Mensch und Maschine
Bindeglied zwischen Mensch und Maschine: Die Wirtschaftspsychologie wird zu einem bedeutenden Kriterium für den Erfolg zukunftsorientierter Unternehmen. (Symbolbild)

Diplom-Psychologe Claudius Bornemann arbeitet seit 2009 im Bereich Learning & Development bei PwC Schweiz in Zürich. Zuvor sammelte er Consultingerfahrung bei Dr. Heimeier & Partner und Kienbaum sowie als Werbedisponent bei Deutsches SportFernsehen (DSF). Seit 2016 ist er Dozent für Personalpsychologie an der Kalaidos Fachhochschule.

Aufnahme Interviewpartner Claudius BornemannWarum haben Sie sich entschlossen Psychologie mit einem wirtschaftlichen Fokus zu studieren?

Ich habe Psychologie mit der Vertiefung Arbeits- und Organisationspsychologie studiert, weil ich Interesse daran hatte, wie Menschen in einem wirtschaftlichen Kontext agieren und funktionieren. Mich faszinierte die Frage, wie es gelingen kann, Wirkung auf Menschen zu erzielen, was ich aus ihren Interaktionen miteinander lernen kann und wie es möglich ist, dieses Wissen in anderen Kontexten erfolgreich anzuwenden. Für mich liefert die Arbeits- und Organisationspsychologie die besten Antworten auf diese Fragen.

Worin sehen Sie Nutzen von Wirtschaftspsychologie für Unternehmen?

Unsere Welt dreht sich zunehmend schneller und gewinnt an Komplexität, die Menschen laufen am Limit und sind stellenweise sogar überfordert. Ich bin deshalb davon überzeugt, dass der Wirtschaftspsychologie immer mehr Bedeutung zukommen wird, um diesen Herausforderungen besonders in wirtschaftlichen Zusammenhängen gerecht zu werden. Nicht zuletzt, weil der Faktor Mensch, vor allem in wirtschaftlichen Kontexten, einen immer grösseren Einfluss gewinnt. Wir brauchen Wirtschaftspsychologen, die ein Gespür dafür haben Problemlösungen zu erarbeiten, die über die Antworten der Ökonomen hinausgehen. Der Mensch agiert nun einmal nicht immer rational im Sinne der Ökonomen. Beispielsweis ist die Bedeutung sozialer Normen und Fairness im wirtschaftlichen Kontext nicht zu unterschätzen. Die Wirtschaftspsychologie stellt das entscheidende Bindeglied zwischen Mensch und Maschine dar und wird somit zu einem bedeutenden Kriterium für den Erfolg zukunftsorientierter Unternehmen.

Wie setzen Sie Ihr psychologisches Know-how konkret ein? Oder anders gefragt: Wie integrieren Sie Inhalte, Methoden und Erkenntnisse aus Ihrem Studium in die Arbeit?

In jeder täglichen Interaktion steckt ein kleines bisschen Psychologie – sei es im Gespräch mit Kollegen oder Mitarbeitenden, der Gesprächsführung allgemein, oder bei Treffen mit externen Parteien, in Interaktionen mit Gruppen wie Trainings oder Moderationen von Workshops, in der Gestaltung von Agenden bis hin zu komplexen Abläufen – immer spielt auch die Psychologie eine wichtige Rolle.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag von Ihnen aus?

Ich bin bei PwC Schweiz in der Aus- und Weiterbildung tätig und sehe mich täglich einem sehr vielseitigen Aufgabenspektrum gegenüber. Auf der einen Seite beschäftige ich mich mit Learning-Management: Das bedeutet viel Arbeit am PC, man schafft Strukturen an Dokumenten, erstellt Konzepte und macht diese anderen Anspruchsgruppen zugänglich. Auf der anderen Seite beinhaltet meine Arbeit den direkten Kontakt zu Mitarbeitenden, sei es unmittelbar im persönlichen Gespräch oder auch in Gruppen im Rahmen von Workshops.

Ressourcen einmal vorausgesetzt: Mit welchem Thema würden Sie sich beruflich gerne einmal beschäftigen?

Ein sehr spannendes Thema für mich aktuell ist die fortschreitende Digitalisierung unserer Welt, Stichwort Wirtschaft 4.0, und wie wir Menschen mit dieser möglichst effektiv umgehen können, während gleichzeitig einer Überforderung entgegengewirkt werden kann.

Wo sehen Sie aktuell die grösste Herausforderung in Ihrem Arbeitsfeld?

Die grössten Herausforderungen liegen bei PwC ebenfalls im Bereich der Digitalisierung. Auf welche Veränderungen müssen wir uns hinsichtlich der nötigen Prozesse, aber auch der Menschen vorbereiten, damit wir den Übergang in die digitalisierte Wirtschaftswelt der Zukunft erfolgreich absolvieren können. Man darf nicht vergessen, wir müssen auch in der neuen Welt handlungsfähig bleiben und dafür bedarf es anderer Kompetenzen wie z. B. Change-Agilität, Lern- und Innovationsfähigkeit. die andere sind, als die uns in der Vergangenheit erfolgreich gemacht haben.
Neben der Digitalisierung ist sicherlich auch der demographische Wandel von grosser Bedeutung. Wie schaffen wir es unterschiedliche Profile und unterschiedliche Menschen in den verschiedenen Lebensabschnitten im Wirtschaftskontext effektiv zu erhalten und zu fördern? Dazu müssen verschiedene Aspekte ineinander greifen. Wir müssen unsere Karrieremodelle überdenken und flexibler machen, um ein breiteres Spektrum an Menschen zu beschäftigen. Daneben müssen wir uns überlegen, wie wir den Wandel auch in unserer Firmenkultur abbilden und erlebbar machen.

In welchem Bereich der Wirtschaftspsychologie haben Sie vor Ihre Kenntnisse noch zu vertiefen?

Mein persönliches Zukunftsthema, das ich vertiefen möchte, wird noch stärker im Bereich Changemanagement liegen. Nach der Arbeit mit Einzelpersonen und Gruppen möchte ich mich zunehmend auch der erfolgreichen Umsetzung und Implementierung von Veränderungen in Gesamtorganisationen widmen.

Haben Sie Tipps für Studierende der Wirtschaftspsychologie?

Das hat sich im Grundsatz in den letzten 50 Jahren nicht geändert: Neugierig sein! Sich dafür interessieren, was man im Unterricht präsentiert bekommt: die Inhalte transferieren auf die Fragen, die sich den Studierenden auch in ihren Unternehmen stellen. Sich darüber im Klaren werden, was die konkreten Herausforderungen im Berufsalltag sind und welche Antworten die Wirtschaftspsychologie darauf liefert, die in der übrigen Wirtschaftstheorie nicht beantwortet werden können. Das gelernte überträgt man am besten in Tat und Praxis, indem man sich mit Kollegen im Studium oder in der Arbeit über die konkrete Umsetzung im Alltag austauscht. Das Lernen ist das eine, das Gespür für die Umsetzung und Anwendung in der Realität ist das andere – dafür, was es braucht, um in unserer Welt erfolgreich zu sein.

Wir danken Claudius Bornemann für das Gespräch.

Autor/in
Dr. Jörn-Basel

Prof. Dr. Jörn Basel

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