Betreuende Angehörige

Freitag, 1. November 2019

Erste Forschungsergebnisse aus dem Förderprogramm des Bundes

Betreuende Angehoerige - Erste Forschungsergebnisse

Das Förderprogramm «Entlastungsangebote für betreuende Angehörige» des Bundesamtes für Gesundheit erforscht von 2017 bis 2020 die Situation und die Bedürfnisse von betreuenden und pflegenden Angehörigen. Kürzlich wurden die Ergebnisse von 7 abgeschlossenen Studien publiziert. Sie bringen Licht in ein noch wenig empirisch aufgehelltes gesellschaftliches Megathema. Das ist auch aus internationaler Perspektive eine bemerkenswerte Länderaktion: Aktuelle geballte Forschung zu pflegenden und betreuenden Angehörigen.

Viele Menschen betreuen und pflegen mit grossem Einsatz ihre Nächsten bei Pflegebedürftigkeit - quer durch den gesamten Lebenslauf. Das zeigt eine der Studien, für die weit über 50 000 Haushalte angeschrieben wurden. Es ist die erste grosse repräsentative Bevölkerungsbefragung zu diesem Thema. In Zahlen: Allein rund 50 000 der betreuenden Angehörigen sind YoungCarers (Kinder und Jugendliche von 9 bis 15 Jahren, die Nächste betreuen), 543 000 ab 16 Jahren kommen hinzu. Auf die Wohnbevölkerung bezogen sind das 8.6 % der Heranwachsenden und 7.6 % der Erwachsenen.

Die Bandbreite konkreter Settings ist riesig - darunter finden sich auch viele sehr stark belastete Unterstützende und deutlich erkennbare vulnerable Konstellationen:

  • Etwa bei den vielen hochprozentig Erwerbstätigen, die dennoch hohe Betreuungsintensität aufrechterhalten.
  • Bei Distance Caregivers oder Betreuenden, deren eigene Gesundheit angeschlagen ist.
  • Bei Betreuenden und Betreuten mit fragilen sozialen Netzwerken oder bei zu Hause lebenden Menschen mit Demenz.
  • Bei der grossen Gruppe der Alten, die noch Ältere betreuen oder den vielen Hochaltrigen (meist Partnerinnen und Partner), die ebenfalls Hochaltrige pflegen.


Systematische Entlastung ist oft dringlich - Bedürfnisse und verfügbare Hilfen finden viel zu schlecht zusammen. Die Studie des Forschungsinstituts der Careum Hochschule Gesundheit und gfs.bern bietet hier differenzierte Daten. Die anderen Studien des Förderprogramms beleuchten wichtige Kontextfragen und ergänzen das Bild. Neben der repräsentativen Bevölkerungsbefragung hat das Forschungsinstitut der Careum Hochschule Gesundheit auch die Studie zu Einstiegs-, Krisen- und Notfallsituationen mit erarbeitet und die Studie zu Massnahmen von Unternehmen beraten. Ausserdem macht sich das Forschungsinstitut in vielen anderen aktuellen Projekten für die Forschung zu betreuenden Angehörigen - und für die Betroffenen selbst - stark.

Prof. Dr. Ulrich Otto, Forschungsleiter an der Careum Hochschule Gesundheit, war an zwei Studien beteiligt. Er meint: «Nun kommt es darauf an, dass es nicht beim Wissensfortschritt bleibt, sondern dass dieser auf mehreren Ebenen gesellschaftlich umgemünzt wird. Es kommt in den Studien eine ausserordentlich grosse Sorgebereitschaft und Solidarität zum Ausdruck - ein grossartiger gesellschaftlicher Befund. Aber dieser würde gründlich verkürzt, wenn die komplementäre Botschaft nicht ernstgenommen würde: für diese Sorgebereitschaft muss besser gesorgt werden. Sie ist fragil und im Kontext der Modernisierung der Gesellschaft nicht selbstverständlich. Die Gesellschaft muss in dieses Fundament deutlich stärker investieren: Mit Wahrnehmung, mit Wertschätzung, mit besser vernetzten erreichbaren Hilfen und auch mit Geld.»