Angehörigenbetreuung durch Jugendliche war Thema in der «SRF Puls»-Sendung vom 19. April 2021. Als Interviewgast dabei war Prof. Dr. Agnes Leu von der Careum Hochschule Gesundheit.

Joël und Chiara sind beides junge Menschen. Sie verbindet einiges – beide haben Erfahrungen als Young Carers, also Jugendliche, die in einer Unterstützungsrolle nahe Personen betreuen. Wie sie mit ihrer Rolle zurechtgekommen sind und was sie darüber denken, wird in der «Puls»-Sendung vom 19. April 2021 beleuchtet.

SRF Puls, Beitrag Young Carers und Interview mit Prof. Dr. Agnes Leu, 19.04.2021

Körperpflege und Räuber Hotzenplotz

Der heute 18-jährige Joël hilft seit seiner Kindheit bei der täglichen Betreuung seiner zwei Brüder Alain und Olivier mit, die beide das Down-Syndrom haben, z.B. bei der Körperpflege oder er liest ihnen lebhaft aus dem «Räuber Hotzenplotz» vor, wenn er sie zu Bett bringt. Für ihn ist das normaler Alltag. Er mache das gerne für seine Brüder, meint er, während er seinem Bruder liebevoll den Rücken eincremt. Er weiss aber auch, dass er die Verantwortung für seine Brüder nicht alleine trägt. Seine Rolle wird im Gespräch mit den Eltern beleuchtet. Er selbst findet, dass er durch seine Betreuungsaufgaben reifer geworden ist und sieht auch viele Vorteile darin. Die Familie ist ihm sehr wichtig.

Zwischen emotionalem Support und Überforderung

Die heute 20-jährige Chiara war zehn Jahre alt, als ihr Vater begann, unter wahnhaften Störungen zu leiden. Als Kind konnte sie seine Krankheitssymptome nicht einordnen, da auch nicht darüber gesprochen wurde. Der Familienalltag war durch Streit und Überforderung geprägt. Chiara leistete bereits früh emotionalen Support, versuchte die Probleme der Erwachsenen lösen, den apathischen Vatern zu aktivieren, die Mutter zu entlasten, kümmerte sich um die kleine Schwester und den Haushalt. Selbst konnte sie aber mit niemandem über ihre Situation sprechen. Sie zog sich immer mehr zurück, bis es nicht mehr ging. Ihre Noten wurden schlechter und irgendwann brach sie in der Oberstufe in Tränen aus, als jemand Witze über die Psychiatrie machte. Beim Schulsozialarbeiter konnte sie das erste Mal über ihre Situation sprechen. «Es war eine riesige Erleichterung, es fiel mir ein Stein vom Herzen.» Auch sie kann mittlerweile Positives aus ihrer Rolle ziehen, etwa für ihren beruflichen Weg, der sie in die soziale Arbeit geführt hat.

Möglichkeiten zum Austausch: Treffen für Young Carers

Gast in der Sendung war Prof. Dr. Agnes Leu, die schon seit einigen Jahren an der Careum Hochschule Gesundheit intensiv über Young Carers forscht. Sie weist im Interview darauf hin, dass Young Carers wie Chiara oder Joël heute die Möglichkeit zum Austausch haben, z.B. in den Get-Together für junge Menschen im Alter von 1525 Jahren, die von der Careum Hochschule Gesundheit organisiert werden. Dort können sie über ihre Sorgen reden, aber auch über andere Themen, die sie selber bestimmen können. Die Treffen finden wegen der aktuellen Situation im Moment online statt.

Da Young Carers aus Scham oftmals nicht über ihre Situation reden oder diese einfach als normal empfinden, ist es schwierig, sie überhaupt sichtbar zu machen. «Young Carers sind sehr versteckt, behalten ihre Sorgen für sich. Das ist ein sehr wichtiges Thema: Die Sichtbarkeit und die Erkennung von Young Carers.» Es sei extrem wichtig, führt Agnes Leu aus, dass Young Carers einen Begnungsort erhalten und dass Personen im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich sensibilisiert und geschult werden. Wenn man sensibilisiert sei, fallen einem auch typischeTrigger auf, wie z.B. der innere Rückzug, Konzentrationsschwierigkeiten, schlechte Schulnoten, fehlende Hausaufgaben. Deshalb, so Agnes Leu, sind Forschung und Weiterbildung zum Thema Young Carers extrem wichtig.

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Zu den Forschungsprojekten rund ums Thema Young Carers

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