Wirtschaftspsychologie

Foodwaste

19. August 2019

Rund ein Drittel aller Lebensmittel wird verschwendet. Auch in der Schweiz. Niemand gibt gerne zu, dass er Lebensmittel wegwirft. Doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Claudio Beretta, Mitgründer und Präsident des Vereins foodwaste.ch, berichtet am Swiss Green Economy Symposium (3. September 2019) im Rahmen des Innovationsforums zum Thema Nahrung. Im Vorfeld des Symposiums spricht Regula von Büren mit ihm über Verschwendung, Genuss und das Zeichnen von Erdbeeren.

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Wir zelebrieren Essen. Und verschwenden rund einen Drittel aller Lebensmittel. (Symbolbild)

Rund ein Drittel aller Lebensmittel wird verschwendet. Wo geschieht in der Schweiz am meisten Verschwendung?

In Industrieländern wie der Schweiz geschieht der Grossteil der Verschwendung am Schluss der Kette, sprich zwischen dem Grossverteiler und dem Konsumenten. Wir können es uns schlicht leisten, Nahrung zu verschwenden. Die Ansprüche der Konsumenten sind hoch. Nahrungsmittel sollen immer verfügbar sein, wir möchten eine grosse Vielfalt, qualitativ hochwertige und makellose Produkte. Die Industrie und die Supermärkte versuchen diesen Ansprüchen gerecht zu werden und suggerieren u. a. mit Werbung genau diese Qualitäten, was wiederum die Ansprüche erhöht. Ein Teufelskreis, der kosmetische Normen und die Verschwendung von gesundheitlich unbedenklichen Lebensmittel in der Versorgungskette, aber auch zu Hause zur Folge hat. 

Essen ist nicht nur lebenswichtig, sondern bedeutet häufig auch Genuss und soziales Beisammensein. Warum gehen wir trotzdem so verschwenderisch mit Nahrung um? Schätzen wir Nahrung zu wenig?

Eine mangelnde Wertschätzung gegenüber Nahrung ist sicher eines der Hauptprobleme. Wir geben verhältnismässig wenig für Nahrung aus, gerade mal sieben Prozent unseres Einkommens. Früher – oder heute z. B. in Kamerun – lagen die Ausgaben eher um die 40 Prozent. Zudem ist die psychologische Distanz zur Lebensmittelherstellung gross. Wir wissen heute kaum, wie es zum Beispiel in der Fleischindustrie wirklich aussieht. Wer einmal auf einem landwirtschaftlichen Betrieb gearbeitet hat oder z. B. im Garten Tomaten pflanzt, geht mit diesen Produkten anders um. Wer monatelang seine Tomaten gehätschelt hat, wirft sie kaum fort. Nimmt man sich keine oder wenig Zeit zum Kochen, hat man nochmals weniger Bezug zu Nahrungsmitteln. Weiter gibt es auch kulturelle und soziale Normen, die einen Einfluss auf die Verschwendung haben. Beispielsweise die Gewohnheit, dass gute GastgeberInnen von allem mehr als genug anbieten sollten, auch wenn die meisten Gäste mit zu viel Essen nicht glücklicher werden, oder die sogenannten „Anstandsreste“.

Was sind Forschungsergebnisse zum Thema Foodwaste, die Sie überrascht haben?

Im Zeitalter von Klimawandel und einem erhöhten Bewusstsein für Umweltanliegen überraschte es mich, dass Umweltgründe Konsumenten weniger motivieren, die Lebensmittelverschwendung zu stoppen, als das Portemonnaie. Obwohl wir nur sieben Prozent unseres Einkommens ausgeben, ist es für viele Personen motivierend zu sehen, dass sie einige hundert Franken pro Kopf/Jahr sparen können, wenn sie weniger verschwenden. Überrascht hat mich auch, dass wir zum Teil das «Gute» in den Lebensmitteln verschwenden. Bei der Verarbeitung von Milch zu Käse findet langsam ein Umdenken statt, die wertvollen Molkenproteine für Sportlernahrung oder für ältere Personen und die Laktose für Babynahrung zu verwenden – statt zu verschwenden. Ähnlich sieht es bei der Produktion von Weissmehl aus, wo man gerade den gesündesten Teil des Korns wegwirft. Ausserdem hat mich überrascht, wie viel auf Ebene Konsument verschwendet wird.

Im Gespräch gibt selten jemand zu, zu Hause Lebensmittel zu verschwenden. Und doch zeigen die Fakten ein anderes Bild. Warum?

Viele wollen gar nicht zu genau hinschauen, wie viel sie selber verschwenden. Man möchte sein reines Gewissen behalten, da eigentlich den meisten Personen klar ist, dass das Wegwerfen von Nahrungsmitteln nichts Gutes ist. Zudem werfen wir häufig kleinere Sachen weg, was sich aber durchaus aufsummiert. Kaum im Abfalleimer, ist die Verschwendung nicht nur aus den Augen, sondern auch aus dem Sinn. Studienergebnisse zeigen, dass bereits das Verwenden eines durchsichtigen Abfallbehälters dem Konsumenten seine Verschwendung bewusster macht. Hinzu kommt, dass viele Leute gar nicht von Lebensmittelverschwendung sprechen, wenn sie Abfälle kompostieren, dem Hund verfüttern oder der Grünabfuhr übergeben, weil die Nährstoffe wieder in den Kreislauf zurückgehen. Der grosse Aufwand von Energie, Wasser, Land, Dünger, Pestiziden etc. für die Produktion, den Transport und die Lagerung geht dabei vergessen.

Was sind Ihre Tipps, wie man als Konsument Foodwaste beim Einkauf verhindern kann?

Gezielt einkaufen und nur so viel, wie man braucht. Was habe ich noch im Kühlschrank, was läuft bald ab? Wie oft werde ich diese Woche zu Hause essen? Einkaufslisten können hier sehr hilfreich sein. Während dem Einkauf sollte man sich nicht von Aktionen, Multipacks etc. verführen lassen. Wenn man etwas kauft, was man nicht braucht, hat man nicht gespart. Einkaufen ist wie Abstimmen: Wenn wir auf dem Markt oder direkt beim Bauern krumme Karotten kaufen, setzt dies wichtige Signale und unterstützt ein System mit weniger Verschwendung als lange Handelsketten mit strengen Sortiernormen. Auch indem wir einfach mal beim Bäcker nach Brot vom Vortag fragen, leisten wir einen wertvollen Beitrag zum Umdenken.

Welche Schritte kann man nach dem Einkauf beachten?

Dann gilt es Nahrungsmittel optimal zu lagern. Bananen und Äpfel sollte man z. B. getrennt lagern, sonst beschleunigen sie gegenseitig den Reifeprozess. Ganz wichtig: «Mindestens haltbar bis» ist eine reine Qualitätsgarantie des Herstellers und hat nichts mit Lebensmittelsicherheit zu tun. Am besten einfach probieren, dann merkt man schnell, ob das Produkt noch gut ist oder nicht. Beim Kochen gilt es Portionen gut einzuplanen und ggf. vorrätiges Essen für den Folgetag kühlzustellen oder einzufrieren. Beim Essen empfehle ich, sich Zeit zu nehmen und langsam zu kauen. So werden nicht nur Vitamine und Mineralien besser aufgenommen, viele Aromen können sich auch viel stärker entfalten und steigern den Genuss am Essen. Geniessen ist eine Form von Wertschätzung. Als ich einmal als Übung eine Erdbeere detailliert abgezeichnet habe, gewann ich gleich mehr Respekt vor diesem kunstvoll gewachsenen Produkt, seinen ziemlich geometrischen und doch ganz einmaligen Formen und der enormen roten Leuchtkraft. Und wie toll die Erdbeere am Schluss geschmeckt hat!

Weiterführende Informationen und Quellen:

Blogbeitrag "Von Verhalten und Fussabdrücken"

Beretta, C., Stoessel, F., Baier, U., & Hellweg, S. (2013). Quantifying food losses and the potential for reduction in Switzerland. Waste management, 33(3), 764-773.

Beretta, C., Stucki, M., & Hellweg, S. (2017). Environmental impacts and hotspots of food losses: value chain analysis of Swiss food consumption. Environmental science & technology, 51(19), 11165-11173.

Beretta, C. and Hellweg, S. (2019): Potential Environmental Benefits from Food Loss Prevention in the Food Service Sector in Switzerland. "Resources, Conservation & Recycling".

Saner, D., Beretta, C., Jäggi, B., Juraske, R., Stoessel, F., & Hellweg, S. (2016). FoodPrints of households. The International Journal of Life Cycle Assessment, 21(5), 654-663.

Swiss Green Economy Symposium (3. September 2019, Winterthur), Innovationsforum IF.02 (Nahrung: Genügend, gesund, günstig umweltverträglich).

Verein foodwaste.ch inkl. Tipps und Tricks zum Thema Foodwaste und Lebensmittelgenuss

Thema: Wirtschaftspsychologie

Autor: Regula von Büren

Datum: 19. August 2019

Schlagworte: Nachhaltigkeit, Konsum

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