Aufnahme des SEF-Referenten Timothy Garton Ash
Timothy Garton Ash, Historiker und Oxford-Professor, in seiner Rede am Swiss Economic Forum (SEF) 2017. (Bild: ©SEF.20)

Am Swiss Economic Forum (SEF) 2017 zeichnete der britische Historiker und Oxford-Professor Timothy Garton Ash angesichts des wieder zunehmenden Populismus ein gesellschaftskritisches, düsteres Bild. Der Experte für europäische Geschichte nach 1945 forderte in seiner Rede die versammelten Wirtschafts-, Politik- und Medienvertreter dazu auf, fremdenfeindliche Kräfte in die Schranken zu weisen.


Laut Ash kennzeichnen vier grosse Paradigmenwechsel die Welt, in der wir heute leben:

1. Wir leben im Anthropozän, der ersten Geschichtsepoche, in der die Menschheit durch Bevölkerungswachstum und Umweltverschmutzung zu einer Gefahr für die Zukunft der Erde wird.

2. Die Globalisierung prägt die Gesellschaften, da sie zu starker weltweiter Mobilität von Menschen, Kapital, Informationen und Gütern geführt hat.

3. Die digitale Revolution ist in vollem Gange. Als omnipräsentes Beispiel für eines ihrer Ergebnisse nannte Ash das Smartphone, welches wohl alle Anwesenden in der Tasche hätten. Für ihn handelt es sich dabei um eine «magic box», die es uns erlaube, mit der Hälfte der Menschheit zu kommunizieren. Scherzeshalber prophezeite er, dass bald schon mit der Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz das Smartphone an seiner Stelle den Vortrag halten wird.

4. In der Zunahme von Populismus sieht Ash eine der wichtigsten aktuellen Veränderungen. Dabei sei Populismus eine Bewegung, die bewusst gegen die Globalisierung arbeite. In den letzten 10 Jahren sei die Zahl der demokratisch regierten Staaten weltweit von 117 auf 90 gesunken und die Freiheit habe in 105 Ländern Rückschritte gemacht. Antiglobale Konterrevolutionen, die in Staaten wie etwa den USA, Russland und Indien in Gang seien, sind für den Historiker ein Anzeichen dafür, dass die rechtliche, politische und moralische Globalisierung der wirtschaftlichen Globalisierung hinterherhinkt.

Angesichts dieser immensen Veränderungen und Machtverschiebungen ist für den kürzlich mit dem renommierten Karlspreis ausgezeichneten Geschichtsexperten der Bedarf an kollektivem Handeln mehr denn je geboten. Sich einseitig auf ökonomisches Handeln zu konzentrieren, sei nicht ausreichend und einer der Gründe für die Zunahme des Populismus. Europa wie der gesamte Westen durchlebe gegenwärtig eine existenzielle Krise. Populisten wie Trump, Le Pen und Wilders schreckten nicht davor zurück, Errungenschaften freiheitlicher Systeme offen in Frage zu stellen.

Populistische Politiker suggerierten den Leuten erfolgreich, dass Ausländer ihnen die Jobs wegnehmen. «Aber in Wahrheit ist es die Digitalisierung, die viele Jobs schlicht obsolet macht», so der 61-jährige Professor. Es sei deshalb für den Erhalt einer friedlichen, stabilen Weltordnung absolut zentral, neue und überzeugende Wege der Arbeitsverteilung zu finden, damit die breite Bevölkerung am Wohlstand teilhaben kann. Zudem sei es wichtiger denn je, gemeinsam an globalen Lösungen zu arbeiten.

Ash beendete seinen Vortrag mit einem eindringlichen Appell an das Publikum im Saal. Alle seinen aufgerufen, die liberale Ordnung zu verteidigen. Nicht nur die Politik, sondern auch Wirtschaftsvertreter müssten den Kampf gegen den Populismus entschieden aufnehmen.

Zur Person

Timothy Garton Ash ist Professor für Europäische Gegenwartsgeschichte am St. Anthony‘s College der Universität Oxford und leitet dort das European Studies Centre. Er ist ausserdem Senior Fellow der Hoover Institution an der Stanford University in Kalifornien, hat den Bestseller «Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt» verfasst und tritt für ein einiges Europa ein.

Ash leitet das Forschungsprojekt Freespeachdebate.com an der Universität Oxford zum Thema Redefreiheit. Zentrales Element bildet eine Internetplattform in 13 Sprachen, die rund 80% der Internetnutzer beherrschen. Mit dem Projekt geht es Ash darum, die Welt dazu zu bringen, miteinander zu reden: eine «Wir müssen über alle Grenzen hinweg miteinander sprechen und einander zuhören um herauszufinden, was wir selbst wirklich wollen.»

Weiterführende Informationen und Quellen:

Die Rede von Timothy Garton Ash im Original: https://www.swisseconomic.ch/de/r/timothy-garton-ash

Die Webseite Debatte zur Meinungsfreiheit: http://freespeechdebate.com/de/

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