Vergessen
Gezieltes Vergessen kann im Arbeitskontext wichtig sein und Vorteile bringen. (Bild: Kalaidos FH)

Vergessen wir Dinge, empfinden wir dies in der Regel als negativ und ärgern uns darüber. Tatsächlich zeigen aber Studien, dass Vergessen nicht nur notwendig ist, sondern sogar leistungssteigernde Auswirkungen haben kann.

Was ist Vergessen eigentlich?

Unter Vergessen verstehen wir entweder das Nichtabspeichern von Informationen oder den Verlust respektive das „Nicht-mehr-erreichbar-sein“ dieser in unserem Gedächtnis. Vergessen ist hierbei irgendwo zwischen den Extremen des Alles-Vergessens und des Alles-Erinnerns angesiedelt. Beide Enden dieses Kontinuums sind jedoch eher eine Krankheit oder Störung als Normalität. Demenz ist hier ein allgemein bekanntes Schlagwort. Weniger bekannt ist jedoch das andere Extrem des Kontinuums. Im Gegensatz zum Durchschnittsmenschen, der Vergessen als störend empfindet, gibt es Menschen, die sehr darunter leiden, dass sie die Fähigkeit des Vergessens nicht oder kaum besitzen. Menschen mit dem „hyperthymestischen Syndrom“ erinnern selbst kleinste alltägliche Details noch Jahre später. Viele würden jetzt denken „oh, wie toll wäre das, nichts mehr zu vergessen“. Tatsächlich empfinden Menschen mit diesem Syndrom das Nicht-Vergessen-Können aber meist als Fluch und nicht als Segen. Diese Personen verschwenden häufig sehr viel Zeit damit, über die Vergangenheit nachzudenken. Zudem besetzt das Beibehalten aller Informationen, die man eigentlich nicht behalten möchte oder nicht mehr benötigt, kognitive Ressourcen, die dann nicht anderweitig genutzt werden können.

Vergessen bei der Arbeit

Bei der Arbeit wird Vergessen noch stärker als etwas Negatives empfunden, da wir gerade hier gute Leistung bringen wollen und uns wünschen, dass alle in unserer Erinnerung gespeicherten Informationen sofort abrufbar sind. Gleichzeitig kann Vergessen gerade im Arbeitskontext wichtig sein und Vorteile bringen.

Im Angesicht grosser – und ständig grösser werdender - Datenmengen ist es oft nicht möglich, alle wesentlichen Informationen aus der Erinnerung direkt abrufbar zu haben. In dieser stetig wachsenden Informationsflut ist es schwierig, die richtigen, für eine Entscheidung zentralen Informationen unter all den gespeicherten Informationen herauszufiltern. Dies kann nicht nur zu längeren und eventuell auch fehlerhaften Entscheidungen führen, sondern auch zu Überforderung und folglich Stress und geringerem Wohlbefinden.

Können wir gezielt beeinflussen, was wir erinnern und was wir vergessen? Bereits in den 1970ern führte Robert Bjork Studien zu gezieltem Vergessen durch. Versuchspersonen bekamen die Instruktion, eine zuvor gelernte Wortliste wieder zu vergessen. In der Tat erinnerten sie später beim Abruf der Liste signifikant weniger Wörter als eine Vergleichsgruppe, welche die Vergessens-Instruktion nicht erhalten hatte. Zusätzlich zeigte sich aber auch, dass die Personen, die eine Aufforderung zum Vergessen erhalten hatten, mehr kognitive Ressourcen als die Vergleichsgruppe zur Verfügung hatten. In weiteren, von der zuvor gelernten Wortliste unabhängigen Aufgaben erzielten sie bessere Leistungen als die Gruppe ohne die Vergessens-Instruktion, die sogar mit einer Kontrollgruppe, die zuvor keine Wortliste erlernt hatte, vergleichbar war.

In einer 2019 veröffentlichten Studie untersuchten Hertel und Kollegen nun gezieltes Vergessen in einer der Arbeitsrealität näheren Simulation. Um näher an der Realität des Arbeitskontexts zu sein, setzten sie jedoch kein explizites gezieltes Vergessen ein, sondern gingen davon aus, dass gezieltes Vergessen auch implizit hervorgerufen werden kann. Sie nahmen an, dass durch den Einsatz von digitalen Systemen zur Speicherung von relevanten Information und dem Management von Wissen gezieltes Vergessen implizit getriggert werden kann. Die Autoren simulierten in ihrer Studie die Planung des monatlichen Verkaufs eines Produkts basierend auf den Verkaufszahlen des Vorjahres. Studienteilnehmende sollten diese Informationen aus Listen einprägen . Später erhielt ein Teil der Teilnehmenden die Information, dass sie für ihre Prognose ein digitales Informationssystem, nutzen dürfen. Dies sollte implizites gezieltes Vergessen hervorrufen, da die zuvor gelernten Informationen digital verfügbar waren. Das Wissen, dass alle relevanten Informationen weiterhin verfügbar waren, führte tatsächlich zu einer Reihe von Unterschieden im Vergleich zur Gruppe, die kein digitales Informationssystem nutzen durfte. Es zeigte sich, wie bei den Wortlisten-Studien mit der expliziten Vergessens-Instruktion, dass die Teilnehmenden in der Bedingung des gezielten Vergessens später weniger Informationen zum Verkauf des Produkts erinnerten. Allerdings erinnerten sie mehr Informationen zu den Verkaufszahlen von anderen Artikeln, die ebenfalls in den vorherigen Listen zu den Verkaufszahlen aufgeführt, aber nicht im Informationssystem gespeichert waren. Zudem trafen die Teilnehmenden bessere Entscheidungen in der Verkaufsplanung und berichteten später von geringerem Stress und höherem Wohlbefinden.

Die Studie legt also nahe, dass der Einsatz von digitalen Informations- und Wissensmanagementsystemen durch gezieltes Vergessen nicht nur zu positiven Effekten auf die Arbeitsleistung, sondern auch zu positiven Effekten auf das Wohlbefinden führen kann. Besonders spannend dabei: In der Studie zeigten sich die meisten positiven Effekte des gezielten Vergessens nur bei den Teilnehmenden, die auch tatsächlich Vertrauen in die digitalen Informationssysteme hatten. Sie speicherten andere Informationen nicht nur besser, sondern auch die Qualität ihrer Entscheidungen korrelierte mit ihrem Vertrauen in das digitale System.

Grenzen und Kosten des Vergessens

Das Einsetzen von gezieltem Vergessen – impliziter oder expliziter Art – hat Grenzen und sollte gut überlegt sein. Beim Einsatz von Wissensmanagementsystemen sollte genau überlegt werden, was wirklich vergessen werden darf. Zu starkes Vergessen kann fatale Auswirkungen haben. Die Dosis macht auch hier das Gift. So zum Beispiel bei Piloten, bei welchen sich zeigte, dass sie bei einem zu hohen Grad an Automatisierung im Notfall nur noch schwer ohne Automatisierung das Steuer übernehmen können. Gerade in sich schnell verändernden Arbeitswelten ist es oft nicht einfach zu identifizieren, was weiterhin zentral ist und was gegebenenfalls auch vergessen werden darf.

Zudem scheint Vergessen nicht so einfach zu sein, wie wir es uns vorstellen und es sich vielleicht anfühlen mag. In einer kürzlich veröffentlichten fMRI-Studie von Wang und Kollegen (2019) bekamen Versuchspersonen Fotos gezeigt. Während die eine Gruppe danach die Instruktion bekam, sich das Bild einzuprägen, erhielten die anderen die Instruktion, das gesehene Bild zu vergessen. Tatsächlich zeigten sich in der Vergessens-Gruppe stärkere Gehirnaktivitäten. Überaschenderweise scheint das Vergessen mehr Ressourcen in Anspruch zu nehmen als das Erinnern. Zusätzlich zeigte sich aber vor allem bei den Teilnehmenden, die trotz der Vergessens-Instruktion moderate Gehirnaktivitäten zeigten, erfolgreiches Vergessen. Weder zu niedrige noch zu hohe Aktivitäten schienen hierfür von Vorteil. Dies ist ein Indiz dafür, dass bei zu starken Bemühungen etwas zu vergessen, die Erinnerung trotz der Intention zu vergessen eher gestärkt wird.

Trotz der positiven Auswirkungen auf Leistung und Wohlbefinden scheint gezieltes Vergessen also nicht so einfach zu sein, wie man vermuten mag und will daher gut überlegt sein. In diesem Sinne: gutes Vergessen!

Quellen und weitere Informationen:

Bjork, R. A. (1970b). Positive forgetting: the noninterference of items intentionally forgotten. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 9, 255-268.

Hertel, G., Meeßen, S. M., Riehle, D. M., Thielsch, M. T., Nohe, C., & Becker, J. (2019). Directed forgetting in organisations: the positive effects of decision support systems on mental resources and well-being. Ergonomics, 62, 597-611.

Wang, T. H., Placek, K., & Lewis-Peacock, J. A. (2019). More is less: increased processing of unwanted memories facilitates forgetting. Journal of Neuroscience, 39, 3551-3560.

 

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