Wirtschaftspsychologie

Arbeitszeiterfassung und Stress

05. Februar 2020

Seit 2016 gibt es eine Ausnahmeregelung zur Erfassung der Arbeitszeit. Treffen bestimmte Kriterien zu, können Arbeitnehmende gänzlich auf die Erfassung verzichten oder sich für eine vereinfachte Erfassung entscheiden. Eine vom SECO in Auftrag gegebene Studie nahm sich nun den Auswirkungen dieser Vorschriften an und untersuchte die Effekte auf Arbeitszeit, Stress und Gesundheit.

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Hat die klassische Arbeitszeiterfassung ausgedient? (Symbolbild)

Gesetzlicher Rahmen

Das Seco ist daran interessiert, die Auswirkungen von zwei Vorschriften zur Arbeitszeiterfassung zu untersuchen. Dafür hat sie bei der Universität Genf eine Studie in Auftrag gegeben und im September 2019 eine entsprechende Medienmitteilung verfasst. Die Autoren beschreiben den gesetzlichen Rahmen wie folgt:

Am 1. Januar 2016 ist eine Revision der ArGV 1 mit zwei neuen Artikeln in Kraft getreten, die eine Ausnahmeregelung zur systematischen Erfassung der Arbeitszeit vorsieht. Der Art. 73a bietet die Möglichkeit, dass Arbeitnehmende mit einem jährlichen Bruttoeinkommen von über 120'000 Franken und einer grossen Autonomie bei ihrer Arbeitsorganisation, inklusive der Festlegung ihrer Arbeitszeiten, ganz auf die Arbeitszeiterfassung verzichten können. Art. 73b bietet für Arbeitnehmende, die einen namhaften Teil ihrer Arbeitszeiten selber festlegen können, die Möglichkeit, nur die Gesamtdauer der pro Tag geleisteten Arbeit zu erfassen.

Studie zu den Auswirkungen der Änderung der Vorschriften zur Arbeitszeiterfassung

Das Forschungsteam befragte acht Unternehmen unter erhielt insgesamt 2'013 gültige Antworten. Untersucht wurden Auswirkungen der geänderten Vorschriften auf die Dauer der geleisteten Arbeitszeit, den arbeitsbedingten Stress, die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie sowie auf die Gesundheit. Der Bankensektor war leider nicht vertreten in der Studie, obwohl die Ausnahmeregelungen gerade von diesem Sektor häufig benutzt werden.

Sieben Haupterkenntnisse der Befragung

Die Universität Genf fasst die Resultate ihrer Studie in sieben Haupterkenntnisse zusammen:

  1. Die Ausnahmeregelungen betreffen verhältnismässig wenige Personen, zwischen 3 und 20 Prozent der Arbeitnehmenden, je nach Sektor/Unternehmen. Eine wichtige Ausnahme: Im Bankensektor sind 44 Prozent der Arbeitnehmenden von diesen Ausnahmeregelungen betroffen.

  2. Eine abschliessende Bestandsaufnahme ist aufgrund der vorliegenden Daten nicht möglich.

  3. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen der Arbeitszeiterfassung und der effektiv geleisteten Arbeitszeit. Wenn Personen ihre Arbeitszeit nicht/vereinfacht erfassen, dann arbeiten sie im Durchschnitt länger. Ohne Erfassung arbeiten Personen im Schnitt 45.6 Stunden/Woche, mit vereinfachter Erfassung 41.8 Stunden und mit systematischer Arbeitszeiterfassung 39.6 Stunden.

  4. Personen ohne Arbeitszeiterfassung arbeiten häufiger zu atypischen Arbeitszeiten wie am Abend oder am Wochenende.

  5. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen der Art der Arbeitszeiterfassung und einem hohen Risiko, Stresssituationen ausgesetzt zu sein. In der Regel verfügen Personen, die die Arbeitszeit nicht/vereinfacht erfassen, über mehr Autonomie, was ihnen bei der Bewältigung von Stresssituationen helfe. Fehlen aber Begleitmassnahmen oder ist man unzufrieden mit der Arbeitszeiterfassung, dann ist dies mit einem erhöhten Stressniveau verknüpft.

  6. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird insgesamt als gut bewertet.

  7. Die meisten Arbeitnehmenden bewerten ihren Gesundheitszustand als gut, auch wenn zahlreiche Personen gesundheitliche Beeinträchtigungen angeben.

 

Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Personen, die die Arbeitszeit nicht erfassen müssen oder vereinfacht erfassen, zwar mehr arbeiten, aber nicht stärker unter Stress leiden. Dies gilt vor allem, wenn im Unternehmen die (vom Gesetz geforderten) Begleitmassnahmen vorhanden sind, und die Arbeitnehmenden zufrieden sind mit dem Modell der Arbeitszeiterfassung.

Weiterführende Informationen und Quellen:

Studie: Evaluation der Auswirkungen der am 1.1.2016 in Kraft getretenen Änderungen der Vorschriften zur Arbeitszeiterfassung (Art. 73a und 73b ArGV 1). Autoren: Prof. Dr. Jean-Michel, Dr. Nicola Cianferoni, Dr. Pierre Kempeneers, der Universität Genf im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO

Medienmitteilung SECO vom 29.09.2019 «Arbeitszeiterfassung: Studie zu den Auswirkungen der neuen Vorschriften von 2016».

Ausgewählte Blogbeiträge zum Thema:

Thema: Wirtschaftspsychologie

Autor: Regula von Büren

Datum: 05. Februar 2020

Schlagworte: Arbeitszeit, Stress

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