Durch Berufung zur Karriereentwicklung oder umgekehrt?

Mittwoch, 29. Mai 2013

Kümmert man sich eher um die Karriere, weil man eine Berufung hat? Oder entwickelt man eine Berufung, weil man sich um seine Karriere gekümmert hat? Diese Frage haben Andreas Hirschi von der Universität Lausanne und Anne Herrmann von Kalaidos Research in einer Längsschnittstudie genauer untersucht.

Unter einer Berufung versteht man eine tiefsitzende Leidenschaft für einen bestimmten Themenbereich und das Gefühl, dass die Ausübung dieser Arbeit/dieses Berufs dem eigenen Leben einen Sinn gibt. Eine enge Beziehung zwischen dem Vorhandensein einer Berufung und der Berufsvorbereitung (Karriereplanung, Karriereentschiedenheit und Selbstwirksamkeit) erscheint plausibel. Welche Faktoren jedoch bei der Entwicklung einer Berufung förderlich sein könnten, wie eine Berufung mit diesen drei Dimensionen der Berufsvorbereitung zusammenhängt und ob eventuell Wechselwirkungen bestehen, konnte bisher nur vermutet werden. Dabei könnten Erkenntnisse zu diesen Beziehungen u.a. BerufsberaterInnen darüber informieren, wie die Entwicklung einer Berufung gefördert werden kann. Unsere aktuelle Studie gibt nun erste Hinweise.

Längsschnittstudie mit 846 Teilnehmern

Um die Beziehungen zwischen einer Berufung und den drei Dimensionen der Berufsvorbereitung zu untersuchen, wurde eine Online-Befragung durchgeführt, an der 846 Studierende teilnahmen. Die Teilnehmenden wurden drei Mal in sechsmonatigem Abstand zu ihrer empfundenen Berufung für eine bestimmte Tätigkeit sowie zu Karriereplanung, Karriereentschiedenheit und Selbstwirksamkeit befragt. Anhand der durchgeführten Längsschnittuntersuchung konnten mögliche Beziehungen in den Entwicklungsverläufen zwischen einer Berufung und den drei Dimensionen zur Berufsvorbereitung untersucht werden.

Zusammenhänge zwischen Berufung und Berufsvorbereitung im Zeitverlauf

Eine mehrmalige Befragung ermöglicht die Analyse der Daten anhand sogenannter latenter Wachstumskurvenmodelle. Anhand dieser Modelle kann man untersuchen, wie sich die Berufung und die drei Dimensionen zur Berufsvorbereitung im Zeitverlauf (in dieser Studie über ein Jahr hinweg) verändern und wie das Veränderungsmuster von Berufung mit dem Veränderungsmuster der drei Dimensionen zur Berufsvorbereitung zusammenhängt. Dabei fanden wir heraus, dass Veränderungen im Gefühl, eine Berufung zu haben, unter den Befragten mit einer ähnlichen Entwicklung bei ihrer Karriereentschiedenheit und Selbstwirksamkeit verbunden ist, nicht aber mit Karriereplanung.

Führt die Berufung zur aktiveren Berufsvorbereitung – oder findet man durch aktivere Berufsvorbereitung zu seiner Berufung?

Aus dieser Erkenntnis ergab sich die Frage, ob eine Zunahme in dem Gefühl, eine Berufung zu haben, zu vermehrter Karriereentschiedenheit bzw. Selbstwirksamkeit führt oder ob es eher so ist, dass vermehrte Karriereentschiedenheit bzw. Selbstwirksamkeit die Entwicklung einer Berufung begünstigt. Um diese Frage zu beantworten, nutzten wir die sogenannte ‚cross-lagged analysis‘, mit der man anhand von Längsschnittdaten bestimmen kann, ob und wie Variablen sich im Zeitverlauf gegenseitig beeinflussen.

Wer eine Berufung fühlt, ist aktiver in der Karriereplanung – und wer aktiver in der Karriereplanung ist, fühlt auch eher eine Berufung

Ein wichtiges Ergebnis unserer Untersuchung: Eine Berufung zu haben und Karriereplanung zu betreiben stehen in einer wechselseitigen Abhängigkeit. Das bedeutet, dass das vermehrte Planen der eigenen Karriere sich positiv auf die Entwicklung einer Berufung zum späteren Zeitpunkt auswirkt. In der Berufs- und Laufbahnberatung sollten daher gezielte Aktivitäten zur Karriereplanung eingesetzt werden, um die Entwicklung einer Berufung zu fördern. Umgekehrt führt aber auch das Empfinden einer Berufung dazu, dass man vermehrt seine Karriere plant. Dies ist besonders wichtig, da eine gefühlte Berufung eher umsetzbar ist, wenn man sich mit der Planung der eigenen Karriere beschäftigt.

Durch Selbstwirksamkeit zur Berufung

Ein weiteres Ergebnis: Selbstwirksamkeit zu einem früheren Zeitpunkt beeinflusst das Gefühl einer Berufung zu einem späteren Zeitpunkt. Somit ist Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, aufgrund der eigenen Kompetenzen verschiedene Situationen erfolgreich bewältigen zu können, für die Entwicklung einer Berufung förderlich. Damit hilft eine positive Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit nicht nur, um Herausforderungen mit mehr Optimismus zu bewältigen, sondern bringt auch mehr Klarheit darüber, in welchem beruflichen Umfeld man sich verwirklichen möchte.

Durch die Berufung zu mehr Karriereentschiedenheit

Für Karriereentschiedenheit ergab sich das umgekehrte Erklärungsmuster: das Gefühl, zu einem früheren Zeitpunkt eine Berufung zu empfinden, beeinflusste die Ausprägung der Karriereentschiedenheit zu einem späteren Zeitpunkt. Ein ausgeprägtes Interesse an einem bestimmten Themenbereich und das Gefühl, dass die berufliche Beschäftigung damit dem eigenen Leben einen Sinn gibt, führen im Zeitverlauf also zu vermehrter Karriereentschiedenheit.

Berufung fördert Karriereentwicklung, Karriereentwicklung fördert Berufung

Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass berufliche Entschiedenheit und Planung dabei helfen können, das Gefühl für eine Berufung zu entwickeln bzw. zu bestätigen. Im Gegenzug scheint eine Berufung eine motivierende Kraft zu sein, um sich mit der eigenen Berufsvorbereitung auseinander zu setzen und hilft somit, die berufliche Entwicklung im komplexen Karriereumfeld voranzutreiben. Für die Arbeit von BerufsberaterInnen implizieren die Ergebnisse der Studie, dass es für viele KlientInnen wichtig sein könnte, ihnen dabei zu helfen, ihre Berufung zu finden bzw. zu entwickeln. Insgesamt sind unsere Ergebnisse ein Hinweis darauf, dass die KlientInnen davon profitieren, wenn BerufsberaterInnen sie beim Finden und Entwickeln ihrer Berufung unterstützen.

Hirschi, A. & Herrmann, A. (2013). Calling and career preparation: Investigating developmental patterns and temporal precedence. Journal of Vocational Behavior, 83 (1), 51-60. doi: 10.1016/j.jvb.2013.02.008