Multitasking-Studie: Unterbrechungen am Arbeitsplatz

Ein weitverbreitetes Vorurteil besagt, dass Frauen im Multitasking besser sind als Männer. Bisher konnten Laborstudien diesbezüglich keinen Geschlechterunterschied nachweisen. Doch ist im Arbeitsalltag etwas Wahres an dem Vorurteil?

Fragestellung

Existiert bei der Ausübung von Multitasking im Arbeitskontext ein Geschlechterunterschied?

Hintergrund

Unter Multitasking versteht man landläufig Bearbeiten verschiedener Aufgaben nebeneinander. Das Telefon zwischen Kopf und Schulter eingeklemmt, die Finger tippen eine E-Mail und die Termine in der Agenda werden gecheckt. Tatsächlich können wir solch komplexe Aufgaben nicht wirklich gleichzeitig ausführen. In Wahrheit wechseln die Multitaskenden zwischen den Aufgaben hin und her. Also zuerst drei Sekunden dem Telefonpartner zuhören, dann fünf Sekunden tippen, nochmals schnell zuhören und danach vier Sekunden lang die Agenda studieren. Einfache, automatisierte Aufgaben wie Atmen, Kaugummikauen und Gehen kann der Mensch tatsächlich gleichzeitig ausüben – Aufgaben im Büroalltag werden jedoch nacheinander erledigt. Letztere Form von Multitasking nennt man auch Task-Switching, was das schnelle Wechseln zwischen verschiedenen Aufgaben beschreibt. Insofern liefert die Anzahl Unterbrüche einer Tätigkeit ein Mass für das Multitasking im Sinne von Task-Switching. Dabei ist zu bedenken, dass Wechseln zwischen inhaltlich unterschiedlichen Aufgaben besonders schwierig ist.

Methode

Um die Frage zu beantworten, ob Frauen die besseren Multitasker seien, liess Kalaidos Research 310 Personen (140 Frauen, 170 Männer) am Ende ihres Arbeitstags einen Fragebogen ausfüllen. Befragt wurden vor allem Mitarbeitende der Migros, der Brack Electronics AG und der Axa Winterthur Versicherungen.

Die Teilnehmenden beantworteten Fragen zum gleichzeitigen Erledigen von Aufgaben am Arbeitsplatz, zur Befindlichkeit am Ende des Arbeitstags und zur Beurteilung der eigenen Arbeitsleistung. Zusätzlich wurden Daten zur Person wie Alter, Geschlecht, Stellenprozente und Arbeitserfahrung erhoben.

Ergebnisse

Praktisch gleich viele Befragte schätzten sich als Multitasker (155) wie als Nicht-Multitasker (154) ein. Allerdings ist der Anteil der Frauen, die sich als Multitasker bezeichnen (62%), signifikant grösser als bei den Männern (41%). Es zeigten sich jedoch keine signifikanten Geschlechterunterschiede bezüglich des tatsächlichen Ausübens von Multitasking am Arbeitsplatz. Ebenfalls fand sich kein Geschlechterunterschied bezüglich der Befindlichkeit, der Arbeitsbelastung und des Gefühls, die eigenen Kompetenzen genügten den Anforderungen. Allerdings berichteten Männer im Vergleich zu Frauen häufiger, dass sie in ihrem Arbeitsalltag unterbrochen werden. Frauen gaben wiederum häufiger als Männer an, selbst entscheiden zu können, wie sie bei der Arbeit vorgehen. Allgemein zeigt sich jedoch, dass Personen, die sich als Multitasker einschätzen, sich eher den Anforderungen des Arbeitsplatzes gewachsen fühlen.

Generell zeigt sich, dass Multitasking als Strategie zur Bewältigung des Arbeitspensums in Phasen mit erhöhter Arbeitsbelastung angewendet wird. Möglicherweise wird Multitasking nur angewendet, wenn die Arbeitsbelastung ein gewisses Mass übersteigt.

Grundsätzlich zeigen die Ergebnisse, dass zwar das Vorurteil, Frauen seien die besseren Multitasker, auch im Büroalltag existiert. Faktisch unterscheiden sich Männer und Frauen bei der Ausübung von Multitasking am Arbeitsplatz aber nicht. Somit stimmen die Ergebnisse mit Resultaten aus früheren Laboruntersuchungen überein und das Vorurteil ist widerlegt.

Projektleitung

Prof. Dr. Christian Fichter

 

Hier finden Sie den Bericht von der Sendung «Einstein».

Hier finden Sie das Management Summary zur Studie.