich die Produktivität immer weiter erhöht, wenn man die Arbeitsabläufe immer weiter rationalisiert. So wurde etwa in den Hawthorne-Werken im Chicago der 20er Jahre versucht, die Arbeitsleistung durch bessere Beleuchtung der Fabrikhallen zu erhöhen. Und hurra: Je heller es war, desto mehr leisteten die Arbeiterinnen. Aber Licht war teuer, daher wurde die Beleuchtung wieder reduziert. Was geschah? Die Leistung stieg abermals. In langen Gesprächen ging man der Sache auf den Grund. Das Ergebnis: Die Arbeiterinnen waren stolz, Teil eines Experiments zu sein. Die Aufmerksamkeit der Arbeitswissenschaftler verlieh ihrer Arbeit Sinn. Sie arbeiteten nicht besser, weil es heller war, sondern weil ihre Leistungen wahrgenommen wurden.

Diese Erkenntnisse haben die Arbeitswelt radikal verändert. Man sah ein, dass immer härteres Anpeitschen nicht zu immer mehr Leistung führt. Dass Menschen bei der Arbeit Wertschätzung und Sinn erfahren wollen. Das galt damals ebenso wie heute. Wer also meint, erst die Millennials wollten sinnvolle Jobs, irrt.

Nachdem das Problem unzufriedener Arbeiter gelöst war, geriet die Psychologie in der Wirtschaft in Vergessenheit. Die Wirtschaft brummte, und wo es kein Problem gibt, braucht es auch keine Lösung. Zudem befassten sich die Ökonomen lieber mit Geld und Gütern – Gefühle und Irrationales hatten in ihrem Weltbild keinen Platz. Gleichzeitig war in der Gesellschaft eine zunehmende Wirtschaftsfeindlichkeit festzustellen, in die viele Psychologen einstimmten. Kein Wunder, hatten sich Ökonomen und Psychologen nichts zu sagen. Man mied sich, so gut es ging. Bis es nicht mehr ging.

Autorenfoto Lehrbuch Wirtschaftspsychologie
Die Autorinnen und Autoren des Lehrbuchs "Wirtschaftspsychologie für Bachelor". (Bild: Kalaidos FH)

Um die Jahrtausendwende häuften sich wirtschaftliche Extremereignisse: New Economy-Boom, Dotcom-, Subprime- und Bankenkrise hielten die Welt in Atem. Die Weltwirtschaft geriet in Schieflage. Was tun? Der ökonomische Mainstream wusste keine Antwort. Die Psychologie schon. Denn Schuld am wirtschaftlichen Wirrwarr war vor allem menschliches Verhalten: Gefühle, Denkfehler, übertriebe Gewinnerwartungen und falsche Risikoeinschätzungen – Faktoren, die im Menschenbild der Ökonomen fehlten. Sie hatten zwar beeindruckende mathematische Modelle der Wirtschaft aufgestellt. Aber diese waren nicht realitätsgetreu, denn sie gingen davon aus, dass sich die Menschen meist rational und nutzenmaximierend verhalten. Man muss nicht Psychologie studiert haben, um zu wissen, dass das nicht stimmt. „Wie konnten die Ökonomen so falsch liegen“, fragte der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman 2009 schockiert.

Manchmal braucht es halt einen Schock, damit etwas passiert. Und es passierte etwas. 2002 erhielt mit Daniel Kahneman ein Psychologe den Wirtschaftsnobelpreis. Hundertschaften von Ökonomen studierten nun eiligst die Lehrbücher der Psychologie, und Psychologen überwanden ihre Scheu vor der Wirtschaft. So geschah, was überfällig war: Das Verhalten hat in die Ökonomie Einzug genommen. Ein markanter Anstieg an verhaltensökonomischer Forschung war die Folge, und zunehmendes Interesse am Studium der Wirtschaftspsychologie. All dies zum Zweck, unser Leben als Arbeitstätige und Konsumenten zu verbessern, und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Wirtschaft dem Menschen dient – nicht umgekehrt.

Dazu wollen wir mit unserem neuen Lehrbuch zur Wirtschaftspsychologie einen Beitrag leisten. Wenn sich damit auch keine Wirtschaftskrisen abwenden lassen, so sind wir wenigstens gut vorbereitet!



Weiterführende Informationen und Quellen:

Fichter, C. (Hrsg.). (2018). Wirtschaftspsychologie für Bachelor. Heidelberg: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-54944-5

Autor
Christian-Fichter

Prof. Dr. Christian Fichter

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