Wirtschaftspsychologie

Zu schlau für das eigene Glück?

03. April 2019

Bin ich überqualifiziert? Was mache ich als Führungskraft, wenn jemand in meinem Team überqualifiziert ist? Überqualifizierung betrifft in der EU ungefähr jede fünfte Person (Eurostat, 2017). Wir sprechen mit Barbara Körner, Arbeits- und Organisationspsychologin an der Universität Zürich, über die Schattenseiten, aber auch die positiven Aspekte von Überqualifizierung.

Slider Barbara Körner Überqualifizierung
Barbara Körner gibt Einblick in ihre Arbeit. (Bild)

Was versteht man unter Überqualifizierung?

Wie der Name schon sagt, geht es um etwas «zu viel»: Arbeitnehmende, die mehr Wissen, mehr Erfahrung, eine höhere Ausbildung oder mehr Fähigkeiten haben, als sie eigentlich für ihre aktuelle Stelle benötigen. Es geht um Personen, die mehr, komplexere und verantwortungsvollere Aufgaben übernehmen könnten. 

Welche negativen Folgen kann es haben, wenn man für seinen Job überqualifiziert ist?

Wir wissen, dass Überqualifizierung verschiedene negative Konsequenzen hat. Was nahe liegt: Man ist unzufriedener mit seinem Job. Gleiches gilt für das Commitment, man fühlt sich seiner Arbeit oder seiner Organisation gegenüber weniger verbunden. Eine mangelnde Passung zwischen Qualifikationen und Jobprofil kann Stress auslösen und auch wütend machen. Man erhält nicht, was «einem zusteht». Dies hat einen negativen Einfluss auf den Selbstwert und die Selbstwirksamkeitserfahrung.

Schadet Überqualifizierung auch dem Unternehmen?

Eine Überblicksstudie zeigte auf, dass überqualifizierte Personen eher auf der Suche nach einem neuen Job sind (Harari, Manapragada & Viswesvaran, 2017). Zudem zeigen sie manchmal kontraproduktives Verhalten: Sie fehlen öfter, reden vermehrt schlecht über die Arbeit, Mitarbeitende oder den Arbeitgeber oder lassen eher mal einen Bleistift mitlaufen. Überqualifizierte bringen sich seltener für Extra-Aufgaben ein, wie z. B. den überarbeiteten Kollegen zu unterstützen. Die eigentliche Arbeit wird aber so gut erledigt wie von anderen.

Gibt es auch positive Aspekte von Überqualifizierung?

Durchaus – dies ist eines meiner Lieblingsthemen. Gerade dadurch, dass Personen mehr Wissen und Fähigkeiten mitbringen, ergeben sich auch viele Chancen. Zentral ist, wie die Arbeitsbedingungen gestaltet werden. Extra-Aufgaben können hier ein gutes Instrument sein. Überqualifizierte können z. B. in Mentor-Aufgaben eingebunden werden. Weiter ist es sinnvoll, wenn Überqualifizierte einen grossen Entscheidungsspielraum erhalten und Abläufe selber bestimmen können.

Hilfreich sind auch implizite Vereinbarungen mit dem Vorgesetzten bezüglich der Weiterentwicklung des Überqualifizierten: Perspektiven im Unternehmen, zusätzliche Aufgaben oder erweiterte Verantwortung – all dies kann Überqualifizierung sinnvoll auffangen. Unter den richtigen Rahmenbedingungen können Überqualifizierte aufblühen und zum Teil sogar eine höhere Leistung erbringen.

Was raten Sie einer Führungskraft, die einen überqualifizierten Mitarbeitenden im Team hat?

Es kann durchaus etwas knifflig sein herauszufinden, ob jemand im Team überqualifiziert ist. Anzeichen können Unzufriedenheit oder mangelndes Commitment sein. Grundsätzlich scheint etwas kontraintuitiv, sich als Führungskraft zu überlegen, ob die Mitarbeitende zufriedener wäre, wenn man ihr mehr Aufgaben gibt. Weiss eine Führungskraft, dass jemand überqualifiziert ist, dann gilt es die Rahmenbedingungen anzugehen. Wie kann man dem Mitarbeiter mehr Entscheidungsraum bieten? Wie kann man der Mitarbeiterin mehr Kompetenzen übertragen? Welche zusätzlichen Aufgaben wären angemessen? 

Was ist ein Forschungsergebnis zu Überqualifizierung, dass Sie überrascht hat?

Vielleicht nicht überrascht, aber was ich sehr spannend finde ist die Frage, wie sich Überqualifizierung auf die berufliche Laufbahn auswirkt. Überqualifizierte verdienen oft weniger als Personen mit dem gleichen Profil, die eine «passende» Stelle innehaben. Wir wissen aber auch, dass Überqualifizierte im Vergleich zu den Teamkollegen oft schneller befördert werden. 

Was ist Ihr Tipp für Personen, die aktuell in einem Job tätig sind, für den sie überqualifiziert sind?

Zuerst muss man sich grundsätzlich überlegen, was man eigentlich möchte. Stört es mich, dass ich überqualifiziert bin? Je nach Lebenssituation kann es auch «freiwillige Überqualifizierung» geben, weil Personen ihre Aufgaben in einem anderen Lebensbereich sehen und dort mehr Energie einbringen möchten. Falls es mich stört, habe ich zwei Optionen: die Stelle ändert sich oder ich ändere mich. Eine legitime Möglichkeit ist natürlich, sich nach einer passenderen Stelle umzusehen. Alternativ sucht man das Gespräch mit dem Vorgesetzten, bei dem der Wunsch «nach mehr» formuliert wird: Mehr Aufgaben, mehr Kompetenzen, mehr Perspektiven. Häufig stösst man damit bei Vorgesetzten auf offene Ohren. Wer hat nicht gerne Mitarbeitende, die mehr wollen!

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Weiterführende Informationen und Quellen:

Eurostat. (2017). Overqualification rate by economic activity. Abgerufen am 11. 03. 2019 von https://ec.europa.eu/eurostat/web/experimental-statistics/skills

Harari, M. B., Manapragada, A., & Viswesvaran, C. (2017). Who thinks they're a big fish in a small pond and why does it matter? A meta-analysis of perceived overqualification. Journal of Vocational Behavior, 102, 28-47. doi:10.1016/j.jvb.2017.06.002

Randstad. (2012). Skills mismatches and finding the right talent (incl. quarterly mobility, confidence, and job satisfaction). Abgerufen am 11.03.2018 von https://docplayer.net/19445179-Skills-mismatches-finding-the-right-talent-incl-quarterly-mobility-confidence-job-satisfaction.html

Studie der Universität Zürich zum Thema Berufseinstieg. 

SNF-Projekt The bright side of the coin - Enlarging the stressor perspective on overqualification with a resource perspective, Antragsstellerin Dr. Maike E. Debus, Mitarbeiterin Barbara Körner.

Themen: Wirtschaftspsychologie, HR und Leadership

Autor: Regula von Büren

Datum: 03. April 2019

Schlagworte: HR, Personal

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