Unternehmensführung

Viel Agilität in Schweizer Firmen? Teil 2/2

05. November 2018

Fragt man in Unternehmen nach, setzen rund 90 Prozent schon agile Prinzipien und Methoden ein. Laut dem 9. Hitchman Executive-Panel zum Thema „Unternehmensagilität“, welches in Zusammenarbeit mit Raymond Hofmann Management erstellt wurde, ist aber ein kritischer Blick auf die Umfrageergebnisse recht aufschlussreich.

Kompetenzquellen für Agilität

Beim Aufbau agiler Kompetenz setzen Unternehmen auf interne Ressourcen und Berater (Grafik: Roy C. Hitchman).

Interne Ressourcen und Berater sollen Agilität ins Unternehmen bringen

So lässt sich bereits hinterfragen, warum die Firmen beim Aufbau agiler Kompetenzen primär auf interne Ressourcen zugreifen. „Wenn wir Kompetenz aufbauen müssen, wie können wir uns hauptsächlich auf diejenigen verlassen, die diese Kompetenz ja noch nicht besitzen resp. noch keine oder nur wenig Erfahrungen gemacht haben?“ schreiben die Hitchman-Experten.
Gleichfalls hinterfragen sie die Qualität der unabhängigen Berater. Der Markt sei in den vergangenen Jahren geradezu explodiert. „Ganze Armeen von Beratern und Coaches bieten ihre Dienste an“, darunter aber auch viele unseriöse, die dann „Agilität in 5 einfachen Schritten“ versprechen. Wie gut können die im Thema noch unerfahrenen Firmen Spreu und Weizen trennen?

Firmen tauschen sich zu wenig untereinander über Agilität aus

Erst an fünfter Stelle der Wissensquellen stehen Industry Associations und Peer-Austausch. Gerade da besteht aber wertvolle Praxiserfahrung. In beinahe jeder Branche gebe es gute Firmenbeispiele für den Umgang mit agilen Prinzipien. Für die Berater von Hitchman ist das klar: „Das Risiko besteht, dass sich Unternehmen mit 'fake agile' zu früh zufrieden geben“. Bleiben dann die erhofften Ergebnisse aus, wird das Thema „Agilität“ abgeschrieben.

Anforderungskatalog an Führungskräfte wird nur erweitert, nicht verändert

Mit Blick auf die Anforderungen an Führungskräfte wird folgendes bemerkt: Mehr als 70 Prozent der für die Studie befragten sind der Meinung, dass Kommunikation, Teamarbeit, Menschenführung und Coaching wichtiger werden. Allerdings glauben nur 10 Prozent und weniger, dass traditionelle Qualifikationen wie Entscheidungs-findung, Industriekompetenz und Fachwissen unwichtiger werden. Dabei unterscheiden sich Führungskräfte aus agilen und nicht-agilen Unternehmen in ihrer Einschätzung kaum.

„Das widerspricht nicht nur essentiellen agilen Prinzipen (wenn der Markt/Kunde entscheidet, dann muss die Führungskraft weniger entscheiden), sondern läuft auch auf eine Überforderung der Führungskräfte hinaus“, stellen die Hitchman-Experten fest. Von diesen wird effektiv einfach mehr und nicht etwas anderes gefordert. In echt agilen Organisationen seien gerade solche „Superhelden“-Profile unnötig.

Unternehmensagilität wird oft unterschätzt und ungenügend umgesetzt

Vor diesem Hintergrund fragen sich die Hitchman-Berater, ob die Herausforderung hinter dem Thema „Agilität“ nicht einfach unterschätzt wird. So werde viel darüber gesprochen, in Unternehmen aber nur wenig und zu langsam verändert. Das Management habe keine Bereitschaft, Kontrolle in ausreichendem Mass abzugeben, deshalb mangle es an echtem Committment und ernsthaftem Herangehen. „Ob das tatsächlich so ist, kann jede Führungskraft, jedes Unternehmen nur für sich selber beurteilen. Ein ehrlicher Blick in den Spiegel lohnt sich auf jeden Fall.“

Für die Studie wurden 277 Personen befragt, von denen 226 antworteten. Davon waren rund 8 Prozent Präsidenten des Verwaltungsrates, 5 Prozent Mitglieder des Verwaltungsrates, 22 Prozent CEOs und 41 Prozent gehörten zum obersten Management. 31 Prozent der Firmen hatten mehr als 1‘000 Mitarbeitende und 28 Prozent zwischen 100 und 1‘000 Mitarbeitende. Weniger Personal beschäftigten 41 Prozent. 12 Prozent der Antwortenden waren weiblich und 88 Prozent männlichen Geschlechts.

Themen: Unternehmensführung, Banking und Finance

Autor: Alexander Saheb

Datum: 05. November 2018

Schlagworte: Unternehmensstrategie

Verwandte Artikel