Wer Antidepressiva schrittweise absetzt, erlebt oft depressive Verstimmungen und Ängste. Solche Beschwerden beim Ausschleichen werden häufig als Rückfall gedeutet – und das Medikament wieder erhöht. Eine heute in der Fachzeitschrift «Psychotherapy and Psychosomatics» erschienene Schweizer Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Michael Hengartner (Kalaidos Fachhochschule) zeigt: Die Beschwerden treten im Gleichschritt mit körperlichen Entzugssymptomen auf, verstärken sich nach jeder Dosisreduktion und klingen wieder ab, sobald die Dosis stabil bleibt. Das spricht für Entzugsreaktionen – nicht für die Rückkehr der Depression oder Angststörung.

Wellenförmiges Muster nach jeder Dosisreduktion

Forschende der Kalaidos Fachhochschule, der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), der Universität Zürich (UZH) und des King’s College London begleiteten unter der Leitung von Prof. Dr. Michael Hengartner (Kalaidos Fachhochschule) 32 Erwachsene aus der hausärztlichen Versorgung beim Absetzen ihres Antidepressivums. Über 26 Wochen wurden die Teilnehmenden wiederholt befragt; insgesamt flossen 187 Messungen zu Entzugssymptomen, depressiven Symptomen und Angstsymptomen in die Analyse ein. Es ist eine der wenigen prospektiven Studien, die den Verlauf des Absetzens längerfristig über verschiedene Messzeitpunkte dokumentiert.

Die Ergebnisse zeigen ein deutliches Muster: Nach Dosisreduktionen stiegen Entzugssymptome, depressive Symptome und Angstsymptome rasch an. In Phasen ohne weitere Reduktion klangen sie innerhalb weniger Wochen wieder ab – selbst bei sehr geringen Dosen, denen keine therapeutische Wirkung mehr zugeschrieben wird. Ein Rückfall einer psychischen Störung verläuft anders: Er hängt nicht am Rhythmus der Dosisschritte und entwickelt sich schleichend.

Auffällig ist zudem, wie eng die psychischen Beschwerden mit typischen körperlichen Entzugssymptomen wie Schwindel, Gleichgewichtsstörungen, Muskelkrämpfen oder Übelkeit verbunden waren. Berücksichtigte das Forschungsteam die körperlichen Symptome in der Analyse, wurde der Zusammenhang zwischen Dosisreduktion und depressiven oder ängstlichen Beschwerden deutlich schwächer.  Dies liefert einen weiteren Hinweis darauf, dass es sich um Entzugsreaktionen handelt.

«Wer nach einer Dosisreduktion rasch emotionale Beschwerden entwickelt, braucht in den meisten Fällen nicht mehr Medikament, sondern sollte langsamer und mit kleineren Dosisreduktionen absetzen», sagt Studienleiter Michael Hengartner, Professor für Klinische Psychologie an der Kalaidos Fachhochschule.

Was das für Betroffene und Ärztinnen und Ärzte bedeutet

In der Schweiz nehmen aktuell rund vierhunderttausend Menschen täglich Antidepressiva ein, und viele von ihnen werden irgendwann versuchen, das Medikament abzusetzen. Werden die Beschwerden dann als Rückfall gedeutet, folgt oft die Rückkehr zur alten Dosis und die Einnahme verlängert sich um Monate oder Jahre. Die Studie legt einen anderen Umgang nahe: Symptome in den Wochen nach einer Dosisreduktion zuerst als mögliche Entzugsreaktion prüfen, abwarten und die Dosis gegebenenfalls langsamer senken, bevor die Diagnose Rückfall gestellt wird. 

Die Ergebnisse sind auch für die Forschung relevant: In Studien zur Rückfallprävention, die das Absetzen von Antidepressiva mit der fortgesetzten Einnahme vergleichen, könnten Entzugsreaktionen teilweise als Rückfälle interpretiert worden sein. Dies könnte die Ergebnisse solcher Studien beeinflussen.

«Unsere Daten beruhen auf einer Beobachtungsstudie und beweisen keine Ursache-Wirkung-Beziehung», betont Studienleiter Prof. Dr. Michael Hengartner. «Aber sie zeigen ein Muster, das Forschende und Behandelnde ernst nehmen sollten: Beschwerden nach einer Dosisreduktion sollten zuerst im Kontext möglicher Entzugsreaktionen beurteilt werden und nicht reflexhaft als Rückfall interpretiert werden.»

Research Group Leader
Michael Hengartner

Prof. Dr. Michael Hengartner

Zum Profil
Psychologie
more... more...

Kalaidos Fachhochschule

Jungholzstrasse 43
8050 Zürich
Facebook Twitter Xing LinkedIn WhatsApp E-Mail