Die Wirtschaftspsychologie entstand nicht einfach über Nacht und beginnt plötzlich vor ca. 130 Jahren bei Wilhelm Wundt, Hugo Münsterberg oder Georg Katona, die als Väter der Wirtschaftspsychologie gelten. Nein: Wirtschaftspsychologisches Gedankengut ist so alt wie die Menschheit selbst. Hier der exemplarische Beweis – in 6 Akten:

1. Schon in prähistorischen Siedlungen fanden wirtschaftliche Austauschprozesse statt. Menschen trieben Handel untereinander und waren sich der Attraktivität knapper Güter bewusst. Zu diesem Zeitpunkt wurde natürlich noch nicht von Ökonomie gesprochen, schon gar nicht von wirtschaftspsychologischen Zusammenhängen. Die Menschen interagierten einfach intuitiv miteinander. Dennoch sind diese „ur-ökonomischen“ Austauschprozesse die Grundlage für das Verständnis der modernen Wirtschaftspsychologie.

2. Die ersten dokumentierten Beweise für wirtschaftspsychologisches Gedankengut sind Schriften aus dem alten Ägypten. Diese beschäftigen sich mit Weisheiten was der Mensch hinsichtlich seines Wohlergehens und Wirtschaftens zu tun und zu lassen hat. Die Menschen reflektierten ihr wirtschaftliches Handeln also bereits vor Tausenden von Jahren.

3. Im Griechenland der Antike legten Philosophen wie Sokrates, Platon und Aristoteles mit ihren Gleichnissen und Lehren später die Grundsteine der Ethik und Moral. Diese wurden über die Jahrhunderte immer wieder diskutiert und hielten Einzug in wirtschaftspsychologische Betrachtungsweisen.
Aus heutiger Sicht faszinierend: Diese Philosophen waren sich bereits vor rund 2500 Jahren einig, dass Menschen unter Umständen nicht immer rational handeln – dies zum Beispiel mangels ausreichenden Wissens (Sokrates), durch die Beeinflussung ihrer „Begierden“, also Triebe (Platon) und durch ihre Emotionen und Affekte (Aristoteles). Darüber hinaus bemerkte Stoa, dass inkonsistente Überzeugungen oder gesellschaftswidersprüchliche Auffassungen irrationales Verhalten des Menschen fördern (Müller, 2009). Dies sind wohlgemerkt Erkenntnisse, die in den Wirtschaftswissenschaften nicht annähernd so lange anerkannt sind.

Abbildung eines Baumes mit seinen Wurzel

4. Auch im Mittelalter sind Entwicklungen zu finden, die als Grundlage der heutigen Wirtschaftspsychologie gelten. So entstand durch den wachsenden Einfluss der Kirche ein neuer Arbeitsethos: „Ora et labora“ – zum Lebensinhalt der Menschen wurde die Arbeit und das Gebet, da nur dadurch der Weg zu „Gott und zum Paradies“ beschritten werden konnte. Die Kirche schuf durch ihre Lehren und den Fokus auf die Arbeit des Menschen die Ausgangslage für kapitalistisches Denken und Handeln. Im Kontrast zu diesen eher individualistischen Idealen entstand auch ein Verständnis für den gemeinschaftlichen Wert der Wirtschaft. Zu dieser Zeit hatten erhobene Zölle und steuerähnliche Abgaben einen gleichsam moralischen Stellenwert und wurden von den Menschen als Beitrag zum Gemeinwohl verstanden. Menschen, die dieser Pflicht nicht nachkamen, galten als unehrenhaft und wurden aus dem sozialen System ausgestossen (Stengel, 2007).

5. Bernardo Davanzati, ein italienischer Ökonom und Agronom, erkannte schon im Zeitalter der Renaissance 1588, dass der Wert einer Sache nicht nur einem spezifischen Gut anhaftet, sondern sich stetig den Wünschen und Bedürfnissen von Konsumenten anpasst. Er wird deshalb zu den ersten Gelehrten der Wirtschaftspsychologie gezählt (Müller, 1995).

6. Im 17. Jahrhundert entstanden im Zeitalter des Barock komplexe finanzwirtschaftliche Systeme - zunächst in England und Frankreich, später auf der ganzen Welt. René Descartes formulierte den methodischen Rationalismus und setzte so neben Thomas Hobbes entscheidende Impulse für die Weiterentwicklung der Psychologie. Weitere grosse Denker und Begründer neuer Ansätze zu dieser Zeit waren John Locke, William Petty, Hermann Conring und Gottfried Wilhelm Leibnitz. John Locke wird als einer der wichtigen Mitbegründer der politischen Ökonomie angesehen und gilt als Vater der englischen Psychologie (Müller, 1995).

Auch in den späteren Epochen, bis hin in das Zeitalter der Industrialisierung, finden sich zahlreiche Beispiele für wirtschaftspsychologisches Denken und Handeln. Aber erst seit ca. 130 Jahren werden psychologische Prozesse beim wirtschaftlichen Verhalten systematisch und empirisch untersucht. Eine kurze Zusammenstellung der wichtigsten Vertreter sowie eine interaktive Visualisierung finden Sie hier.

Weiterführende Literatur und Quellen:

Müller, J. (2009). Willensschwäche in Antike und Mittelalter. Leuven University Press, 109-110.

Stengel M., (2007). Psychologie der Freizeit – Psychologie des Tourismus. In D. Frey, D. & L. v. Rosenstiel (Hrsg.), Enzyklopädie der Psychologie – Wirtschaftspsychologie (S. 649-693). Göttingen: Hogrefe.

Eine ausführliche Zusammenstellung von psychologischem Denken in der Ökonomie – vom Altertum bis heute – finden Sie bei Müller, R. (1995). Eine Geschichte der Wirtschaftspsychologie. Zugriff am 22.09.2016. Verfügbar unter http://www.muellerscience.com/PSYCHOLOGIE/Wirtschaftspsychologie/GeschichtederWirtschaftspsychologie.htm

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