Professionelle Arbeit findet zunehmend in Situationen statt, in denen Fachwissen allein nicht ausreicht. Mitarbeitende und Führungskräfte müssen entscheiden, obwohl Informationen fehlen, Erwartungen widersprüchlich sind und die Folgen ihres Handelns nicht vollständig vorhersehbar. Psychologie löst diese Widersprüche nicht. Sie hilft aber zu verstehen, wie Menschen unter solchen Bedingungen wahrnehmen, urteilen und handeln.

Eine Führungskraft soll Orientierung geben, obwohl die Lage unübersichtlich ist. Mitarbeitende sollen Verantwortung übernehmen, obwohl ihre Entscheidungsspielräume begrenzt sind. HR muss individuelle UND organisationale Interessen berücksichtigen. Organisationsentwickler sollen Veränderung ermöglichen, ohne deren Verlauf kontrollieren zu können. Das Gemeinsame dieser Situationen: Menschen müssen handlungsfähig bleiben, obwohl es nicht immer eine eindeutig richtige Lösung gibt. Eine Fähigkeit wird damit besonders relevant: Reflexionsfähigkeit.

Reflexion ist mehr als Nachdenken

Donald Schön (1983) hat früh darauf hingewiesen, dass professionelles Handeln gerade dort anspruchsvoll wird, wo vorhandene Regeln nicht ausreichen. Reflexion richtet die Aufmerksamkeit dann nicht nur auf das Ergebnis, sondern auch auf die Voraussetzungen des eigenen Handelns: Was nehme ich wahr? Welche Annahmen halte ich für selbstverständlich? Welche Interessen, Gefühle und Rollenerwartungen beeinflussen mein Urteil? Psychologisches Wissen erweitert diese Reflexion. Es hilft zu verstehen, wie Wahrnehmung, Emotion, Motivation, soziale Dynamiken und organisationale Bedingungen unsere Urteile und unser Handeln beeinflussen.

Reflexion ist dabei kein Wert an sich. Sie wird professionell, wenn sie Distanz schafft, neue Perspektiven ermöglicht und wieder ins Handeln führt. Andernfalls kann Selbstreflexion auch in Grübeln, Selbstfokussierung und Entscheidungsaufschub münden. Psychologische Distanz spielt dabei eine wichtige Rolle (Kross et al., 2023).

Handlungsfähig trotz Widersprüchen

Eidenschink (2003) beschreibt Führung als fortwährendes Austarieren von Gegensätzen: Nähe und Distanz, Vertrauen und Kontrolle, Stabilität und Veränderung. Solche Spannungen lassen sich nicht dauerhaft beseitigen. Professionelles Handeln zeigt sich vielmehr darin, mit ihnen umgehen zu können.

Wer Unsicherheit grundsätzlich als Defizit erlebt, versucht möglicherweise, sie möglichst schnell zu beseitigen: durch zusätzliche Informationen, stärkere Kontrolle oder schnelle Entscheidungen. Das kann sinnvoll sein – oder vor allem der eigenen Entlastung dienen. Eine hilfreiche Reflexionsfrage lautet deshalb:

Löse ich gerade das Problem – oder versuche ich vor allem, mein Unbehagen mit dem Problem loszuwerden?

Für Führungskräfte kann das bedeuten, einen Konflikt nicht vorschnell zu befrieden. Für Mitarbeitende, Unsicherheit oder Überforderung anzusprechen, statt vorschnell Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Für HR, widersprüchliche Interessen zunächst sichtbar zu machen. Für Organisationsentwickelnde, Widerstand nicht automatisch als mangelnde Veränderungsbereitschaft zu interpretieren. Und für Beratende, auch den eigenen Wunsch, hilfreich sein zu wollen, zu reflektieren.

Wenn wir auch das Denken delegieren

Mit generativer KI erhält Reflexionsfähigkeit zusätzliche Bedeutung. Informationen verdichten, Texte formulieren, Argumente entwickeln, Daten analysieren oder Entscheidungen vorbereiten: Teile professioneller Wissensarbeit können zunehmend an KI delegiert werden. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Was kann KI für uns übernehmen? Sondern auch: Was müssen wir weiterhin selbst können, um beurteilen zu können, was wir delegieren?

Eine Studie mit Wissensarbeitenden zeigt, dass sich kritisches Denken bei der Arbeit mit generativer KI verändern kann. Bei höherem Vertrauen in die KI berichteten die Befragten weniger kritische Denkanstrengung. Zugleich verschiebt sich kritisches Denken: weg von der unmittelbaren Aufgabenerstellung und stärker hin zum Überprüfen, Integrieren und Beurteilen von KI-Ergebnissen (Lee et al., 2025). Das bedeutet nicht, dass KI zwangsläufig Kompetenzen abbaut. Es verändert aber, wo professionelle Urteilskraft gebraucht wird. Gute Texte, schnelle Analysen und plausible Antworten ersetzen nicht die Fähigkeit, schlechte Annahmen, Widersprüche oder Fehler zu erkennen.

Reflexion braucht andere Menschen

Reflexionsfähigkeit darf nicht zur nächsten individuellen Optimierungsanforderung werden. Ob Menschen Zweifel äussern, Fehler eingestehen oder bestehende Annahmen infrage stellen, hängt auch vom organisationalen Umfeld ab. Die Forschung zur psychologischen Sicherheit zeigt, wie bedeutsam die erwarteten sozialen Konsequenzen dafür sind, ob Menschen Fragen stellen, Bedenken äussern und Lernen ermöglichen (Edmondson & Lei, 2014). Reflexion findet deshalb nicht nur im Kopf des Einzelnen statt. Sie entsteht auch zwischen Menschen: im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, im Führungsdialog, in Retrospektiven, kollegialer Beratung, Coaching oder Supervision. Eine wichtige Frage lautet daher nicht nur: Was beeinflusst mein Urteil?, sondern auch: Mit wem überprüfe ich mein Urteil?

Organisationen gestalten mit, ob solche Reflexion möglich und erwünscht ist. So können sie kritisches Denken fordern und gleichzeitig Widerspruch sanktionieren. Oder reflektierten Umgang mit KI propagieren, während Geschwindigkeit und Output die entscheidenden Leistungskriterien bleiben.

Drei Fragen für professionelle Reflexion

Drei Fragen können helfen, Reflexion in den Arbeitsalltag zu integrieren:

  • Was beeinflusst gerade mein Urteil?
    Welche Annahmen, Interessen, Emotionen oder Rollenerwartungen wirken auf meine Einschätzung?
  • Welche andere plausible Beschreibung der Situation gibt es – und mit wem kann ich mein Urteil überprüfen?
    Perspektivwechsel und Widerspruch schützen davor, die eigene Interpretation mit der Realität gleichzusetzen.
  • Was darf ich nicht verlernen, obwohl ich es delegieren kann?
    Welche Kompetenzen brauche ich selbst, um Ergebnisse beurteilen, Fehler erkennen und Verantwortung übernehmen zu können?

Psychologie als Teil der Zukunft professioneller Arbeit

Die Zukunft professioneller Arbeit wird technologisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich und organisational geprägt sein. Psychologie ist ein wichtiger Teil davon. Denn leistungsfähigere Technologien nehmen Menschen nicht die Aufgabe ab, mit Unsicherheit, widersprüchlichen Interessen und begrenztem Wissen umzugehen. Je leichter Antworten verfügbar werden, desto wichtiger kann die Fähigkeit werden, ihre Voraussetzungen und ihre Qualität zu beurteilen.

Reflexionsfähigkeit ist deshalb kein Rückzug aus dem Handeln. Sie hilft Menschen in unterschiedlichen beruflichen Rollen, bewusster zu entscheiden, Perspektiven zu wechseln und die Grenzen der eigenen Gewissheit zu erkennen. Vielleicht lautet eine der wichtigen Fragen der zukünftigen Arbeitswelt deshalb nicht nur: Was kann die Technologie für uns tun? Sondern auch: Was müssen wir können, damit wir beurteilen können, was sie für uns tut?

 

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Quellenverzeichnis
Edmondson, A. C., & Lei, Z. (2014). Psychological safety: The history, renaissance, and future of an interpersonal construct. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 1, 23–43. 
Eidenschink, K. (2003). Warum Führen Stress verursacht. Wirtschaft & Weiterbildung, November/Dezember, 32–35.
Kross, E., Ong, M., & Ayduk, O. (2023). Self-reflection at work: Why it matters and how to harness its potential and avoid its pitfalls. Annual Review of Organizational Psychology and Organizational Behavior, 10, 441–464. 
Lee, H.-P., Sarkar, A., Tankelevitch, L., Drosos, I., Rintel, S., Banks, R., & Wilson, N. (2025). The impact of generative AI on critical thinking: Self-reported reductions in cognitive effort and confidence effects from a survey of knowledge workers. In Proceedings of the 2025 CHI Conference on Human Factors in Computing Systems. 
Schön, D. A. (1983). The reflective practitioner: How professionals think in action. Basic Books.

Katja Schwedhelm

Katja Schwedhelm ist Fachverantwortliche Studiengangsleiterin am Institut Management and Leadership der Kalaidos Fachhochschule. Mit einem Studium der Wirtschaftswissenschaften, langjähriger Führungserfahrung im mittleren Management und vielfältigen Weiterbildungen verbindet Katja Schwedhelm betriebswirtschaftliches Know-how mit fundierter Expertise in Arbeits- und Organisationspsychologie.

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