Wirtschaftspsychologie

Alt werden – optional?

16. Januar 2019

«We don’t stop playing because we grow old. We grow old because we stop playing.»
George Bernard Shaw

Wir alle kennen das Sprichwort: Man ist so alt, wie man sich fühlt. Obwohl sich die gerontologische Forschung schon seit Jahrzehnten mit dem Konstrukt des subjektiven Alter(n)s auseinandersetzt, gewinnt das Konzept nun immer mehr auch in anderen Disziplinen, in- und ausserhalb der Wissenschaft, an Popularität. Kann man sich wirklich jünger fühlen, als man ist? Und, falls ja, was für Auswirkungen hat es, wenn wir uns jünger fühlen?

Bild Lebensfreude
Wie alt fühlen Sie sich? Das subjektive Alter ist beeinflussbar (Symbolbild)

Subjektives Alter und Konsumgewohnheiten

Angefangen hat es Ende der 80-er Jahre in der Konsumentenpsychologie: Der Wissenschaftler Benny Barak hat als erster begonnen zu untersuchen, ob die Tatsache, wie alt sich Menschen fühlen, eventuell ihre Konsumgewohnheiten beeinflussen könnte, und er fand heraus, dass dies tatsächlich der Fall ist. Es folgten Studien auf Studien, und inzwischen ist das Konzept des subjektiven Lebensalters in der Marktforschung fest verankert: Das gefühlte Lebensalter sagt viel besser voraus, welche Produkte Menschen kaufen werden, als das tatsächliche Alter. Ob man sich das neuste Sportauto kauft, wird weniger davon beeinflusst, wie alt man ist – sondern wie alt man sich fühlt. 

Arbeit und gefühltes Alter

In den letzten Jahren hat nun auch die Arbeits- und Organisationspsychologie begonnen, sich für das Phänomen des subjektiven Lebensalters zu interessieren. Im 2015 erschien einer der ersten wissenschaftlichen Artikel mit dem provokativen Titel: «It matters how old you feel: (…) Subjective age in organizations.» Die Autoren der Studie konnten zeigen, dass das subjektive Lebensalter von Mitarbeitenden in einem Unternehmen im Zusammenhang mit wichtigen Kennzahlen des Unternehmenserfolgs steht. Es folgten weitere Studien zum Thema, und trotz anfänglicher Skepsis in der Disziplin scheint sich das Konzept des subjektiven Alterns auch im Arbeitskontext durchzusetzen. 

Sich älter oder jünger fühlen?

Generell weiss man heute, dass sich Menschen bis zum 25. Lebensjahr in der Regel älter fühlen als sie tatsächlich sind, und dass sie sich jedoch ab ca. 30 Jahren zumeist jünger fühlen. Menschen, die über 50 sind, fühlen sich im Durchschnitt ca. 20 Prozent jünger. Eine Untersuchung an älteren Arbeitnehmenden (über 50) zeigte, dass sich diese im Schnitt fast 10 Jahre jünger fühlten, manche sogar bis zu 20 Jahre jünger, als ihr tatsächliches Lebensalter.

Das Spannendste ist jedoch, dass sich der Unterschied auch tatsächlich im Verhalten zeigt: Das subjektive Lebensalter sagt das Verhalten besser vorher als das tatsächliche Alter. Das subjektive Lebensalter kann intrinsische und extrinsische Motivation, proaktives Arbeitsverhalten, Zielerreichung und die Chancen auf Beförderung von Mitarbeitenden besser vorhersagen als das tatsächliche Lebensalter.

Ändern Sie Ihr (subjektives) Alter!

Und das Beste daran? Wir können selbst beeinflussen, wie alt wir uns fühlen. Das Altern wird hiermit nicht mehr bloss als das Verstreichen der Zeit angesehen, welchem wir hilflos ausgeliefert sind. Wir können unser Altern aktiv steuern und beeinflussen. Altern ist zum Grossteil eine mentale Sache, und diese wirkt sich dann auf die restlichen Lebensbereiche aus. Somit können wir das Altern dort bekämpfen, wo es entsteht: In unseren Köpfen!

Selbstverständlich heisst dies nicht, dass man biologisch nicht altert und man das Altern komplett ausschalten kann. Was jedoch mittlerweile belegt wurde ist, dass viele negative Wahrnehmungen, welche aufs Altern zurückgeführt werden, vielmehr durch mangelnde Instandhaltung des Körpers (ungesunde Ernährung, mangelnde Bewegung, etc.) und eine Art selbsterfüllende, demotivierende Prophezeiung im Sinne von «ich bin sowieso zu alt dafür» bedingt sind.

Jünger werden, auch auf dem Papier?

Immer öfter sieht man Interviews mit Personen, die nicht ihr tatsächliches Lebensalter angeben, sondern z. B. «feels like / fühlt sich wie 33». Gerade im Zusammenhang mit Altersdiskriminierung könnte diese Praxis eigentlich sehr nützlich sein. Ein etwas extremeres Beispiel ist der Fall des Holländers Emile Ratelband: Dieser klagt zurzeit vor Gericht, um sein Alter offiziell von 69 auf 49 zu reduzieren und seine Geburtsurkunde dementsprechend anzupassen. Hierfür ist er auch bereit, auf seine Pensionszahlungen zu verzichten, um als 49-Jähriger leben zu können. Warum er das will? Mit 69 bekomme er auf Dating-Plattformen im Internet keine Klicks. Mit seinem Aussehen und der Angabe «49» hingegen wäre dieses Problem gelöst, meint er.

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Weiterführende Informationen und Quellen:

Barak, B. (1987). Cognitive age: A new multidimensional approach to measuring age identity. The International Journal of Aging & Human Development, 25(2), 109-128. doi:http://dx.doi.org/10.2190/rr3m-vqt0-b9ll-gqdm 

Kunze, F., Raes, A. M., & Bruch, H. (2015). It matters how old you feel: Antecedents and performance consequences of average relative subjective age in organizations. Journal of Applied Psychology, 100(5), 1511-1526. doi:http://dx.doi.org/10.1037/a0038909

Nagy, N., Johnston, C., & Hirschi, A. (2019). Do we act as old as we feel? An examination of subjective age and job crafting behaviour of late career employees. European Journal of Work and Organizational Psychology. doi:http://dx.doi.org/10.1080/1359432X.2019.1584183

Nagy, N., Fasbender, U., & North, M.S.: Youthfuls, Matures, and Veterans: Subtyping Subjective Age in Late Career Employees. Manuscript submitted for publication

NZZ Beitrag (12.11.2018) zu Emile Ratelband's Wunsch nach Verjüngung

Thema: Wirtschaftspsychologie

Autor: Noémi Nagy

Datum: 16. Januar 2019

Schlagworte: Alter, Wahrnehmung

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