Interview mit Prof. Friedemann Immer

Mittwoch, 31. Oktober 2018

Kalaidos Musikhochschule

Prof. Friedemann Immer

Herr Immer, Sie unterrichten bei uns an der Kalaidos Musikhochschule und an der Musikhochschule Köln Barocktrompete. «Historisch informierte Aufführungspraxis» wird das Spiel auf «alten Instrumenten» häufig genannt. Spielen die Trompetisten/innen auf modernen Instrumenten «uninformiert»?

Natürlich spielen viele «moderne» Trompetisten/innen heute nicht «uninformiert», natürlich sollten alle «informiert» spielen. Aber die Instrumente und auch die Musik sind/ist anders! Die Barocktrompete ist nicht nur eine andere Trompete, sondern ein eigenständiges Instrument - wenn man das Instrument so spielt, wie es (vermutlich) früher gespielt worden ist. Ich merke das nach über 40 Jahren immer wieder. Außerdem ist die Musik anders. Nehmen wir eine beliebige Sonate aus der Zeit um 1700. Es gibt im Autographen keine dynamischen Bezeichnungen, oft keine Satzbezeichnungen. Wir wissen also nicht, ob dieser Satz ein Allegro oder ein Adagio ist. Da braucht man Hintergrundwissen. Als «Alter» Musiker sollte man auf die Quellen zurückgreifen, Autographen lesen - und die Lehrbücher aus der Zeit kennen. Moderne Ausgaben machen Vorschläge zur Dynamik und zu Tempi, oft ohne diese zu kennzeichnen. Z.B. gibt es im Autograph vom berühmten Trompetenkonzert Es-Dur von J. Haydn fast keine dynamischen Bezeichnungen! Wenn man das Instrumentarium der Zeit kennt, kann man sich viel besser ein Bild machen, wie es geklungen haben könnte.

Die Interpretation und Aussagekraft der Werke aus dieser Zeit sind somit stark vom Instrumentarium abhängig, welches dementsprechend vielfältig ist. Für zeitgenössische Ohren kann es ab und zu auch etwas unsauber wirken.

Ja, aller Wahrscheinlichkeit nach hat man in der Barockzeit normalerweise ohne Grifflöcher gespielt, was eine besondere Technik erfordert. Allerdings ist es extrem schwierig, auf diesem Instrument so sauber zu spielen, dass es für heutige Hörer und die anderen Musiker genügt. Deshalb gehe ich den Kompromiss mit den Grifflöchern ein und spiele heute meistens eine Barocktrompete mit dem «3-Loch System» der Firma Egger in Basel, bei deren Entwicklung ich mitarbeiten durfte. Mit der Barocktrompete ohne Grifflöcher beschäftige ich mich daneben, um die alte Technik des Treibens zu studieren. Dazu kommt die Klappentrompete, das Instrument der Konzerte von J. Haydn und J. N. Hummel, aber auch der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts. Diese Instrumente unterrichte ich auch.

Können Sie uns das «Treiben» näher beschreiben?

Auf jedem Naturinstrument, also Natur/Barocktrompete und Naturhorn gibt es Töne, die für unser heutiges Ohr unsauber klingen. Teilweise haben wir auch für zwei Töne - z.B. f und fis - nur einen Naturton, der genau dazwischen liegt. Diese Töne muss man also ausgleichen - und dieses Ausgleichen heißt in den «Alten Quellen» «Treiben». Wir treiben also einen Ton etwas (in der Intonation) nach oben oder nach unten. Dazu ist eine besondere Blas-Technik notwendig, oder man erleichtert sich die Sache mit Hilfe von Grifflöchern oder dem Einführen der Hand, das Stopfen, beim Naturhorn.

Eine zentrale Rolle scheint bei der Barocktrompete das Mundstück zu spielen. Trotzdem gibt es Trompetisten/innen, die die Barocktrompete mit modernem Mundstück spielen. Wie ist der Unterschied für der/die Ausführende und für uns als Zuhörer/innen?

Das barocke und klassische Mundstück war deutlich größer und anders geformt als das moderne Trompetenmundstück. M. E. erfordert es auch eine andere Art zu spielen, eine andere Art der Tonerzeugung. Das Besondere der Barocktrompete ist der Klang, er mischt sich viel mehr mit den anderen Instrumenten und Sänger/innen. Manche Werke, wie auch Bach’s 2. Brandenburgisches Konzert, machen erst mit historischen Instrumenten wirklich Sinn. Der Klang ist viel wärmer, weicher, nicht so scharf. Das liegt zum großen Teil am Mundstück. Spielt man die Barocktrompete mit dem modernen Mundstück, geht natürlich ein Großteil dieses Effektes verloren, die Barocktrompete klingt eher wie eine moderne Trompete. Für die modernen Trompetisten/innen ist es zuerst natürlich leichter, sein/ihr modernes Mundstück zu nehmen, viele bleiben dann dabei.

Haben auch Sie so begonnen?

Ich habe zuerst natürlich alle barocken Trompetenpartien auf der modernen D-Trompete und später Piccolo-Trompete mit Ventilen gespielt. Ein guter väterlicher Freund und Kollege, der Oboist Helmut Hucke, der einer der Pioniere der Barockoboe war, sagte, ich solle doch mal das «Clarino», die damalige Bezeichnung für Barocktrompete, versuchen. So kam ich zur Barocktrompete. Da es fast keine Lehrer für dieses Instrument gab, habe ich mir alles selber beigebracht! Auch das Instrumentarium war damals noch nicht wirklich erforscht, so habe ich - mit meinem Background als ehemaliger Physik-Student - das Instrument selber weiterentwickelt.

...und haben in den 70er Jahren mit Ihren Aufnahmen der Brandenburgischen Konzerte unter Nikolaus Harnoncourt Geschichte geschrieben. Bis dahin war man doch der Meinung, dass diese Trompetenpartien mit historischen Instrumenten unspielbar seien.

Es gab und gibt immer wieder Werke, die als unspielbar gelten. Solche Werke sind oft für ganz bestimmte Musiker geschrieben worden, die offensichtlich hervorragende Künstler waren. Ich hatte das Glück, ein sehr gutes Equipment (Instrument und Mundstück), eine Begabung für die Höhe auf der Trompete zu haben und verrückt genug zu sein, mich an dieses Werk zu wagen. Inzwischen gibt es allein unter meinen ehemaligen Studenten viele, die das Werk öffentlich spielen. Außerdem weiss man heute, dass nach neuester Forschung die Brandenburgischen Konzerte wohl im tiefen französischen Kammerton (a = 392 Hz) gespielt worden sind, das macht es etwas leichter. Ich habe das Konzert allerdings fast immer in a = 415 Hz gespielt.

An der Kalaidos Musikhochschule können Trompetisten/innen einen CAS Barocktrompete oder freie Weiterbildungslektionen bei Ihnen absolvieren. Warum ist es für eine/n moderne/n Trompetisten/in wichtig, einen Einblick in das Spiel der Barocktrompete zu erhalten?


Es erweitert zuerst einmal den Horizont! Man lernt die «Welt der Alten Trompete, der Alten Musik» kennen, das könnte Auswirkungen auf das Spiel der modernen Trompete haben. Auf jeden Fall profitiert man von der Beschäftigung mit der Barocktrompete: Da die Treffsicherheit auf der Barocktrompete deutlich problematischer ist, nimmt durch die Beschäftigung mit der «Alten» Trompete die Treffsicherheit auf der modernen Trompete zu. Zum anderen wird heute in vielen modernen Orchestern verlangt, die Klassik (Mozart, Haydn, Beethoven etc.) auf historischen Trompeten, Hörnern und Posaunen zu spielen. Ist man diesem Instrument im Studium schon einmal begegnet und hat die Anfänge und evtl. mehr gelernt, bringt dieses einen Vorteil im Beruf.

Vielen Dank für Ihr Interview.

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