Abbiegemöglichkeit für machen und abwarten
Unsere Neigung zum Action Bias hat vermutlich ihren Ursprung in frühmenschlichen Verhaltensweisen. (Symbolbild)

Mit dieser Frage können weitreichende, sogar existenzielle Konsequenzen verbunden sein. Mit dieser Frage sind aber auch typische menschliche Denkfehler und Wahrnehmungsverzerrungen verbunden wie der Action Bias, der im Arbeitsalltag, Privatleben und der Wirtschaftspolitik anzutreffen ist – sowie derzeit gut beobachtbar im Weissen Haus. 

Was macht der Torwart beim Elfmeter?

Bei seiner Auswertung von 286 Strafstössen internationaler Fussballturniere fand der israelische Verhaltensforscher Michael Bar-Eli heraus: Torschützen schossen mit gleicher Wahrscheinlichkeit in die linke, in die rechte Ecke oder in die Mitte des Tores. Was taten die Torhüter? Sie hechteten nach rechts oder links, blieben nur in seltenen Fällen in der Mitte stehen. Dabei wäre letzteres keine schlechte Strategie, denn statistisch ist die Wahrscheinlichkeit, den Ball zu halten, in der Mitte grösser als beim Sprung in eine Torecke (solange der Torwart das nicht bis zu einer berechenbaren Vorliebe ausweitet). Woran liegt es, dass Torspieler nicht öfter einfach stehen bleiben?

Etwas tun, damit etwas getan wird

Menschen haben die Neigung aktiv in ein Geschehen einzugreifen, anstatt es passiv zu verfolgen. Wir empfinden es als Qual nichts zu tun und bewerten Werthaltiges, das durch Handeln geschaffen wurde, höher. Der Torwart will in dieser Situation extremer Anspannung durch Einsatz zeigen, dass er sein Geld wert ist. Team, Trainer und Fans erwarten, dass er sich bewegt. So ist ihm weniger peinlich in die falsche Ecke gejagt zu sein, als untätig dastehend den Ball an sich vorbeifliegen zu sehen. Das Phänomen eines solch übereilten Vorgehens wird in der Wissenschaft Action Bias genannt. Es ist besonders bei neuen und unklaren Situationen - auch angesichts unabsehbarer Folgen - verbreitet getreu dem Motto: Etwas tun, damit etwas getan wird. Der Action Bias zeigt sich nicht nur beim Elfmeter, sondern z. B. beim Projektmanagement, bei Investitionen, polizeilichem Eingreifen oder ärztlichen Verschreibungen ohne klares Krankheitsbild.     

Woher der Aktionismus kommt

Unsere Neigung zum Action Bias hat vermutlich ihren Ursprung in frühmenschlichen Verhaltensweisen. In bedrohlichen Situation kam es auf die Schnelligkeit der Reaktion an in Form der Optionen Kampf oder Flucht, beide reflexhaft und Aktion implizierend. Dagegen sind in der Gegenwart überlegte, langsamere Reaktionen oder sogar keine Reaktion häufig zweckdienlicher.

Fazit

In unklaren Situation folgen wir gerne dem Impuls, etwas zu tun, egal ob es hilfreich ist oder nicht. Wir handeln dank Action Bias zu schnell und zu oft. Nicht-Handeln wäre oft die bessere Strategie. Ist eine Situation also unklar, empfiehlt sich Zurückhaltung, bis wir die Situation besser eingeschätzen können.

Weiterführende Informationen und Quellen

Bar-Eli, M., Azar, O. H., Ritov, I., Keidar-Levin, Y., & Schein, G. (2007). Action bias among elite soccer goalkeepers: The case of penalty kicks. Journal of economic psychology, 28(5), 606-621.

Dobelli, R. (2011). Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen. Carl Hanser Verlag GmbH Co KG.
 

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