Wirtschaftspsychologie

Dem Wandel widerstehen?

20. März 2019

Wandel gleich Handeln?

Es gibt kein Entrinnen. Denn er kommt – nein, er ist sogar schon im vollen Gange: der Wandel! Mal schleichend, gelegentlich innovativ, in manchen Fällen sogar disruptiv, bringt er sicher geglaubte Geschäftsmodelle ins Wanken und führt im Management zu Sorgenfalten.

Aus dieser Sorge erwächst Handlungsbereitschaft, denn Führungskräfte wollen schliesslich den Unternehmenswandel proaktiv gestalten und daher wundert es nicht, dass beinahe täglich neue Ratgeber zum Thema Wandel bzw. Change und dessen Management erscheinen. Das Spektrum reicht hier vom Change-Navigator (inkl. Poster zum Download), über das Abenteuer Change Management bis hin zu einer Hynosystemischen Perspektive im Change Management. An gut gemeinten Ratschlägen, kritischen Erfolgsfaktoren und Best-Practices mangelt es also wahrlich nicht.

Der Wandel, so der Kanon der Autorinnen und Autoren, sei deutlich spürbar, und ohne aktives Eingreifen drohe der sichere Untergang. So deutlich die Gefahr genannt wird, so vage bleiben oft die genauen Handlungsoptionen. Der konkrete Umgang mit dem Wandel, als vielschichtiges Metakonzept, bleibt insgesamt erstaunlich schwer greifbar. Ein probates Mittel ist in solchen Fällen oftmals eine vereinfachende Bildersprache. Als verbreitete Metapher, wie der Wandel am besten zu meistern ist, wird daher oft das Bild eines Surfers genannt. Dieser reitet die Welle des Wandels schwerelos ab, stets mühelos und agil.

Surfen der Welle

Das Symbol des Wellenreiters ist zwar einprägsam, aber irreführend. Da bietet sich ein genauer Blick in die Welt des Surfsports an, um den gängigen Wandel-Aktionismus humorvoll, aber durchaus ernst gemeint zu hinterfragen.

So ist es etwa offensichtlich, dass schlicht nicht alle Wellen überhaupt zum Surfen geeignet sind. Manche sind sogenannte Close-Outs. Dies bedeutet, sie brechen einfach über dem Surfer zusammen und begraben ihn dann unter sich. Andere Wellen werden wiederum bereits durch einen anderen Surfer abgeritten und es droht die Gefahr eines Zusammenpralls. Denn: Auch beim Surfen gelten Verkehrsregeln, wer etwa die Welle vom Kamm aus zuerst abreitet, hat Vorfahrt. Wer sich an einem populären Surfspot aufhält wird daher beobachten können, dass nur absolute AnfängerInnen versuchen, jede sich ihnen bietende Welle anzupaddeln. Erfahrene SurferInnen hingegen warten oft über einen langen Zeitraum auf die ideale Welle.

Was aber, wenn sich eine nicht surfbare Welle vor uns auftürmt? In solchen Fällen nutzen erfahrene SurferInnen die Duckdive-Technik. Dies bedeutet, sie drücken ihr Board von der Spitze her wie eine Ente (Ente = Duck) unter der Wasserwalze hindurch und vermeiden so das Mitgerissenwerden. Der Surfer verliert dadurch nicht die Kontrolle und kann mit moderatem Kraftaufwand abwarten und sich ohne Hektik geschickt neu positionieren.

Im Sinne der Wandel-Metaphorik bedeutet dies in vielen Fällen also: Statt: Surf the Wave! Besser: Duckdive the Wave!

Slider Duckdive
Unter der Welle durch – Change Management mal anders? (Symbolbild)

Einfach mal nichts tun?

Kernkompetenz für Führungskräfte ist daher, nicht blind einem Wandel hinterherzulaufen und dabei die Gefahr eines Close-Outs zu unterschätzen, sondern sich im Zweifel auch mal für Change Resistance zu entscheiden. Die Welle surfen: ja – aber nicht jede sich bietende Welle anpaddeln wie ein Anfänger. 

Wie sinnvoll ein Duckdive zum richtigen Zeitpunkt und eine Strategie des Abwartens sein können, thematisiert auch Holm Friebe in seinem 2013 erschienen Buch «Die Stein-Strategie – von der Kunst, nicht zu Handeln». Darin beschreibt er das Phänomen eines Action-Bias. Damit ist zum einen gemeint, dass Aktionismus (auch wenn er zum Scheitern führt) sich in unserer Gesellschaft besser rechtfertigen lässt, als eine Strategie der ruhigen Hand. Zum anderen weisst Friebe zu Recht darauf hin, dass eine schnelle Entscheidung uns blind macht für Alternativen.

Die Cousins des Action-Bias lauern also schon und zwar in Form des Confirmation-Bias (wir suchen nur Hinweise, welche unsere bestehende Meinung bestärken) und der Kontrollillusion (wir glauben durch unser aktives Handeln positive Resultate erzielen zu können). Die Blindheit, mit der ein scheinbar unausweichlicher Wandel verfolgt wird, nimmt uns die Einsicht, dass wir vielleicht gar nicht die Chance haben, diese Welle zu surfen.

Die Stein-Strategie als probater Managementansatz ist nicht zu verwechseln mit einer Schockstarre. Sie sollte vielmehr als weiteres, akzeptiertes Handwerkszeug in das Repertoire einer Führungskraft einfliessen. Holm Friebe nennt hierzu ein einfaches Prinzip: OODA – Observe – Orient – Decide – Act (Beobachte, Orientiere dich, Entscheide, Handle).

Fazit
Gerade in Zeiten des Wandels werden in der allgemeinen Hektik gerne die Phasen der Beobachtung und der Orientierung ausgelassen. Dabei erscheint es in einer komplexen Welt wichtiger denn je, dass die Entscheidung für ein aktives Handeln nicht apriori feststeht, sondern dass die Strategie auch lauten kann: Duckdive und eine bessere Welle abwarten!

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Weiterführende Informationen und Quellen:

Friebe, H. (2013). Die Stein-Strategie. Von der Kunst nicht zu handeln. München: Hanser.

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