Wie im ersten Teil zum Thema der Schwellenwerte beschrieben, können solche konkreten Schwellenwerte in einem Internen Kontrollsystem (IKS) geradezu eine Einladung zu deren Umgehung sein.

Dieses Umgehungsproblem besteht aber nicht nur beim IKS von Unternehmungen, sondern auch im Bereich der Rechnungslegung.

Regelbasierte versus prinzipienbasierte Rechnungslegung

Die beiden internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS und US-GAAP haben diesbezüglich eine jeweils eigene Philosophie:

  • US-GAAP gilt vom Ansatz her als „regelbasiert“ und hat die Tendenz, ganz genaue Regeln aufzustellen, die dann oft auch klare Schwellenwerte beinhalten.
  • IFRS gilt als „prinzipienbasiert“ und bevorzugt allgemeine Regeln, die eher ohne konkrete Schwellenwerte auskommen.

Die höhere Klarheit – zumindest in dieser Hinsicht – von US-GAAP mag attraktiv erscheinen, kann aber auch unerwünschte Nebenwirkungen haben, wie das folgende Beispiel zeigt.

Wie Enron klare Schwellenwerte missbrauchte

Die Skandalfirma Enron, die kurz nach der Jahrtausendwende mit einem Schaden von über 60 Milliarden Dollar Konkurs ging, hatte auf verschiedenste Weise ihre Bücher manipuliert. Unter anderem missbrauchte Enron eine sehr explizite Regel der amerikanischen Rechnungslegung nach US-GAAP. Diese Regel sah damals einen Schwellenwert von 3% vor, von dem abhing, ob eine Special Purpose Entity (SPE) in den Konzernabschluss aufgenommen wird oder nicht. Enron konstruierte eine grosse Anzahl solcher SPE bewusst – immer mit Blick auf den konkreten Schwellenwert – auf eine Weise, dass sie gerade knapp nicht mehr konsolidiert werden mussten. Und so konnte Enron in diesen Vehikeln Schulden verstecken, die nie im Konzernabschluss auftauchten, sondern ausserhalb der Konzernbilanz blieben (englisch: „off-balance-sheet“).

No Logic behind the Threshold

Die Autoren Bethany McLean und Peter Elkind schreiben in ihrem später auch verfilmten Bestseller über den Zusammenbruch von Enron zu diesem Schwellenwert (engl. „threshold“):

„Don’t search for the logic behind the 3 percent threshold. There isn’t any.“ (Quelle: B. McLean & P. Elkind: „The Smartest Guys in the Room“, Portfolio-Penguin-Verlag, 10th-Anniversary Edition, New York 2013, Seite 157).

Mittlerweile hat man die entsprechenden Rechnungslegungsvorschriften angepasst und verlässt sich mehr auf allgemeine Prinzipien statt auf konkrete Schwellenwerte …

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