Lies, Lügen
Falsche Angaben im CV (Symbolbild)

Personalverantwortliche in der Schweiz waren sehr lange sehr vertrauensselig, indem sie Bewerbende als grundsätzlich ehrlich einstuften und keine Background-Prüfungen für nötig hielten. Die Realität, das dokumentieren verschiedenste Untersuchungen, zeigt ein anderes Bild.

Warum Bewerbende bei der Angabe ihrer Qualifikationen schummeln

Hierzulande geht man selbstredend davon aus, dass alle mehr oder weniger aufrichtig sind. Aber wussten Sie, dass die Bewerbenden in der Schweiz unehrlicher sind als bspw. die Deutschen oder die Österreicher? Das kann mit der fehlenden Haftbarkeit zusammenhängen. Dokumentenfälschungen sind in der Schweiz strafbar, falsche Angaben im CV hingegen nicht, sofern es sich nicht um eine Fälschung eines Zeugnisses oder Diplomes handelt.

Dass Bewerbende in der Schweiz bei der Nennung ihrer Qualifikationen gerne schummeln, kann auch mit dem dualen Bildungssystem zusammenhängen. Wir haben wesentlich weniger Erstausbildungen auf Hochschulniveau als unsere direkten Nachbarn. Schweizer haben sich schon immer mit ständiger Weiterbildung beschäftigen müssen. Da kann es dann durchaus einmal vorkommen, dass eine Fortbildung auf HF-Stufe zu einer auf FH-Stufe wird. Erstaunlich ist dann vielmehr, dass man auch hierzulande falsche Doktoren antrifft. Und das wird zunehmen, vor allem aufgrund der Einführung des Titels DBA (Doctor of Business Administration), für den keine Erstgrundlagenforschung mehr betrieben werden muss und die Dissertation nicht mehr veröffentlicht wird.

In Krisenzeiten wird mehr beschönigt

Die Finanzkrise von 2008 war der Auslöser für viele Unternehmen, Background Checks über potentiell neue Mitarbeitende durchführen zu lassen. So viele Falschangaben in CVs haben wir später nicht mehr gesehen. Die Annahme, dass in Krisenzeiten mehr beschönigt wird als in der Hochkonjunktur, ist nicht von der Hand zu weisen. Auch hier zeigen diverse Untersuchungen, dass dem so ist und wie gerade deutlich wird, bewegen wir uns auf die wohl grösste (Wirtschafts-)Krise der letzten 100 Jahre zu. Es ist leider davon auszugehen, dass in den nächsten zwölf Monaten Hunderttausende ihre Anstellung verlieren werden und sich um eine neue Beschäftigung bemühen müssen. Dies in einem Markt, der ein wesentlich kleineres Angebot an Stellen bietet als beispielsweise noch Anfang 2020. Man muss kein Prophet sein, wenn man davon ausgeht, dass sich bis zu 1000 Personen auf eine Vakanz bewerben werden. Da wird sich die eine oder der andere durchaus mit unwahren Angaben von den Mitkonkurrierenden abheben wollen.

Waren bisher insbesondere Angaben zur Berufserfahrung, zu den Fachkenntnissen und zu erlangten Qualifikationen über Aus- und Weiterbildungen im Zentrum von Tricksereien im CV, so dürfte - auch und gerade weil der technische Fortschritt es vereinfacht, Zeugnisse und Diplome zu fälschen - diese Komponente zunehmen. Solange nicht alle Dokumente mittels Blockchain-Technologie fälschungssicher gemacht werden, was wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird, muss man von einem Bewerbermarkt ausgehen, der mehr und mehr durch Übertreibungen und Lügen verfälscht ist.

Matching Software befeuert das Lügen

In dieser antizipierten Zukunft ist auch davon auszugehen, dass bei Unternehmen, die von Umsatzeinbrüchen betroffen sind, zuallererst und wohl zeitnah die Personalabteilungen verkleinert werden. Personalabbau kann auch von Nicht-Personalern begleitet werden. Die Corona-Krise wird vielen Unternehmen einen sozial verträglichen Stellenabbau erschweren, da schlicht die Mittel dazu fehlen werden. Umgekehrt setzen diejenigen, die dennoch Personal einstellen, vermehrt auf vermeintlich kostengünstige Lösungen zur Selektion von Bewerbenden wie der Matching Software.

Gerade dieser Umstand wird das Lügen im CV befeuern, weil die Software Bewerbende anhand von Keywords selektioniert. Bei einem Arbeitgebermarkt, in dem die Bewerbenden generell in der schlechteren Position gegenüber dem Stellenanbieter sind, können die Arbeitgeber sehr selektiv vorgehen, indem sie alle wünschbaren Kriterien, die für die Vakanz erwartet werden, vorgeben. Nach diesen Faktoren wird die Auswahl von Bewerbenden getroffen. Da liegt es auf der Hand, dass eine grössere Anzahl von Bewerbenden Qualifikationen und Berufserfahrungen erfindet, um die Chancen, überhaupt in Betracht gezogen zu werden, zu erhöhen.

Entpersonalisierung macht das Lügen einfacher

Recruiter, die sich mit Background Checks befassen, kommen mehrheitlich zum selben Schluss: Im Jahr 2019 waren fast 10 Prozent aller Bewerbungen bedenklich, da Berufserfahrungen, Fachkenntnisse oder Qualifikationen (Diplome) falsch dargestellt waren. In Anbetracht der skizzierten Zukunft ist das noch harmlos. Dennoch, selbst diese überraschend grosse Zahl hat bisher nicht dazu geführt, dass mehr Unternehmen Bewerbende eingehend durchleuchten. Mit abnehmenden Mitteln wird sich diese Situation auch künftig kaum ändern. Es werden kostengünstige Lösungen zur Aufdeckung von Falschangaben gesucht, die häufig in der Anschaffung einer KI-basierten Software endet.

Die Schweiz ist ein KMU-Land, in welchem die meisten Unternehmen nicht mehr als zehn Personen beschäftigen. Diese haben sich mit einer solchen Entwicklung noch kaum befasst. Die Corona-Krise wird die Digitalisierung befeuern, das heisst, wir steuern auf eine Welt zu, in der auch der Mensch vermehrt eine Nummer sein wird. Und Entpersonalisierung macht das Lügen einfacher. Zumindest wenn man es aus moralischer Sicht betrachtet.

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