Foto von einer ruhigen Wasseroberfläche
Warum werden Ruhe und Frieden aufgegeben, um im Tun Glück zu suchen? (Symbolbild)

Waren es in früheren Zeiten Hunger und Not, die den Menschen plagten, scheinen in der heutigen westlichen Welt Stress und Unruhe zu den neuen Geisseln der Menschheit geworden zu sein. Wir sind beruflich und privat umzingelt von Aufforderungen aktiv zu sein - mal in Gestalt verlockender Optionen mal als mehr oder weniger direkte Anforderungen. So sollen wir lebenslang lernen, Chancen nutzen, die Globalisierung gestalten, Innovation im Dienste des Fortschritts betreiben, mit Flexibilität reagieren und dabei stets Ressourcen optimieren. Gleichzeitig klagen immer mehr Menschen über Erschöpfung und Zerrissenheit inmitten all ihrer Termine, Reisen und Kommunikationsstränge.

Zahlreiche Bücher zu Themen wie Burnout, Entschleunigung, Slowfood etc. offerieren Hilfesuchenden Antworten und Unterstützung. Ausgerechnet das anspruchsvoll geschriebene, 464 Seiten dicke philosophische Werk «Die Unruhe der Welt», das gar kein Ratgeber sein will, hat sehr erfolgreich den Nerv der Zeit getroffen und wurde zum Bestseller.

Philosoph Ralf Konersmann, Autor dieser Kulturgeschichte der Unruhe, analysiert in seinem Buch, wie die Unruhe in die Welt kam und nicht mehr aus ihr wegzudenken ist. Dazu springt er kundig kreuz und quer durch Geschichtsepochen und analysiert Mythen, Worte und Kunst darauf, inwieweit die Unruhe darin auftaucht. Er geht dabei der Frage nach, warum Ruhe und Frieden aufgegeben werden, um im Tun - sprich in der Arbeit und beständiger Veränderung - Glück zu suchen. Ausserdem erklärt er unser zweideutiges Verhältnis zur Unruhe, sie nämlich als Last zu empfinden, aber gleichzeitig nicht missen zu wollen: Wurde Unruhe schon in biblischen Erzählungen («Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein») als Last und Verlust paradiesischer Ruhe verstanden, erfuhr sie im Zuge des technischen Fortschritts eine Umbewertung ins Positive als Zeichen von Produktivität und Aktivität. So streben wir nach Abwechslung, Mobilität und der Abwesenheit von Langeweile, ersehnen aber Entspannung und Ruhezonen ohne permanente Störung und tun uns häufig schwer, die freie Zeit, wenn sie uns beschert ist, zu geniessen.

Ohne kulturpessimistisch zu argumentieren, ergründet Konersmann, wie Unruhe zum zivilisationsbegleitenden Element wird, das alle Lebensbereiche erfasst, vom Zwang zum wirtschaftlichen Wachstum über politischen Aktionismus bis hin zu privatem Optimierungswahn. Mit seiner Kulturkritik der Unruhe geht es dem Kieler Philosophieprofessor nicht darum, die allgegenwärtige Unruhe durch reines Nichtstun, Geschehenlassen oder Stillstand zu ersetzen, sondern sie zu moderieren und einer Übertreibung, Verselbständigung und weltanschaulichen Überhöhung der alltäglichen Geschäftigkeit Einhalt zu gebieten.

Die zentrale Erkenntnis des Buches, dass es sich bei der Unruhe nicht um ein individuelles Defizit, sondern vielmehr um ein prägendes kulturelles Phänomen handelt, ist beunruhigend und tröstlich zugleich. Auch wenn das Buch kein Ratgeber sein will, ist das vermittelte Wissen hilfreich, entsprechende Verhaltensweisen und Einstellungen zu hinterfragen und zu dosieren.

 

Weiterführende Informationen und Quellen:

Konersmann, R. (2015). Die Unruhe der Welt. Frankfurt a.M.: S. Fischer.
Konersmann, R. (2017). Wörterbuch der Unruhe. Frankfurt a.M.: S. Fischer. 

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