Nadja Schwery

Sie sind Habilitandin und Lehrbeauftragte an den Universitäten Freiburg i.Ue. und Zürich, ausserdem werden Sie ab November 2021 die Module Privatrecht I und II an der Kalaidos Law School übernehmen. Ihre Schwerpunkte liegen im Sachen- und im Obligationenrecht. Weshalb forschen Sie auf dieser Schnittstelle?

Ich finde das wissenschaftliche Bearbeiten von Schnittstellen besonders gewinnbringend, weil sie oft nur wenig erforscht sind. Das gilt auch für das Sachen- und das Obligationenrecht: Beide Rechtsgebiete greifen tief ineinander ein und konstituieren gemeinsam die Grundlage des schweizerischen Vermögensrechts. Und doch brechen eben gerade dort, wo sie sich überlagern, besonders oft Sollbruchstellen und aussergewöhnlich komplexe rechtliche Fragen auf, die einer Beantwortung bedürfen.

Nehmen Sie z.B. den Verkauf von Stockwerkeigentum ab Plan: Hier sind Aspekte des Sachenrechts (wegen des Stockwerkeigentumsrechts), des Personen- und Gesellschaftsrechts (mit Blick auf die Rechte und Pflichten der Stockwerkeigentümer innerhalb ihrer Gemeinschaft) sowie des Kauf- und des Bauvertragsrechts untrennbar miteinander verknüpft. Seit Jahrzehnten ist umstritten, wie Stockwerkeigentümerinnen und Stockwerkeigentümer sowie Stockwerkeigentümergemeinschaften rechtlich gegen Werkunternehmer vorgehen können, die gemeinschaftliche Teile des Stockwerkeigentumsgebäudes (wie das Dach oder die Aussenwand) mangelhaft erstellen. Ende 2018 hat das Bundesgericht seine Rechtsprechung auf diesem Gebiet grundsätzlich geändert. Dennoch harren noch viele grundlegende Fragen einer Beantwortung. Das erstaunt angesichts der Tatsache, dass der Verkauf von Stockwerkeigentum ab Plan auf dem schweizerischen Immobilienmarkt weit verbreitet ist.

Haben Sie schon eine Vorstellung davon, was Sie konkret von Ihrer gerade abgeschlossenen Weiterbildung, dem «Certificate of Advanced Studies (CAS) Hochschuldidaktik und Technologie in der Lehre», in den Unterricht einbringen werden?

Die Weiterbildung «Hochschuldidaktik und Technologie in der Lehre» hat mich dafür sensibilisiert, dass in der Hochschullehre derzeit Vieles im Wandel und im Umbruch ist. Das kann Unsicherheiten schüren, ebnet aber gleichzeitig auch neue Wege. Im Rahmen des CAS bin ich z.B. auf das Lehrkonzept des sog. flipped classroom gestossen, das mich sehr angesprochen hat; ich habe mich im Rahmen meiner Weiterbildung vertieft damit auseinandergesetzt. Zwischenzeitlich konnte ich freudig überrascht feststellen, dass eben dieses integrative Lehrkonzept an der Kalaidos Law School umgesetzt wird. Der Unterricht ist insofern flipped respektive umgekehrt, als die Studierenden die Lerninhalte Zuhause eigenständig (gleichzeitig aber auch angeleitet) erarbeiten. Die Zeit und Zusammenarbeit während des Unterrichts wird dann nicht mehr für die Stoffvermittlung, sondern für die Entwicklung der Kompetenzen genutzt, welche die Studierenden benötigen, um ihre beruflichen Herausforderungen nach Studienabschluss zu bewältigen. Als angehende Juristinnen und Juristen müssen die Studierenden in der Lage sein, vielschichtige Sachverhalte zu verstehen, die signifikanten Rechtsfragen herauszufiltern und sie den einschlägigen Rechtsgebieten zuzuordnen. Dafür brauchen sie die Kompetenz zur Komplexitätsreduktion. Wo es darum geht, die festgesetzten Rechtsfragen einer Lösung zuzuführen, kommt die Kompetenz zur diskursiven Subsumption zum Tragen. Während des Unterrichts an der Kalaidos Law School stehen die Erarbeitung und die Förderung dieser Kompetenzen im Vordergrund. Damit vollzieht das Lehrkonzept der Kalaidos Law School die generelle Umstellung von der Input- zur Output-Orientierung, die ein tragender Pfeiler der Bologna-Reform konstituiert.

Für wen ist ein Jus-Studium an einer Fachhochschule in Ihren Augen zu empfehlen?

Juristische Fragen begegnen uns im Alltag auf Schritt und Tritt. Ein Jus-Studium an der Kalaidos Law School würde ich all jenen empfehlen, die einen vertieften Einblick in rechtliche, wirtschaftliche und politische Zusammenhänge gewinnen möchten. An der Kalaidos Law School werden Erfahrungen aus Alltag und Beruf einerseits und akademisches Wissen andererseits zusammengeführt. Das erlaubt einen facettenreichen Zugang zu den verschiedensten juristischen Fragestellungen. Überdies hoffe ich, dass die Kalaidos Law School auch Frauen mit familiären Verpflichtungen den Weg ins Jus-Studium ebnet – durch ihre Verpflichtungen in Beruf und Familie benötigen sie Studienlösungen, die sich flexibel ausgestalten lassen.

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