Spätestens seit Richard Thaler der Nobel-Preis für Ökonomie verliehen wurde, ist der Begriff «Nudging» in aller Munde. Weniger geläufig ist hingegen «Tipping». Während mit Hilfe von Nudging versucht wird, das Verhalten von Individuen in die gewünschte Richtung zu lenken, zielt Tipping auf die Veränderung der gesamten Gesellschaft ab. Ein politischer Entscheidungsträger, so die Theorie, kann eine relativ kleine Subgruppe der Gesellschaft davon überzeugen, sich eine neue, sozial erwünschte Verhaltensweise anzueignen – etwa, zugunsten des Klimas wenn immer möglich mit der Bahn anstatt mit dem Flugzeug zu reisen. Erreicht der Umfang der überzeugten Subgruppe einen kritischen Wert, den Tipping-Point, wird eine soziale Dynamik in Gang gebracht, welche nach und nach die gesamte Bevölkerung erfasst und das Zielverhalten schliesslich als soziale Norm etabliert.

Die Erwartungen an das «neue Nudging» sind hoch. Gemäss seinen Verfechtern soll Tipping die Ausbreitung nachhaltiger Verhaltensweisen in der Gesellschaft fördern und uns dadurch aus der Klimakrise führen. Doch hält der Ansatz was er verspricht?

In einer aktuellen Studie, publiziert in Behavioural Public Policy, untersucht Kalaidos-Forscher Joël Berger, gemeinsam mit Sonja Vogt und Charles Efferson (Universität Lausanne) das Potential von Tipping mit verfeinerten mathematischen Modellen. Fazit: Tipping wird unter bestimmten Bedingungen tatsächlich den hohen Erwartungen gerecht. Rascher, umfassender sozialer Wandel kann etwa dann erzeugt werden, wenn der individuelle Wechsel zur neuen, erwünschten Verhaltensweise einen verhältnismässig geringen Aufwand mit sich bringt. Nicht immer jedoch kann es Tipping richten. Der Ansatz stösst beispielsweise dann an seine Grenzen, wenn das Zielverhalten mit bestimmten sozialen Identitäten oder politischen Lagern in Verbindung gebracht wird. Knappe Ressourcen sollten in diesem Fall besser in andere Strategien zur Zielerreichung investiert werden. Lesen Sie hier mehr über die Studie: Tipping pro-environmental norm diffusion at scale: opportunities and limitations

Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Joel Berger

Dr. Joël Berger

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