Prof. Dr. Mathias Binswanger, Professor Volkswirtschaftslehre an der FHNW, im Interview
Prof. Dr. Mathias Binswanger im Talk mit Prof. Dr. Jörn Basel. (Bild: Kalaidos FH)

Bietet die Coronakrise Anlass, die Wirtschaft zu entschleunigen? Ist jetzt der Moment, unser Wirtschaftssystem zu überdenken? Und welches wären die Alternativen? Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der FHNW, hat zu diesen Fragen eine klare Meinung.

Im Zuge der Coronakrise wird vermehrt der Wunsch geäussert, die Krise als Chance zu nutzen, um das gesamte Wirtschaftssystem zu entschleunigen. Was halten Sie davon?

Das kann und wird im grösseren Stil nicht funktionieren. Wir werden im Wesentlichen zur selben Wirtschaft zurückkehren, bei der wir schon vorher waren. Wir sollten das Wirtschaftssystem nicht genau dann in Frage stellen, wenn alles daran gesetzt wird, dass man das möglichst schnell wieder hochfahren kann. Was wahrscheinlich passieren wird ist, dass die Arbeitszeiten etwas flexibler werden. Man wird vielleicht nachher mehr im Homeoffice arbeiten. Das reduziert den Pendelverkehr, der täglich entsteht. Wir haben vielleicht auch gemerkt, dass man nicht jede Woche unbedingt fliegen muss für irgendwelche Meetings.

Den grossen Systemwandel halten Sie also für nicht machbar?

Den halte ich momentan für ausgeschlossen, weil wir gar keine Alternative haben. Natürlich wird jede Krise dazu benutzt, dass jeder wieder seine alternativen Vorstellungen ins Spiel bringen kann. Seit es die kapitalistische Wirtschaft gibt, wurden immer Krisen vorausgesagt. Uns wurde immer gesagt, so kann das nicht weitergehen und dann ist es jedes Mal so weiter gegangen. Wir haben heute Nischen-Vorstellungen von Alternativen, wie zum Beispiel eine Gemeinwohl-Ökonomie oder eine solidarische Wirtschaft, aber das sind nicht durchdachte Visionen für die gesamte Wirtschaft.

Ich denke da beispielsweise aber an das bedingungslose Grundeinkommen. Die Art und Weise, wie gewirtschaftet wird, würde sich dadurch doch stark verändern?

Das Grundeinkommen wird häufig als Allheilmittel gesehen. Da liegt aber ein grundsätzliches Dilemma vor. Entweder ist das Grundeinkommen relativ gering, dann kann man nicht davon leben, aber es ist gut finanzierbar. Oder es ist so hoch, dass man tatsächlich davon leben kann, dann ist es leider nicht mehr finanzierbar, oder es ist nur finanzierbar, wenn die überwiegende Mehrheit der Menschen ganz normal in der herrschenden Wirtschaft weiterarbeitet. Damit bringt das Grundeinkommen gar keine Wende in unserer Wirtschaft.

Ist es nicht einfach so, dass uns der Mut fehlt, in anderen Systemen zu denken?

Der Mut ist immer da, so lange man nicht betroffen ist. Sobald man selbst arbeitslos wird und eine grössere Menge der Menschen arbeitslos zu werden droht, hört das schnell auf. Dann wird das zur Hauptsorge und man ist nicht bereit, die Konsequenzen zu tragen, um zu einer anderen Wirtschaft überzugehen.

Mathias Binswanger

Professor für Volkswirtschaftslehre an der FHNW

Der Mut ist immer da, solange man nicht betroffen ist. 

Besteht also ein Gap zwischen dem, was die Leute sagen und dem, was tatsächlich passiert, wenn sie direkt betroffen sind?

Eigentlich wissen viele Menschen, dass ihnen persönlich eine Entschleunigung gut tun würde. Für unser Glück wäre es förderlich, wenn wir uns von vielen Dingen befreien könnten, die eigentlich überflüssig sind. Wenn man sich aber auf das Notwendige beschränken würde in der Wirtschaft, dann wäre das nur ein Bruchteil dessen, was wir heute als Bruttoinlandprodukt erwirtschaften. Das heisst, unsere Wirtschaft, wie sie heute funktioniert, ist darauf angewiesen, dass wir ganz viele eigentlich überflüssige Dinge tun. Für einen Einzelnen wäre ein gewisser Verzicht durchaus ein Vorteil, für die Wirtschaft als Ganzes aber eine Katastrophe.

Haben wir uns vom Wirtschaftssystem entkoppelt?

Das ist das Unheimliche! Dass uns heute auffällt, dass das System uns zunehmend dominiert. Über lange Zeit hat man diesen Zwang zum Wachstum nicht als solchen empfunden, weil die Mehrheit der Menschen ein geringes Niveau des materiellen Wohlstandes hatte. Da war das Bedürfnis da, dass man die Bedingungen verbessert. Erst heute merken wir in den hochentwickelten Ländern, dass uns das Mehr an materiellem Wohlstand gar nicht glücklicher oder zufriedener macht. Wir merken auch, dass dieses materielle Wachstum zum Teil mit erheblichen Kollateralschäden verbunden ist in der Umwelt, insbesondere die CO2-Problematik. Und jetzt merken wir aber, wir können gar nicht aufhören mit diesem Wachstum. Natürlich kann man da irgendwie wieder rauskommen. Es ist ein menschengemachtes System, aber es entwickelt eine Eigendynamik, die man irgendwann nicht mehr so leicht bändigen kann.

Das ganze System können wir also nicht bändigen. Aber vielleicht haben wir trotzdem den einen oder anderen Kontrollhebel, wo wir ansetzen könnten?

Man kann natürlich vieles machen, wenn man bereit ist, die Konsequenzen zu tragen. Aber in Wirklichkeit sind wir nicht bereit. Wenn man etwas von dem System wegkommen will, müsste man bei den Wurzeln ansetzen, beispielsweise bei der Art und Weise, wie Unternehmen organisiert sind. Solange wir Aktiengesellschaften haben, die unsere Wirtschaft dominieren und die an der Börse gehandelt werden, können wir gar nichts anderes erwarten. Man könnte sich beispielsweise überlegen, dass es keine Aktiengesellschaften mehr gäbe oder dass man die Aktien anders gestaltet, beispielsweise, dass diese eine Ablaufzeit haben, wie Obligationen. Ich bin mir aber gar nicht sicher, ob die Mehrheit wirklich von diesem Wirtschaftssystem wegkommen will.

Die Forderung kommt offensichtlich nicht von Grossaktionären. Sobald es den eigenen Geldbeutel betrifft, möchte man wahrscheinlich nicht von diesem Wirtschaftssystem wegkommen?

Das ist natürlich bei den meisten Dingen so, dass es Interessenskonflikte gibt. Typischerweise bewegen sich die Menschen, die Änderungen verlangen, in ihrer eigenen Blase. Man hat dann das Gefühl, alle Menschen wollen diese Änderung und sieht gar nicht, dass man eigentlich gar nicht die Mehrheit ist. Es gibt eine grosse Mehrheit, die dieses System gar nicht in Frage stellen möchte, weil sie ganz gut leben in Ländern wie der Schweiz. Man hätte natürlich gerne „den Fünfer und das Weggli“. Man hätte gerne weiterhin das Wachstum, und dann soll es auch noch umweltfreundlich sein, also im Idealfall ein klimaneutrales Wachstum, aber das geht nicht.

Sehen Sie sich das ganze Gespräch auf unserem Youtube Kanal oder in der Kalaidos Digital Academy an.

Autor/in
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Prof. Dr. Jörn Basel

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Bahrami Mandana

MSc Mandana Bahrami

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