Ein funktionierendes Gesundheitswesen ist die Voraussetzung für eine professionelle und qualitativ hochstehende Versorgung. Um Herausforderungen im klinischen Alltag konstruktiv zu begegnen, braucht es Teams, die gut zusammen funktionieren sowie Führungspersonen, die Zusammenarbeit unterstützen, fördern und selbst vorleben. Um Shared Leadership und Shared Governance geht es auch in einem neuen CAS der Careum Hochschule Gesundheit.

Effektives Leadership braucht neue Führungsformen. Wenig geeignet sind stark hierarchische Führungsstile, bei denen Planung und Kontrolle im Mittelpunkt stehen. Mehr Erfolg versprechen geteilte Verantwortung, dezentrale Entscheidungsfindung, Informationsfluss und Förderung von Unterstützungsstrukturen. Leitungsteams müssen kollaborative Führungsmodelle anwenden mit dem Ziel, eine gemeinsame Führungskultur mit einer aktiven Beziehungsgestaltung und geteilten Werten aufzubauen.

Um Führungspersonen im Gesundheitswesen in der Thematik fit zu machen, bietet die Careum Hochschule Gesundheit zu diesem aktuellen Thema neu einen CAS FH in Shared Leadership – Shared Governance an. Im Gespräch erklären Dr. Jacqueline Martin, Studiengangsleiterin/CEO Careum Hochschule Gesundheit, und Dr. Miriam Engelhardt, Co-Studiengangsleiterin/Soziologin, warum sie sich für das Thema interessieren und was ihnen zu  Leadership, Teamentwicklung und Diversität durch den Kopf geht.

Warum liegen Ihnen das Thema Leadership und dieser CAS am Herzen?

Martin: «Das Thema liegt mir deshalb so sehr am Herzen, weil es mich seit Jahren begleitet – sowohl während meiner Promotion als auch in meinen diversen Führungs- und Coachingfunktionen, die ich innehatte. Der Anspruch an Führungsteams ist in den letzten Jahren massiv gewachsen. Die meisten Weiterbildungen greifen betriebswirtschaftliche Kompetenzen auf. Die sind auch wichtig, werden aber den fachlichen Aufgabenstellungen nicht gerecht.»

Jacqueline Martin

Dr. Jacqueline Martin

Studiengangsleiterin, CEO Careum Hochschule Gesundheit

Wenn Shared Leadership erfolgreich umgesetzt wird, kann eine Kultur des Vertrauens und des lebenslangen Lernens entstehen.

Was sind die Vorteile von Shared Leadership? Gibt es auch Herausforderungen?

Martin: «Wenn Shared Leadership erfolgreich umgesetzt wird, kann eine Kultur des Vertrauens und des lebenslangen Lernens entstehen. Die Herausforderung ist jedoch, dass ‹Macht› geteilt wird. Das ist aus verschiedenen Gründen nicht einfach. Teilweise sind das persönliche Aspekte, die im Wege stehen, teilweise sind es aber auch Erwartungen oder die Organisationsstruktur und -kultur einer Institution, die eine Umsetzung erschweren.»

Engelhardt: Wenn Shared Leadership gelingt, ist es eine ungemeine Entlastung bei gleichzeitiger Qualitätssteigerung. Denn man teilt ja nicht nur die Menge an Aufgaben, sondern auch die Verantwortung. Es ist einfach etwas ganz anderes, ob man als einsamer Wolf Herausforderungen und Entscheidungen allein auf den Schultern trägt oder sich mit einer vertrauten Person als Sparringpartner und auf Augenhöhe austauschen kann. Leadership – etwas bewirken können - macht ja in Wirklichkeit Spass. Es ist oft nur die Überlastung, die Menschen zögern lässt, Führungspositionen zu übernehmen.

 

Der neue Studiengang «CAS FH in Shared Leadership - Shared Governance»

Was Studierende erwartet: Ein Studiengang, in dem sie neue Ideen und Ansätze erhalten, wie sie als Führungsteams gemeinsam und erfolgreich unterwegs sein können, um ihre Organisationen fachlich weiter zu bringen.
Der CAS richtet sich an das mittlere Führungskader Pflege, an Stationsleitungsteams und Pflegeexperten, z.B. Advanced Practice Nurses, die eine gemeinsame Führungsverantwortung für ihre Abteilung oder klinische Einheit haben. Die wichtigste Voraussetzung ist, dass sie bereit sind, sich kritisch zu reflektieren. Denn jede Führung beginnt mit Selbstführung.

Weitere Informationen und Anmeldung

Miriam Engelhardt

Dr. Miriam Engelhardt

Co-Studiengangsleiterin, Soziologin

Leadership – etwas bewirken können - macht ja in Wirklichkeit Spass. Es ist oft nur die Überlastung, die Menschen zögern lässt, Führungspositionen zu übernehmen.

Welche Herausforderungen im Alltag verhindern die Umsetzung von Innovationen?

Martin: «Da gibt es viele Gründe. Häufig ist der Alltag so belastend, dass kaum mehr Raum bleibt, um sich überhaupt mit Innovationen auseinanderzusetzen. Diese bewusste Auseinandersetzung ist aber der erste Schritt, um überhaupt offen zu sein für eine Integration in die eigene Arbeit.»

Warum werden im klinischen Alltag wissenschaftliche Erkenntnisse oft nicht umgesetzt?

Martin: «Auch diesbezüglich gibt es viele wissenschaftliche Untersuchungen, die mögliche Erklärungen bieten. Ein wesentlicher Grund ist, dass die Erkenntnisse entweder zu wenig vereinfacht oder vor der Implementierung nicht an den jeweiligen Kontext angepasst wurden. Ein weiterer, ganz zentraler Faktor ist die ‹Facilitation›: Gibt es eine fachliche Unterstützung, um die Entwicklungsprozesse gezielt zu gestalten und die Menschen für das Neue zu befähigen?»

Jacqueline Martin

Dr. Jacqueline Martin

Studiengangsleiterin, CEO Careum Hochschule Gesundheit

Es braucht nicht noch mehr alleine agierende Fachpersonen. Gesucht sind Teamplayer, die den Informationsfluss entlang dem Patientenpfad aufrechterhalten und kooperativ zusammenarbeiten.

Vor welchen Herausforderungen stehen Teams in der Praxis und wie verbessert man die Zusammenarbeit?

Martin: «Die Herausforderung besteht darin, dass eine koordinierte und personenzentrierte Versorgung in Gesundheitssettings nur noch im interprofessionellen Team erbracht werden kann. Niemand weiss mehr alles, aber jeder weiss etwas, das er in die gesundheitliche Versorgung von Patientinnen und Patienten einbringen kann. Es braucht nicht noch mehr alleine agierende Fachpersonen. Gesucht sind Teamplayer, die den Informationsfluss entlang dem Patientenpfad aufrechterhalten und kooperativ zusammenarbeiten. Damit dies erreicht wird, sollte es unter anderem vertrauensbildende Massnahmen auf der zwischenmenschlichen Ebene und genügend Austauschgefässe auf der organisatorischen Ebene geben.»

Engelhardt: «Leider wird nämlich immer wieder unterschätzt, dass eine Ansammlung von Expertinnen und Experten nicht von alleine gut funktioniert. Warum trainiert die Fussballnationalmannschaft überhaupt vor der Weltmeisterschaft monatelang zusammen? Es sind doch alles Topspieler? Teambildung ist wirklich eine dauerhafte und ernstzunehmende Aufgabe. Gute versus schlechte Zusammenarbeit ist der neue Wettbewerbsvorteil und zwar in zweifacher Hinsicht: bezüglich der Versorgungsqualität und beim Recruiting.»  

Miriam Engelhardt

Dr. Miriam Engelhardt

Co-Studiengangsleiterin, Soziologin

Gute versus schlechte Zusammenarbeit ist der neue Wettbewerbsvorteil und zwar in zweifacher Hinsicht: bezüglich der Versorgungsqualität und beim Recruiting.

Warum ist Diversität im Team von Vorteil?

Martin: «Es bringt eine kulturelle und soziale Vielfalt in ein Team. Nicht nur bezüglich unterschiedlicher Werte und Haltungen, sondern auch bezüglich körperlicher, technischer und geistiger Fähigkeiten. Dies führt zum Beispiel zu besseren Entscheidungen, weil vorgängig verschiedene Perspektiven und unterschiedliche Wahrnehmungen integriert worden sind. In einer lernenden Organisation wird diese Vielfalt an Mitarbeitenden konstruktiv und gewinnbringend eingesetzt.»

Engelhardt: «Ein weiterer Punkt ist die Diversität der Patientinnen und Patienten, auf die man mit einem diversen Team viel besser eingehen kann. Man kann sich im Team zum Beispiel interkulturell und in Bezug auf Generationenunterschiede gut unterstützen. Man erweitert auf diese Weise das eigene Verständnis. So gelingt ein wertschätzender, kundenorientierter Umgang mit allen Patientinnen und Patienten.»

Wie verhilft eine Vision zu einer gezielten Praxisentwicklung?

Martin: «Eine Vision mit ihren strategischen Zielen hilft die Entwicklungen zu fokussieren und die knappen Ressourcen zu bündeln. Alle Mitarbeitenden können ihr Handeln auf das Erreichen der Vision ausrichten und dadurch ihren Beitrag leisten.»

Engelhardt: «Die Vision gemeinsam zu entwickeln ist ein guter Weg, um den Mitarbeitenden den nötigen Raum zu geben, sich mit der Innovation auseinanderzusetzen. Die Innovation muss ja erstmal in den Herzen ankommen. Das gibt dann Kraft für die Umsetzung.»

Zu den Personen:

Dr. Jacqueline Martin ist promovierte Pflegewissenschaftlerin und seit 2020 CEO der Careum Hochschule Gesundheit. Zuvor arbeitete sie seit 1987 am Universitätsspital Basel in diversen Führungsfunktionen, davon die letzten neun Jahre als Direktorin Pflege/MTT mit Einsitz in der Spitalleitung. ‹Leadership› ist ein Thema, das sie sowohl in der Praxis, in der Bildung als auch in der Forschung seit längerem begleitet.
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Dr. Miriam Engelhardt ist Dozentin, Moderatorin, Trainerin und promovierte Soziologin. Sie arbeitete unter anderem ab 2008 in der Personalentwicklung am Universitätsspital Basel. 2012 gründete sie Engelhardt-Training. Themen wie Leadership, Generationenkompetenz und Teamentwicklung gehören zu ihren Kernkompetenzen.
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Die Fragen stellte Milena Svec Goetschi. Das Interview wurde schriftlich geführt.

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