Mit der Veranstaltung «Careum Campus lebt» setzt sich die Careum Stiftung zum Ziel, dass die verschiedenen Akteure auf dem Campus voneinander, miteinander und übereinander lehren und lernen. Bei der aktuellsten Veranstaltung standen Caring und Menschlichkeit in der Pflege im Mittelpunkt.

In «normalen» Zeiten treffen sich in der Mittagsveranstaltung «Careum Campus lebt» jeweils interessierte Personen zu einem Referat und diskutieren im Anschluss über konkrete Praxisbeispiele. Mit den steigenden Covid-Fallzahlen der letzten Wochen konnte die Veranstaltung am 28. Oktober 2020 nicht mehr regulär vor Ort durchgeführt werden, sondern fand per Videokonferenz statt.
Nichtsdestotrotz freute sich der neue CEO der Careum Stiftung, Stefan Spycher, dass der Careum Campus auch virtuell lebt und sich zahlreiche Personen online zusammenfanden, um dem Referat von Dr. Marianne Schärli zu lauschen. Diese stellte die Ergebnisse und Empfehlungen ihrer klinischen Studie vor, in der sie sich mit partizipativem Caring befasst hatte.

Menschliche Beziehungen in der Pflege

Caring ist wird in der Forschung als heilsame Pflegebeziehung zwischen Pflegenden und Patientinnen und Patienten definiert. Dr. phil. Marianne Schärli erweitert den Caring-Begriff und betont die Teilhabe. Sie sieht partizipatives Caring als die heilsame Beziehung zwischen zwei Personen, die durch Verständnis und Beachtung der aktuellen Situation und Lebenswelt des Gegenübers Wohlbefinden und Menschlichkeit bewirkt. Das Handeln wird gemeinsam ausgelotet. Ziel ihrer klinischen Studie war es, ein verlässliches Monitoringinstrument für partizipatives Caring in deutscher Sprache zu entwickeln und Empfehlungen für Praxis, Lehre und Forschung abzugeben.

Als Co-Studiengangsleiterin MAS Cardiovascular Perfusion an der Careum Hochschule Gesundheit und Leitungsperson Praxisentwicklung an einem Spital kennt sich Marianne Schärli sowohl mit Lehre und Forschung als auch mit der Pflegepraxis aus. In ihrer Studie hatte sie auf zwei Bettenstationen der Traumatologie das Caring-Handeln der Pflegefachpersonen beobachtet und die Caring-Erwartungen von Patientinnen und Patienten erfragt, etliche Interviews geführt und diese analysiert.

Wenn die Vorstellungen von Pflege auseinandergehen

Oftmals unterscheiden sich Vorstellungen und Erwartungen von Pflegefachpersonen und Patientinnen und Patienten. Manchmal driften sie sogar weit auseinander. Im Pflegealltag kann es beispielsweise zu folgenden Situationen kommen: Eine Patientin möchte, dass ihr die Haare gewaschen werden, die Pflegefachperson hat aber dafür keine Zeit, weil sie bereits überlastet ist. Oder ein Patient wünscht sich mehr Informationen über eine Thoraxdrainage – die Pflegende bedient die Thoraxdrainage zwar höchst professionell, kommt aber nicht auf die Idee, ihre Handgriffe fortlaufend zu erklären. Eine andere Patientin kann wegen der grellen Lichter der Infusomaten nicht schlafen, die Pflegeperson benötigt die Leuchtangaben aber für die korrekte Überwachung.

Auf der einen Seite wünschen und erwarten Patientinnen und Patienten, als Menschen angesehen zu werden und nicht als Diagnosen. Sie möchten ernst genommen werden und Teil der Lösung sein. Pflegefachpersonen stehen auf der anderen Seite vielfach unter starkem Zeitdruck, grossen emotionalen Belastungen und sind oftmals unzufrieden mit ihrer Arbeitssituation.

Ziel der Studie

Das Monitoringinstrument soll die Qualität der Pflege sichern. Gemäss Marianne Schärli braucht es dafür folgende 6 Handlungsfelder:

  1. Es braucht Menschlichkeit, nicht nur professionelle Freundlichkeit. In den Interviews wurde Menschlichkeit folgendermassen definiert: «Das sind kleine Gesten, die so guttun, die nicht selbstverständlich sind.» 
  2. Jemanden verstehen ist mehr, als jemanden lediglich zu kennen
  3. Pflegende sollte nicht nur stellvertretende Handlungen für Patientinnen und Patienten ausführen, sondern das «Wesentliche tun»
  4. Aufmerksam sein ist nicht das Gleiche wie achtsam sein
  5. Weg vom blossen Problemlösen hin zum gemeinsamen Entwickeln von Lösungen
  6. Vom reinen  Befähigen hin zum Wissensmanagement

Marianne Schärli plädiert für Menschlichkeit in der Akutpflege. Partizipatives Caring beinhaltet für sie mehr als Patientenzentrierung, auch wenn diese ein wichtiger Teil davon sei. Prozesse können zwar patientenzentriert sein und professionell ausgeführt werden, aber trotzdem ohne wirkliche zwischenmenschliche Komponente stattfinden. «Aber», so Marianne Schärli abschliessend, «zum Leben braucht man ein bisschen Menschlichkeit, vor allem in Momenten von grosser Sorge, Krise oder Schmerz.»

Lesenswert

Schärli, M.; Rester, D.; Petry, H. & Them, Ch. (2020a). Die teilnehmende Beobachtung  in der Akutpflege: Eine Studie zum Caring-Handeln. Pflegewissenschaft: Juni Ausgabe 2020.
Schärli, M.; Rester, D.; Petry, H. & Them, Ch. (2020b). Partizipatives Caring – Menschlichkeit zeigt sich in kleinen Gesten. Pflegewissenschaft: Juni Ausgabe 2020.
Die Arbeit von Marianne Schärli erweitert das Caring (Swanson. 1991) zum Partizipativen Caring (Schärli et al., 2020).

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