Wirtschaftspsychologie

Gestaltung und Bürowelten (2/2)

18. September 2019

Annina Coradi und Muriel Bouakaz, zwei Forscherinnen und Designer der Office Akademie der Witzig The Office Company, beschäftigen sich mit innovativer Bürogestaltung. Regula von Büren spricht mit ihnen über das unperfekte Büro, lustvolle Zusammenarbeit und das Chaos von anderen.

Slider Innovative Bürogestaltung Witzig
Kreative Räume sind anregend und machen Lust auf einen gestalterischen Prozess. (Bildquelle: Witzig The Office Company)

Welche Elemente braucht ein ideal gestaltetes Büro?

Coradi: In Büros gibt es verschiedene Spannungsfelder, die man auffangen muss. Remote arbeiten vs. vor-Ort, digital vs. haptisch, Austausch vs. Konzentration, Chaos vs. Ordnung. Wir arbeiten mit verschiedenen Zonen. Gemütliche Begegnungszonen fördern den informellen Austausch, anregende Zonen das kreative Diskutieren, wieder andere das konzentriert arbeiten. Gänge werden häufig bewusst puristisch und funktionell gehalten, unter anderem auch, um den Kontrast zu den spezifisch gestalten Zonen zu erhöhen. Der Trend geht heute stark in die Richtung von offenen Flächen mit verschiedenen Nutzungsmöglichkeiten. Kreativräume mit Bastelelementen werden schnell chaotisch, wenn sie benützt werden. Die Lust auf ein selbstproduziertes Chaos, gestalterischen Prozess kann dabei freigesetzt werden. Aber: man muss den Raum danach auch wieder aufräumen. Das Chaos von anderen zu übernehmen ist ein Stressor, der uns belasten kann.

Bouakaz: Heute darf ein Büro – und die Arbeit – Freude machen und Spass auslösen, sei es beim kreativen Prozess mit Bastelelementen oder mit einer Playstation im Gemeinschaftsraum. Solche Elemente wirken sich auf die Atmosphäre aus. Viele Unternehmen befinden sich hier in einem Wandel.

Was ist ein Forschungsergebnis zum Thema Bürogestaltung, dass Sie überrascht hat?

Coradi: Mich überraschte, dass perfekt gestaltete Räume nicht optimal angenommen werden von den Mitarbeitenden. Es ist besser, der Imperfektion einen Spielraum zu belassen, damit Mitarbeitende den Raum mitgestalten und so auch aktiv aneignen können.

Bouakaz: Es hat mich gefreut zu sehen, dass unsere Studie «Office, Change und Health» in Zusammenarbeit mit der Gesundheitsförderung Schweiz die positiven Effekte von Pflanzen und Farben auf das Wohlbefinden, das Stresserleben und die Lernfähigkeiten aufzeigen konnte. Viele Leute wünschen sich Pflanzen und Farbe für das Büro. Daher ist es toll, dieses Bedürfnis auch mit wissenschaftlich abgestützten Erkenntnissen unterstützen zu können.

Was kann ich als Arbeitnehmer machen, um mein Büro optimal zu gestalten?

Bouakaz: Auch wenn die Strukturen relativ fix sind, lässt sich häufig darüber diskutieren, ob man z. B. aus einem Zimmer einen Fokusraum und aus einem anderen einen Kollaborationsraum gestaltet. Wir empfehlen auch, mit den verschiedenen Möglichkeiten etwas zu spielen. Hilft es mir z. B., zuerst einen ruhigen Start zu Hause zu haben, wichtige E-Mails bereits dort zu lesen und erst um 11.00 Uhr ins Büro zu kommen? Für welche Aufgaben ist welcher Ort und welche Kollaborationsform am geeignetsten? Häufig fehlt das Bewusstsein, für welche Arbeit welche Arbeitsumgebung ideal ist. Hier braucht es entsprechende Kompetenzen, die man auch mit Ausprobieren entwickeln kann.

Coradi: Generell sollte man nicht zu stark auf den eigenen Arbeitsplatz fokussieren. Ich würde hier empfehlen, die Denkweise zu ändern und das gesamte Arbeitsumfeld einbeziehen. Das Teilen und Mitgestalten von verschiedenen Zonen bietet viele Möglichkeiten und ist sowohl ökonomisch als auch ökologisch sinnvoll.

Bouakaz: In der Zusammenarbeit entsteht häufig erst das Lustvolle, das Kreative und Innovative. Alleine am Schreibtisch ist dies deutlich schwieriger zu erreichen.

Weiterführende Informationen und Quellen:

Blogbbeitrag zum Thema Virtuelle und reale Bürowelten (Teil 1/2)

Blogbeitrag zu Digitalisierung und Belastungen am Arbeitsplatz: Arbeit 4.0 = Belastung 4.0? 

Coradi, A., & Schweingruber, D. (2017). Workspace Design für höhere Innovation und Effizienz. In Strategie für Industrie 4.0 (pp. 87-100). Springer Gabler, Wiesbaden.

Konkol, J., Schanné, F., Lange, S., Weichbrodt, J., Degenhardt, B., Schulze, H., Kleibrink, M., Coradi, A., Schweingruber, D., Metzger-Pegau, L., Neck, R., Gisin, L., Wieser, A., Windlinger, L. (2017). Gesundheitsförderliche Büroräume und Workplace Change Management – ein Leitfaden. Handlungsempfehlungen für Unternehmen in der Schweiz, um bei der Planung, Implementierung und Bewirtschaftung von Büroräumen die psychische Gesundheit der Mitarbeitenden zu fördern. Gesundheitsförderung Schweiz, Bern und Lausanne.

Office Akademie der Witzig The Office Company

Offices, Change & Health, Gesundheitsförderung Schweiz

Swiss Green Economy Symposium, Innovationsforum IF.13 (Digitalisierung: Virtuelle und reale Welten gewinnbringend zusammenführen)

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