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Unser wirtschaftliches Verhalten ist uns so vertraut, dass wir uns kaum Gedanken darüber machen. Doch es beruht auf vielfältigen kognitiven und sozialen Fähigkeiten. (Bild: Kalaidos FH)

Wirtschaftspsychologie befasst sich mit dem „eingeschränkt rationalen Verhalten“ der wirtschaftlichen Akteure. Manche Wirtschaftspsychologen behaupten auch gerne, dass „der Homo Oeconomicus tot“ sei. Aber was heisst das nun konkret? Es heisst, dass Menschen nicht immer vernünftig und nutzenmaximierend entscheiden, wie dies die alten ökonomischen Modelle suggerieren. Wer die psychologischen Prozesse der Wirtschaft und ihrer Akteure nämlich genauer studiert, erkennt Paradoxes: Zum Beispiel, dass eine allzu grosse Produktvielfalt das Einkaufserlebnis trüben kann, oder dass wir manchmal trotz schlechter Prognosen gewisse Finanzanlagen nicht abstossen.

Die Wirtschaft steckt voller solcher Phänomene. Euphorie, Vertrauensverlust oder Gruppendruck etwa führen regelmässig zu wirtschaftlichem Misserfolg: gescheiterten Fusionen, Bankenpleiten oder Börsencrashs. Umgekehrt ermöglichen erst psychologische Glanzleistungen wirtschaftlichen Erfolg. Menschen erfinden bahnbrechende Technologien, gründen vielversprechende Start-ups, führen leistungsfähige Teams oder entwickeln tragfähige Finanzierungen. Deshalb ist es wichtig, nach den psychologischen Gründen für Erfolg und Misserfolg der Marktteilnehmer zu fragen. Genau das tut die Wirtschaftspsychologie. Marktteilnehmerinnen erfinden, produzieren, vertreiben, bewerben; sie verkaufen, kaufen und konsumieren. Das ist der natürliche Kreislauf der Wirtschaft.

Unser wirtschaftliches Verhalten ist uns so vertraut, dass wir uns kaum Gedanken darüber machen. Doch es beruht auf vielfältigen kognitiven und sozialen Fähigkeiten: Wir verfügen über ein hervorragendes Gedächtnis, in dem wir abspeichern können, wer uns etwas schuldet und wem wir etwas schulden. Wir haben eine differenzierte Sinneswahrnehmung, dank der wir feststellen können, ob eine Ware einwandfrei ist oder nicht. Wir können zählen und rechnen und haben das Geld erfunden, um den Handel zu erleichtern. Und wir kommunizieren und schliessen uns zu Gruppen zusammen, um die Früchte unseres gemeinsamen Schaffens auf den von uns begründeten Märkten anzubieten.

Solchen und weiteren psychologischen Grundlagen des Wirtschaftens widmen sich Wirtschaftspsychologinnen und -psychologen. Sie blicken uns beim Arbeiten, Handeln, Konsumieren und Sparen über die Schulter und beobachten unser Verhalten. Dabei kommen sie oft zu überraschenden Ergebnissen – zum Beispiel, dass Multitasking unsere Arbeitsleistung verringert, dass zu grosse Produktvielfalt unser Einkaufserlebnis trübt, dass wir Güter nach dem Image des Herstellers beurteilen anstatt nach den Fakten, oder dass wir Finanzanlagen trotz negativer Prognosen behalten. Diese Beispiele umreissen zugleich die drei Hauptgebiete der Wirtschaftspsychologie:
Arbeit und Organisation, Markt und Konsum, Finanz- und Volkswirtschaft.

In diesen für unsere Wirtschaft und Gesellschaft so wichtigen Gebieten haben sich die alten ökonomischen Modelle, die von einem vernünftigen, den Nutzen maximierenden Menschen ausgehen, als zu einfach erwiesen. Deshalb werden Themen der Wirtschaftspsychologie in den Medien diskutiert, deshalb finden wirtschaftspsychologische Bücher reissenden Absatz und deshalb sind Studierende der Wirtschaftspsychologie auf dem Arbeitsmarkt so gefragt. Dass Ökonominnen und Psychologen am selben Strick ziehen, ist gut für unsere Wirtschaft. Die Zeit ist reif dafür.

Eine frühere Version dieses Beitrags ist in der Bildungsbeilage des Tages-Anzeigers vom 27.1.2014 erschienen.

Autor/in
Christian-Fichter

Prof. Dr. Christian Fichter

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