HR und Leadership

Personalentwicklung & KI bei IBM Schweiz

14. Oktober 2019

Der Megatrend künstliche Intelligenz (KI) ist nicht nur in der Personalrekrutierung sondern auch im Talent Management diverser Firmen angelangt: Kommt der Perfect Match dank Algorithmen zwischen Unternehmen und Bewerbenden zustande, übernimmt KI danach die Funktion, die Karrierechancen der Mitarbeitenden zu verbessern. Doch wie funktioniert das genau? Und welche Vorteile oder allfällige Bedenken sind mit dem Einsatz von KI in der Personalauswahl und -entwicklung verbunden? Darüber haben wir uns mit Ferda Aydogan, Head of Talent Management IBM Switzerland, unterhalten.

Ferda Aydogan, Head of Talent Management IBM Switzerland

Ferda Aydogan, welche Rolle spielt der Einsatz von KI in der Personalentwicklung bei IBM Schweiz? Geht es darum, die Profile der Mitarbeitenden mit den perfekten Skills anzureichern?

KI-Systeme helfen unseren Mitarbeitenden zu verstehen, welche Skills in ihrer Rolle gefordert sind, welchen Skillslevel sie haben und welche Massnahmen (hauptsächlich in Form von Ausbildungen oder Projektarbeit) notwendig sind, um den gewünschten bzw. geforderten Skillslevel zu erreichen. So schaffen wir es, die Employability des einzelnen Mitarbeitenden ebenso wie die der Gesamtbelegschaft kontinuierlich zu steigern. Ausschlaggebend ist hier das persönliche Profil des Mitarbeitenden, das in den Systemen abgebildet ist. KI-Systeme reichern dieses mit Informationen aus diversen, internen Quellen (z.B. HR-Stammdaten, CV, Lern- und Projekthistorie, Kompetenzen/Skills etc.) an. Ein KI-basierter, virtueller Karriereassisstent zeigt Mitarbeitenden auf individueller Basis aktuelle offene Stellen auf, ebenso Entwicklungsmöglichkeiten durch Schulungsangebote, Vernetzungsmöglichkeiten oder Karrierepfade.

Auch Lernprogramme richten sich nach den Profilanalysen der HR-KI-Systeme. Natürlich stehen dabei die persönlichen Interessen des Mitarbeitenden nach wie vor im Vordergrund. Die KI zeigt aber auch immer die weiterführenden Möglichkeiten an, auf welche der Mitarbeitende selbst oder der Manager nicht unbedingt sofort gekommen wären.

Gibt es beispielsweise durch KI unterstütze Programme, die wissen, dass neue Aufgaben auf Mitarbeitende zukommen, worauf sie mit ihren aktuellem Skills Set noch gar nicht vorbereitet sind?

Unsere KI-Systeme zeigen unseren Mitarbeitenden die strategischen Rollen und Skills und die damit verbundenen Verantwortlichkeiten bzw. die gewünschte Qualifikation. Basierend auf dem persönlichen Profil des Mitarbeitenden werden Rückschlüsse auf das vorhandene Qualifikationsniveau gemacht und den Mitarbeitenden aufgezeigt. Im Zuge der ständigen Weiterentwicklung von Branchen und Berufen entwickelt sich auch die Definition von Qualifikation permanent weiter. “Blockchain” beispielsweise war vor circa drei Jahren noch kein Key Skill im Bankenumfeld. Mittlerweile gehört es im Bankenumfeld zum Industriestandard, über Blockchain Skills zu verfügen. Das bedeutet, Mitarbeitende, die zuvor als “Experte” in dieser Industrie eingestuft wurden, heute aber keinen Nachweis für Qualifikationen in Blockchain haben, werden jetzt z.B. nur noch als “erfahren” eingestuft.

Wird einem solchen Mitarbeitenden ein E-Learning-Programm vorgeschlagen? Oder wie muss man sich durch KI unterstütze Personalentwicklung vorstellen?

In der Tat erhalten Mitarbeitende auf Basis unsere KI-Systeme, Vorschläge wie Sie ihr eigenes Skillsprofil schärfen können, dies beispielsweise in Form von personalisierten E-Learnings. Unsere Mitarbeitenden haben aber auch selbst die Möglichkeit, die für sie passende Entwicklungsmassnahme aufzuspüren. So können sie beispielsweise auf der IBM-internen Lerndatenbank gezielt nach bestimmten E-Learnings suchen.

Welche Vorteile ergeben sich aus diesen neuen Technologien für den Personalentwicklungsprozess bzw. das Talent Management bei IBM Schweiz?

Wir können KI-Systeme nutzen, um unsere Belegschaft weiterzuentwickeln und so zur erfolgreichen Zukunft unseres Unternehmens beitragen. Gleichzeitig bieten uns die KI-Systeme die Chance, uns zu einem Wachstumstreiber zu transformieren, der eine vielfältige und gut ausgebildete Belegschaft gewinnt und an das Unternehmen binden kann.

Wie weit die technischen Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz wirklich eingesetzt werden, ist freilich immer eine rechtliche, aber auch eine moralische Frage. Gibt es hier Restriktionen, die Sie bei IBM als besonders wichtig betrachten?

Wir haben nicht nur von Anfang an unsere eigenen Ethik-Regeln zur Entwicklung und Nutzung der künstlichen Intelligenz aufgestellt, sondern auch die von der EU veröffentlichten ethischen Richtlinien mitgestaltet. Diese stellen folgende Anforderungen an ein KI-System: Vorrang menschlichen Handelns und menschlicher Aufsicht, Robustheit und Sicherheit, Privatsphäre und Datenqualitätsmanagement, Transparenz, Vielfalt, Nichtdiskriminierung und Fairness, gesellschaftliches und ökologisches Wohlergehen sowie die Rechenschaftspflicht.

Insbesondere sollten Mitarbeitende immer und jederzeit darauf vertrauen dürfen, dass der Arbeitgeber die persönlichen Daten der Mitarbeitenden nicht gegen ihre eigenen Interessen verwendet. Dies bedingt eine offene und transparente Kommunikation, wie und für was die Skillsdaten der Mitarbeitenden erfasst werden. Der Einsatz von KI-Systemen im HR-Bereich ist bei IBM konzeptionell immer wachstums- und entwicklungsorientiert. Das Ziel ist es, das Potenzial von Mitarbeitenden voll zu entfesseln.

Wie steht es mit den Mitarbeitenden? Sehen Sie auch die Vorteile in der Nutzung von KI in der Personalentwicklung oder gibt es da Bedenken oder gar Widerstand?

Verständlicherweise sind bei einigen Mitarbeitenden mit dem Einsatz von KI-Systemen im HR-Bereich auch Ängste und Bedenken verbunden. Hier bedingt es auch wieder die offene und transparente Kommunikation. Wir zeigen unseren Mitarbeitenden, wie wir die massiven Vorteile von KI-Systemen in unserem Unternehmen nutzen – sprich: besseres, effizienteres Recruiting, ein breites Spektrum an Perspektiven für die Mitarbeitenden und das Unternehmen und eine zielführendere, intelligente Karrierebegleitung. Dazu zählt auch, dass wir uns durch KI mit den Karrieremöglichkeiten unserer Mitarbeitenden in einer viel grösseren Intensität beschäftigen können.

Frau Aydogan, vielen Dank für das Interview.

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Themen: HR und Leadership, Digitalisierung

Autor: Irene Willi

Datum: 14. Oktober 2019

Schlagworte: Personalentwicklung, Digitalisierung

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