Skulptur von Auguste Rodin: Der Denker
Ich denke, also bin ich: Denken und Kognition sind eine der wichtigsten Themengebiete der Psychologie. (Symbolbild)

Wir tun es jeden Tag und doch beschäftigen wir uns im Alltag kaum damit: Denken. Dabei sind Denken und Kognition eine der wichtigsten Themengebiete der Psychologie überhaupt. Wie verhalten wir uns in komplexen und dynamischen Situationen und was für Fehler machen wir dabei? Welche Rolle spielt dabei die Verwendung von Sprache? In diesem Blogbeitrag stellen wir Ihnen unsere drei Lieblingsexperimente zum Thema Denken und Sprache vor.

Es war einmal in Lohhausen

Um die Prozesse des komplexen Problemlösens der Menschen zu untersuchen, hat der deutsche Psychologe Dietrich Dörner mit einer Computersimulation die fiktive Kleinstadt Lohhausen mit etwa 3700 Bewohnerinnen und Bewohnern erschaffen. Die 48 Versuchspersonen hatten die Aufgabe, jeweils über einen simulierten Zeithorizont von zehn Jahren Bürgermeister oder Bürgermeisterin der Stadt zu spielen. Mit der fiktiven Stadt wurde ein dynamisches Modell erschaffen, welches die Denk- und Planungsabläufe der Versuchspersonen untersuchen sollte. Dörner wollte herausfinden, wie Menschen in komplexen Situationen denken und Probleme lösen. Dabei gab es Personen, die mehr zum Erfolg der Stadt (Wohlstand, Zufriedenheit, Gesundheit etc.) beigetragen haben als andere. Für Dörner war aber nicht der Erfolg das Ziel, sondern die Beantwortung der Frage, wie die Personen dachten, planten, Entscheidungen trafen und Hypothesen bildeten.
Dabei gab es deutliche Unterschiede zwischen den Personen, die gute Entscheidungen trafen im Vergleich zu denen, die eher weniger gute Entscheidungen trafen:

  • Die erfolgreichen Personen trafen generell mehr Entscheidungen als die weniger erfolgreichen. Sie kamen auf mehr Ideen, wie der Lebensstandard in der Stadt beeinflusst werden kann.
  • Die «guten» Versuchspersonen zogen bei ihren Entscheidungen zudem die unterschiedlichen Wechselwirkungen stärker in Betracht. Ihnen war klar, dass in einem komplexen System immer mehrere Aspekte von einer Entscheidung betroffen sind und eine Handlung auch unerwartete Folgen haben kann. Beispielsweise wirken sich Kürzungen im Budget bei den Bildungsinstitutionen nicht nur auf das Bildungsniveau aus, sondern möglicherweise auch auf die Zufriedenheit, das Wirtschaftswachstum, die Kriminalitätsrate und so weiter. Stichwort: vernetztes Denken.
  • Die «schlechten» Versuchspersonen tendierten dazu, ihnen unangenehme Aufgaben und somit auch die Verantwortung zu delegieren.
  • Die weniger erfolgreichen Versuchspersonen hatten die Tendenz, von einem Thema zum nächsten zu springen. Sie liessen sich zudem bei spontan aufgetauchten Problemen schneller ablenken.
  • Zudem stellte sich heraus, dass erfolgreiche Versuchspersonen ihre Hypothesen häufiger prüften und mehr «Warum»-Fragen stellten. Sie interessierten sich also in einem höheren Mass für Kausalitäten.

Die irrationale Flugangst

Heuristiken und Denkfehler sind derzeit ein Dauerbrennerthema in der Wirtschaftspsychologie. Dazu zählt auch die Verfügbarkeitsheuristik, die beschreibt, wie die Häufigkeiten gewisser Ereignisse und Risiken bewertet werden. Wenn Menschen dabei nicht auf aussagekräftige Daten zurückgreifen können oder wollen, rufen sie die Häufigkeiten ähnlicher Ereignisse in ihrer Erinnerung ab. Dabei scheinen Ereignisse, die uns präsenter im Gedächtnis sind, wahrscheinlicher als andere Ereignisse zu sein. Beispielsweise wird das Risiko, während eines Flugzeugabsturzes zu sterben, als höher eingeschätzt, wenn gerade ein ähnliches Ereignis präsent in den Medien war. Diese Fehleinschätzungen wurden bereits wissenschaftlich untersucht. In einem Experiment dazu wurde den Studienteilnehmenden Paare von Todesursachen gezeigt: beispielsweise Schlaganfälle und Unfälle oder Diabetes und Asthma. Die Teilnehmenden mussten nun die Häufigkeiten der jeweiligen Ereignisse abschätzen. Die Schätzungen wurden hinterher mit aktuellen Gesundheitsstatistiken verglichen. Dabei zeigten sich unter anderem folgende Fehleinschätzungen:

  • Obwohl Schlaganfälle beinahe doppelt so viele Leben kosten wie alle Unfälle zusammen, stuften 80 Prozent der Teilnehmenden einen Unfall als wahrscheinlicher ein.
  • An Asthma sterben zwanzigmal mehr Personen als während eines Tornados, was ebenfalls falsch geschätzt wurde.
  • Der Unfalltod wurde als dreihundertmal wahrscheinlicher eingeschätzt als an Diabetes zu sterben, obwohl das Verhältnis tatsächlich 1:4 beträgt.

Als eine der Ursachen für diese verzerrte Wahrnehmung wird die Medienberichterstattung gesehen. Ungewöhnliche Ereignisse wie beispielsweise Flugzeugabstürze erhalten mehr Aufmerksamkeit und sind daher in unserer Erinnerung stärker verankert. Unsere Erinnerungen werden dann dazu verwendet, die Risiken einzelner Ereignisse abzuschätzen.

Wer angibt, hat schon verloren

Wir alle waren schon einmal in einer Situation, in der wir versucht haben, besonders gut dazustehen. In solchen Momenten wollen wir uns in der Regel von unserer besten Seite zeigen und einen möglichst guten Eindruck hinterlassen. Dabei tendieren wir dazu, unseren alltäglichen Sprachgebrauch beiseite zu legen und uns besonders hochtrabend zu artikulieren. In der Hoffnung, damit gebildet rüberzukommen, kann aber auch das genaue Gegenteil eintreffen. Daniel Oppenheimer, Professor an der Stanford University, wollte in einem Experiment herausfinden, welche Wirkung der Gebrauch hochgestochener Ausdrücke auf die Wahrnehmung der Intelligenz hat. Dazu liess er eine Gruppe von Versuchsteilnehmenden Aufsätze von Studierenden lesen, die sich mit der Frage auseinandersetzten, wieso sie einen Abschluss in Englischer Literatur machen wollen. Dazu erschuf er drei verschiedene Versionen eines Textabsatzes, der zwischen 75 und 100 Wörter enthielt. Die erste Version war die Originalversion eines Aufsatzes, der in einer leicht verständlichen Sprache geschrieben wurde. Die zweite Version war eine mittelschwere, bei der jedes dritte Nomen, Adjektiv und Verb mithilfe von Thesaurus durch das längste entsprechende Äquivalent ersetzt wurde. In der dritten Version wurde jedes Nomen, Adjektiv und Verb mithilfe des Word-Programmes ersetzt und dadurch war der Text äusserst komplex zu lesen. Dabei stellte sich heraus, dass unnötige Komplexität zu einer negativeren Bewertung des Textes führte als der Gebrauch einer verständlicheren Sprache. Ebenfalls interessant: Vorhergehende Forschung hat ebenfalls gezeigt, dass Personen vor allem dann eine komplexe Sprache wählen, wenn sie sich unsicher fühlen.

Ein ähnliches Experiment wurde auch an der Kalaidos FH durchgeführt. Andrea De Ventura Rajab hat im Rahmen ihrer Bachelorarbeit untersucht, welche Wirkung Führungskräfte mit Businessjargon erzielen.

Fazit

In unserem nächsten Blogbeitrag zu den spannendsten Experimenten dreht sich alles um das Thema «Körper». Übrigens: Diese und noch viele weitere Experimente und psychologischen Fakten werden an der Kalaidos Fachhochschule in den Studiengängen der Angewandten Psychologie unterrichtet. Mehr Informationen zum nächsten Semesterstart finden Sie hier: Zum Studiengang Bachelor of Science FH in Angewandter Psychologie

Quellen und weiterführende Informationen:

Britt, M.A. (2017). Psychologische Experimente – 48 Theorien im Praxistest. Köln: Anaconda Verlag GmbH.

Dörner, D. (2021). Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen (17., neu bearbeitete Aufl.). Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Kahnemann, D. (2011). Schnelles Denken, langsames Denken (9., neu bearbeitete Aufl.). München: Random House GmbH.

Oppenheimer, D.M. (2005). Consequences of erudite vernacular utilized irrespective of necessity: problems with using long words needlessly. Applied Cognitive Psychology, 20, 139 – 156.

Pennebaker, J. W., & Lay, T. C. (2002). Language use and personality during crises: analysis of Mayor Rudolph Giuliani’s press conferences. Journal of Research in Personality, 36, 271 – 282.

Autor/in
Lea Schlenker

Lea Schlenker

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