Roboterkopf vor Grossstadt Roboterkopf vor Grossstadt
Wie der Mensch lernt, mit einer neuen Technologie umzugehen. (Symbolbild)

Die Entwicklungen rund um die künstliche Intelligenz (KI) entwickelt sich in einem kaum dagewesenen Tempo und gleicht einem Rausch aus Zeiten der Goldgräberstimmung. Diese Dynamik hat einen starken Wettbewerb unter den Technologieriesen ausgelöst, was sowohl bahnbrechende Innovationen erzeugt, aber gleichzeitig neue Herausforderungen hervorruft. Von der Medizin bis zur Unterhaltung: KI-Modelle stellen ganze Branchen auf den Kopf. Obschon diese Maschinen sich rasant weiterentwickeln, sind ihre inneren Mechanismen oft nicht vollständig durchsichtig (man spricht von einer «Black Box»), was zu unerwarteten Konsequenzen führen kann. Zu Beginn unserer KI-geprägten Zukunft müssen wir behutsam und verantwortungsbewusst voranschreiten, sodass die KI als Symbol für Fortschritt steht und nicht umgekehrt. Wir sind dafür verantwortlich, dass die Entwicklungen mit ethischen und sicherheitstechnisch einwandfreien Grundsätzen kompatibel bleiben.

Sozioökonomische Risiken und Chancen

In der pulsierenden Welt der KI entfalten sich neue Entwicklungen mit atemberaubender Geschwindigkeit, was an das historische Wettrennen zum Mond erinnert. Führende Institutionen wie OpenAI, Microsoft, Meta und Google Research stehen an vorderster Front und stellen der Öffentlichkeit immer wieder neue Modelle vor. Dieses Rennen, angetrieben vom Traum, Allgemeine Künstliche Intelligenz (Artificial General Intelligence, AGI) zu erreichen, birgt gleichzeitig sowohl beispiellose Chancen als auch erhebliche Herausforderungen.

Der KI-Sektor ist im Moment ein regelrechter Schmelztiegel der Innovation und birgt Potential für grosses wirtschaftliches Wachstum, indem neue Wege für Zusammenarbeit und Wissensaustausch eröffnet werden. Noch bis vor Kurzem hat sich das Gebiet auf eine kleine Gruppe von Experten beschränkt. Mit der Einführung von ChatGPT im November 2022 wurde die Technologie für sämtliche Industrien interessant. Neue Machine-Learning-Modelle reifen im Moment immer schneller voran und stehen im Begriff, sowohl die Geschäftswelt, wie auch die Wissenschaft und die Gesellschaft zu revolutionieren. Sprachmodelle wie ChatGPT bleiben nämlich nicht auf einzelne Plattformen beschränkt, sondern werden u.a. in sämtliche Microsoft- und Google-Produkte integriert. Je allgegenwärtiger die Technologie wird, desto wichtiger ist es, dass wir die Entwicklungen behutsam navigieren und versuchen, die Risiken zu minimieren.

Genau dieses rasante Entwicklungstempo birgt nämlich auch Gefahren. Das sind Gefahren, die einer ökonomischen Raison folgen. Es handelt sich um klassische wirtschaftliche Dilemmata: Einerseits wollen Unternehmen ihre Konkurrenten überholen, andererseits besteht die Gefahr, dass dadurch grundlegende Prinzipien der KI-Sicherheit nicht genügend Beachtung finden. Es ist der Auftrag der Gesellschaft und der Regulatoren, hier genügend vorsichtig zu sein.

KI-Regulation und Geschäftsallianzen

Um dieses Schiff sicher zu steuern, werden weltweit Anstrengungen unternommen, um einen verantwortungsbewussten Umgang mit der KI zu fördern. Die Europäische Union fördert durch Initiativen im Rahmen des "Horizon 2020"-Programms die Forschungsexzellenz und entwickelt dadurch sozial verträgliche Instrumente aus dem Bereich des maschinellen Lernens. Netzwerke wie ELISE und TAILOR arbeiten unermüdlich an einem Rahmenwerk für vertrauenswürdige KI – momentan ein heisses Eisen in der Techszene. Diese Netzwerke haben zum Ziel, Europa zu einem globalen Vorbild für verantwortungsvolle KI zu machen. Allerdings reicht eine globale Regulierung allein noch nicht aus, da sie in der Regel viel langsamer voranschreitet als der kommerzielle Wettbewerb. Daher sollten die wichtigsten Player aus der Geschäftswelt selbst eigene Allianzen bilden - insbesondere die dominanten wie OpenAI, Google, Microsoft oder NVIDIA.

Vielleicht klingen solch potentielle Gefahren für einige Leser:innen beunruhigend. Je nachdem wie wir uns anstrengen, kann es auch ganz anders kommen: Wenn Marktteilnehmende, Lehrpersonen und politische Entscheidungsträger:innen zusammenarbeiten, hat die KI das Potential, uns in eine faszinierend neue Welt zu führen. Hier ist die wirtschaftliche Idee der «Coopetition» wegweisend, da sie darauf hinweist, dass Wettbewerbende auch gewinnbringend zusammenarbeiten können.

Digitale Geisteswissenschaften

Im Zuge der KI-Revolution ist ein kritischer Blick auf die schnellen Veränderungen und die ethische Integration dieser Technologien unerlässlich. Die digitalen Geisteswissenschaften bieten hierbei wertvolle Perspektiven. Sie ermöglichen es, die gesellschaftlichen Auswirkungen der KI zu durchleuchten und ihre Einbindung in die Forschung zu erkunden.

Es ist naheliegend, dass die KI in allen wissenschaftlichen Bereichen unverzichtbar wird. Insofern wird es wichtig, dass wir uns eine «AI Literacy» erarbeiten, um schlagkräftig mit KI-Systemen zu arbeiten, ohne dabei die kritische Denkfähigkeit zu opfern. Je mehr die KI uns bei kognitiven Aufgaben unterstützt, umso wichtiger wird es, der Versuchung zu widerstehen, das eigene Denken zu vernachlässigen.

In der Zukunft werden Menschen und KI in einer symbiotischen Beziehung zueinanderstehen, vergleichbar wie dies mit Computer und Handys bereits der Fall ist. Dabei gilt es, Wege zu finden, wie KI den Menschen unterstützt, ohne ihn abzulösen. In der Praxis finden wir bereits viele Beispiele, wo Mensch und KI zusammenarbeiten: Beispielsweise hilft die KI manchen Ärzten und Ärztinnen bei der Erstellung von Diagnosen oder den Biologen und Biologinnen bei der Entschlüsselung neuer Proteinstrukturen.

Fazit

Wir stehen an der Schwelle zu einer neuen Ära, wo menschliches Expertenwissen mit der Bibliothek einer KI vereint wird. Dazu braucht es politische, rechtliche und gesellschaftliche Massnahmen, um die möglichen Risiken zu minimieren. Initiativen wie das EU-Projekt namens TAILOR sind dabei wegweisend. Wenn wir einen guten Umgang mit dieser neuen Technologie finden, dann haben wir es mit der KI mit einem äusserst wertvollen Instrument zu tun, das uns unser Leben erheblich erleichtern kann. Damit uns dies gelingt, sind wir alle gefragt: Wir müssen dafür sorgen, dass der ethische und kritische Umgang mit künstlicher Intelligenz ein zentrales Anliegen bleibt – und genau dieses kritische Denken müssen auch wir selbst anwenden.

Quellen und weiterführende Informationen

Walter, Y. The rapid competitive economy of machine learning development: a discussion on the social risks and benefits. AI and Ethics (2023).

European Commission. (2018). Artificial Intelligence for Europe (Communication from the Commission SWD-137 final; pp. 1–20). European Union.

European Commission. (2019, April 8). Ethics guidelines for trustworthy AI / Shaping Europe’s digital future [European Commission of the EU]. Shaping Europe’s Digital Future.

European Commission. (2020). White Paper: On Artificial Intelligence – A European approach to excellence and trust (Communication from the Commission COM-65 final; White Paper, pp. 1–27). European Union.

Inria. (2022, May 9). TAILOR: A European network for trustworthy AI.

Meskys, E., Kalpokiene, J., Jurcys, P., & Liaudanskas, A. (2019). Regulating Deep Fakes: Legal and Ethical Considerations (SSRN Scholarly Paper No. 3497144).

Metzinger, T. (2019, April 8). EU guidelines: Ethics washing made in Europe [Section Politics]. Tagesspiegel Online.

TAILOR Initiative. (2022). TAILOR Objectives [Official Website]. The TAILOR Network.

Technology Innovation Institute. (2022, April 13). Technology Innovation Institute Announces Launch of NOOR, the World’s Largest Arabic NLP Model [Research Report]. TII News.

Walter, Y. (2022). Building Human Systems of Trust in an Accelerating Digital and AI-Driven World. Frontiers in Human Dynamics (Section Digital Impacts), 4(926281), 1–5.

Zhuang, S., & Hadfield-Menell, D. (2020). Consequences of Misaligned AI. Advances in Neural Information Processing Systems, 33, 15763–15773.

Autor/in
Yoshija Walter

Prof. Dr. Yoshija Walter

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CAS FH in KI-Management (Künstliche Intelligenz / Artificial Intelligence)

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