Wirtschaftspsychologie

Ist doch alles Fake

17. April 2019

Fake News. Leute, die schummeln. Manager, die lügen. Gibt es die Wahrheit überhaupt? Regula von Büren spricht mit Daniel Tyradellis, Kurator der Ausstellung «FAKE. Die ganze Wahrheit» (Stapferhaus, bis zum November 2019) über Wahrheit und Lüge im Geschäftsleben – und alles, was dazwischen fällt.

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Welche Lügen verletzen, welche schützen? Über Sinn und Unsinn von Wahrheit und Lüge. (Bild ©Stapferhaus/Anita Affentranger)

Wo hört die Wahrheit auf, wo fangen Lügen an?

Man müsste eher umgekehrt fragen: Wo hört die Lüge auf, wo fängt die Wahrheit an? Wir nehmen fälschlicherweise an, dass wir uns meistens in der Wahrheit befinden, und nur manchmal lügen oder belogen werden. Der Alltag ist aber voll von sozialen Konventionen, Höflichkeiten. «Schön, nehmen Sie an der Sitzung teil» - diese Aussage kann wahr sein, ist aber in der Regel eher Ausdruck eines höflichen Miteinanders. Je höher der Einsatz, sei es emotional oder finanziell, desto wichtiger wird uns die Wahrheit. 

Im Berufsalltag ist es oft einfacher, sozial erwünschte Antworten zu geben, als Fehler einzuräumen und/oder sich selber negativ darzustellen. Welche Rolle spielen Lügen im Berufsalltag?

Lügen und Schwindeln im Beruf sind «Schmiermittel», die das Zusammenarbeiten erleichtern, und geteilte Lügen schweissen zusammen. Die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge zu ziehen, ist oft schwer. Fühlt man sich seinem Unternehmen gegenüber verpflichtet, kann dies wichtiger werden als Aufrichtigkeit. Man belügt andere Personen dann, um das eigene Team, die Kollegen und schlussendlich die Firma zu schützen. 

Wir werden mit E-Mails und Nachrichten überschwemmt. Wie können wir uns «Fake News» entziehen?

Sich Fake News zu entziehen ist mühsam. Aber ganz ohne Fake News wäre das Leben auch ärmer. Der Unterhaltungswert von Fake News ist schliesslich nicht zu unterschätzen. Gibt man eine falsche Information weiter, weil man keine Lust hatte sie zu überprüfen, oder weil man sogar gerne hätte, dass sie wahr ist, kann dies zu ungewollten Schneeballeffekten führen. Und genau hier liegt ein zentrales Problem. Die Lüge ist im Zweifelsfall spannender und unterhaltender als die oft komplexe und weniger amüsante Wahrheit. Daher verbreiten sich Lügen einfacher und schneller. Das ist eine ernste Sache.

Wie erkennen wir Fake News?

Es braucht eine gewisse Mündigkeit im Umgang mit Medien und Informationen. Diese kann erlernt werden. In digitalen Medien ist die Fülle an Informationen riesig. Selten gibt es klare «wahr» oder «falsch» Fälle. In der Regel kann man nur von der Wahrscheinlichkeit reden, mit der eine Aussage zutrifft – oder eben nicht. Eine Aussage wirklich zu überprüfen, kann sehr viel Zeit kosten und ist vom einzelnen nicht immer leistbar. Daher geht es gar nicht anders, als sich auch auf andere Personen und Institutionen zu verlassen.

Welche Methoden helfen uns dabei?

Im Journalismus spricht man beispielsweise von der «Drei-Quellen-Regel». Findet man drei unabhängige Quellen, die die gleiche Aussage machen, hat man Grund zur Annahme, dass die Aussage stimmt. Hundertprozentige Sicherheit hat man aber in den seltensten Fällen. In der Ausstellung «FAKE» gibt es noch viele weitere Tipps, wie z. B. die Hauptbotschaft zu googlen, um Diskussionen zum Thema zu finden, oder gesteigerte Vorsicht, wenn der Absender/Autor der Information unklar ist.

Wie stehen Sie zum zunehmenden Anspruch der Öffentlichkeit, dass Geschäftsführungen transparent sein sollen?

Dieser Anspruch ist naiv. Ohne Geschäftsgeheimnisse gibt es keine Unternehmen, aus strategischen Gründen müssen manche Inhalte verborgen werden. Manche Geheimnisse sind Bedingungen für Profit – dies heisst nicht zwingend, dass dabei versucht wird, die Politik oder Gesellschaft über den Tisch zu ziehen. Die Wahrheit wird zum Tauschmittel in Verhandlungen. 

Wie steht es aus Ihrer Sicht um das Vertrauen der Öffentlichkeit in Wirtschaftskonzerne?

Aktuell ist es gerade Mode, grossen Konzernen vieles anzudichten an Bösartigkeit. Wahrscheinlich ist das nicht immer verkehrt – aber schlussendlich sind wir als Konsumenten oft zu wenig konsequent. Ich kenne wenige Menschen, die nur weil sie sagen, sie vertrauen der Firma Apple nicht, keine entsprechenden Produkte mehr kaufen. Trotzdem: Ein gesundes Misstrauen gegenüber Institutionen mit viel Macht ist geradezu Bürgerpflicht.

Welche negativen oder sogar positiven Effekte können Fake News auf die Wirtschaft haben?

Firmen, die behaupten, kein Palmöl zu verwenden – aber dies doch tun und ertappt werden – erleben häufig kurzfristige Einbussen. Die Studien, die ich kenne, zeigen, dass der Effekt ein paar Monate anhält und sich die Situation anschliessend wieder normalisiert. Ich sage dies nicht gerne. Es wäre schön, wenn es anders wäre. Dann hätten wir ein Lenkungsinstrument mit Boykotten etc. Was bleibt, ist der Appell zu einem verstärkten politischen Handeln des Bürgers für Realpolitik. Unterstützt man den Staat, zu intervenieren, kann viel bewegt werden.

Lügen wir heute mehr als früher?

Lüge hat gerade Konjunktur. Gerade auch im Zusammenhang mit der Digitalisierung, mit sozialen Medien und dem Internet stellt sich uns eine völlig andere Situation, wie wir an Informationen kommen. Filterstationen (Qualitätsjournalismus etc.), die Fake entlarven, sterben sukzessive ab. Im Umkehrschluss heisst dies allerdings nicht, dass wir vorher bei der Wahrheit gewesen wären. Es kommt uns nur so vor. Häufig nehmen wir als Wahrheit nur an, was uns unmittelbar über unsere Affekte einleuchtet. Die Wahrheit ist aber häufig komplex, langweilig oder schwierig verständlich und schlecht kommunizierbar. Der Weg aus Fake News heisst nicht zurück zur einfachen Wahrheit. Sondern auszuhalten, dass die Wahrheit kompliziert sein kann. 


Weiterführende Informationen und Quellen:

Ausstellung FAKE. Die ganze Wahrheit (bis November 2019). Stapferhaus in Lenzburg.

Themen: Wirtschaftspsychologie, Digitalisierung

Autor: Regula von Büren

Datum: 17. April 2019

Schlagworte: Wirtschaft, Lüge

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