Strassenschild: Chance und Krise
Die Chance könnte sein: mal nicht unbedingt das Beste aus der Krise machen müssen. (Symbolbild)

Können Sie's auch bald nicht mehr hören? Man müsse jetzt "die Krise als Chance nutzen", "das Beste aus der Situation machen", "die Zeit nutzen zur persönlichen Weiterentwicklung"… Diese Imperative verbreiten meist BeraterInnen, die im Moment selbst Mühe haben, irgendetwas aus der Krise zu machen, oder UnternehmerInnen mit Krisenglück. So rühmte sich neulich Formel-1-Fahrer und -Unternehmer Nico Rossberg in einer Handelsblatt-Online-Veranstaltung, wie schnell und erfolgreich er mit seinem Unternehmen die Chance genutzt habe und jetzt auf Simulatoren statt Veranstaltungen setze. Glück und gutes Timing kann man da nur sagen, wenn man gerade eh dabei war, ein Online-Business-Modell zu entwickeln. So bat dann auch der ebenfalls anwesende Startup-Investor Frank Thelen darum, jetzt nicht in "Bullshit zu verfallen": Denn der Betreiber der Halle, in der Rossberg normalerweise seine Events veranstaltet, könne noch so flexibel reagieren, er werde nach der Krise auf einem riesigen Schuldenberg sitzen.

Selbstoptimierung als gesellschaftlicher uns persönlicher Anspruch

Doch – so der Tenor vieler Beiträge in den sozialen Medien – wenn gar nichts anderes zu machen ist, könne man auf jeden Fall die Zeit nutzen, sich persönlich weiterzuentwickeln: Nun also endlich Meditieren / Yoga / Spanisch / Gärtnern / Kochen … lernen, sich besser ernähren, weniger trinken und ganz generell ein besserer Mensch werden. Abgesehen davon, dass sich zumindest Menschen mit Kindern fragen, woher die Zeit dafür nehmen, könnte man das Ganze als die #stayhome-Variante des schon länger grassierenden Selbstoptimierungswahns abtun.

Auch die emotionalen Folgen der Krise akzeptieren

Was aber nicht leichtfällt, berichten im Moment doch einige meiner Coaching-Klienten, dass sie sich so doppelt unter Druck fühlen: Nicht nur arbeiten sie nicht am #betterme, sondern sind obendrein immer wieder mal traurig, müde, mutlos, ärgerlich oder nervös – und fühlen sich schlecht dafür, dass sie sich schlecht fühlen. Dabei erleben diese Personen Gefühle, die nach einer dramatischen Veränderung des Alltags und gesellschaftlichen Lebens völlig normal sind. Hilfreich zur Orientierung kann hier die Kurve der emotionalen Reaktionen auf Katastrophen sein, wie sie das "Program in Disaster Mental Health" der Universität Rochester verwendet:

 Disaster-Recovery-Kurve

Grafik: Herrmann, J. (2006). Disaster Mental Health. A Critical Response. Rochester.

Nach dem ersten Schock kommt es oft zu Stärke und Heldentum, das sich dann in einer "Honeymoon"-Phase zu Optimismus, Solidarität etc. wandelt – wie wir es in den letzten Monaten gut beobachten konnten. Genauso aber wie die nachfolgende "Desillusionierungsphase", die viele von uns nun wohl ebenfalls in der ein oder anderen Art erleben: Müdigkeit, Stress, Beschuldigungen, Ärger, Wut, Traurigkeit bis hin zur Trauer…

Resilienz beruht in dieser aktuellen Phase vor allem auf dem Faktor "Akzeptanz": Nicht nur die äussere Situation zu akzeptieren (das gelingt den meisten noch ganz gut), sondern vor allem auch das anzunehmen, was die äussere Situation bei mir innerlich auslöst. Zentral ist die Fähigkeit, wahrzunehmen, zuzulassen – ohne sich in diesen Gefühlen zu verlieren oder sich davon überwältigen zu lassen.

Ist es immer richtig, „stark“ und „schnell“ zu reagieren?

Vielen Verfechtern des "Krise als Chance" fällt genau dies schwer, sie wehren solche Gefühle gewohnheitsmässig ab – und Aktionismus im Aussen ist ein hervorragendes Mittel, sich selbst nicht spüren zu müssen. So war einer meiner Coaching-Klienten auch hörbar froh um die Corona-Krise: Für ihn als Geschäftsleitungsmitglied stünde jetzt "schnelles Handeln" an, da bleibe halt keine Zeit für "Nabelschau" im Coaching – und so konnte er von Chef und Familie sanktioniert wieder ungehemmt seinen alten Mustern des "Sei stark!" und "Mach schnell!" nachgeben.

Es spricht prinzipiell gar nichts dagegen, in Krisensituationen stark und schnell zu reagieren und zu versuchen, "das Beste draus zumachen" – zum Problem wird dies jedoch dann, wenn es ein innerer Automatismus ist, ein gefühlter "Action"-Zwang, der vor allem der Vermeidung dient.

Wie Sie den Brandbeschleuniger für Burnout nähren oder eben nicht

Denn nicht nur ist häufig unklar, was jetzt im Aussen das "Beste" ist, und man muss sich bewusst sein, dass die schnellen Aktionen auch wirkungslos oder sogar schädlich sein können. Vor allem aber ist dieser innere Automatismus ein hervorragender Brandbeschleuniger für Burnout, denn kaum etwas ist so anstrengend, wie das Abwehren unerwünschter Gefühle. Und angesichts dessen, dass diese Krise und ihre Auswirkungen uns noch lange beschäftigen werden, ist das pausenlose Sich-selbst-Antreiben und der damit verbundene massive Energieverschleiss auf Dauer eher schädlich.

Wenn Sie also schon seit Krisenbeginn und immer wieder einen sehr starken Drang verspüren, unbedingt etwas aus dieser Krise machen zu müssen, und noch dazu das Beste – dann könnte es allenfalls das Folgende sein: Machen Sie es mal nicht. Atmen Sie tief durch, schauen Sie, ob Sie wahrnehmen und akzeptieren können, was sich da in Ihnen rührt. Dann könnte es sein, dass Sie die Krise wirklich als Chance genutzt haben – für Ihre persönliche Resilienz.

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