Wirtschaftspsychologie

Bye bye Bewerbungsschreiben?

30. Juli 2018

Die Frage nach Sinn oder Unsinn von Bewerbungs- oder Motivationsschreiben poppt in regelmässigen Abständen auf. Neulich zum Beispiel, als die Deutsche Bahn verkündete, sie werde bei Bewerbungen um Ausbildungsplätze das Anschreiben abschaffen. Sie wolle es den Bewerbern so einfach wie möglich machen, und ab Herbst 2018 werde man über die Online-Bewerbungsplattform nur noch Lebenslauf und Zeugnisse einreichen müssen. Zudem überlege man sich, diese Regelung auf weitere Berufsgruppen auszuweiten.

Bewerbung mit Motivationsschreiben
Sind Bewerbungsschreiben aussagekräftig? Haben sie einen prognostischen Wert? (Symbolbild)

Obwohl die Ankündigung der Deutschen Bahn kurz für Aufsehen gesorgt hat, ist die Debatte „Pro und Kontra Bewerbungsschreiben“ alles andere als neu. Und Bewerbungen im digitalen Social Media-Zeitgeist funktionieren sowieso nochmal anders: Bei immer mehr Unternehmen sind beispielsweise Express-Bewerbungen möglich, bei denen man lediglich den Link zu seinem Social Media-Profil wie LinkedIn oder Xing hoch lädt. Obwohl bei einer letztjährigen Befragung von etwas über 1000 Fachkräften mit Berufserfahrung nur 5 % angaben, Bewerbungsschreiben seien nervig, weil man sie nicht auf dem Smartphone erstellen könne, wird sich das Mindset diesbezüglich bestimmt noch stark verändern. Und: fragen Sie mal bei der jüngeren Generation nach.

Besitzen Motivationsschreiben prognostische Validität?

Oder anders gefragt: Können Motivationsschreiben die Passung zwischen Bewerber/in und ausgeschriebener Stelle vorhersagen? Falls Sie zu einem Ja tendieren, müssen Sie uns unbedingt, unbedingt wissen lassen, wie zum Kuckuck dies Ihrer Meinung nach funktionieren soll (sherin.keller@kalaidos-fh.ch oder christian.fichter@kalaidos-fh.ch).

Spielen wir doch ein Szenario durch. Selina bewirbt sich als Privatkundenberaterin bei einem unabhängigen Finanzdienstleister, der ausdrücklich ein Motivationsschreiben wünscht. Was ist also zu tun? Man lese die in der Stellenanzeige formulierten Anforderungen, in unserem Fall:

- Fliessende mündliche Deutsch- und Französischkenntnisse
- Abgeschlossene Banklehre oder BWL-Student/in
- Interesse an Anlagethemen (Nein – wirklich?!)
- Spass am täglichen Kundenkontakt (Nein – wirklich?!)
- Sozialkompetenz (Geht’s ein bisschen genauer?)

sowie die Aufgabenbeschreibung:

- Vorwiegend telefonische Beratung und Betreuung der Privatkunden
- Unterstützen des Vertriebs (Was, bitteschön, heisst "unterstützen"? Kaffee bringen? Kalt-Akquise? Pakete ausliefern?!)
- Erstellen von Dokumentationen (Cool - kreativ sein? Texten? Gestalten? Oder nur kopieren und tackern?!)
- Administrative Aufgaben

und verfasse ein hübsches Textchen, in dem man dem Unternehmen verklickert, dass man genau, aber ganz genau die Kandidatin ist, die diesen (wohlgemerkt unpräzisen!) Anforderungen und Erwartungen entspricht. Stichwort „vorteilhafte Selbstdarstellung“. Gerne dürfen auch Informationen in Prosa wiedergegeben werden, die genau so gut komprimiert und ruckzuck (time is money) dem Lebenslauf entnommen werden können.

Selina ist clever und schreibt ein nicht zu langes, aber auch nicht zu kurzes (das wird alles fachkundig analysiert!) Motivationsschreiben. Sie muss zwar vorwiegend telefonisch beraten – nicht mal die schriftliche Ausdrucksfähigkeit eignet sich hier also als Prädiktor für ihren Erfolg als potenzielle neue Privatkundenberaterin – aber zumindest korreliert die verbale Intelligenz positiv mit dem Gesamt-IQ. Und das ist ja schon mal etwas. Auch wenn der IQ wiederum nicht viel über die geforderte Sozialkompetenz aussagt.

Worin könnte die prognostische Validität von Bewerbungsschreiben sonst noch liegen? Gut, lassen Sie uns fairerweise Folgendes sagen: Es gibt Stellen, bei denen sich ein (entspannter) Blick auf das Bewerbungsschreiben lohnt. Wenn Sie einen Assistenten suchen, der häufig schriftliche Korrespondenz erledigen muss und der Bewerber im Anschreiben keinen einzigen grammatikalisch und orthografisch korrekten Satz zustande bringt, sollte man dessen Sprachkompetenz wohl genauer unter die Lupe nehmen. Doch was ist, wenn genau dieser Bewerber seinen sprachbegabten Freund bittet, ein knackiges Motivationsschreiben für ihn zu texten? Schon wieder bleibt die prognostische Aussagekraft des Schreibens auf der Strecke.

Egal, wie man es dreht und wendet: Motivationsschreiben im Rahmen des allerersten Bewerberscreenings heranzuziehen, um Entscheidungen hinsichtlich Eignung eines Bewerbers zu treffen, ist höchst fragwürdig.

Die Expertenmeinung

Wenn Sie eine Expertenmeinung zum Thema fragwürdige Praktiken in der Personaldiagnostik wollen, fragen Sie am besten Uwe P. Kanning. Der Diplom-Psychologe ist seit 2009 als Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück tätig und amüsiert, verblüfft (wahlweise verärgert) und belehrt uns immer wieder mit seiner entwaffnenden Direktheit.

Uwe P. Kanning
Er kann auch zahm, brav und sachlich. Wir mögen ihn lieber provokativ und polarisierend: Uwe P. Kanning (Bild)

"Etwa 2/3 der Bewerber laden heute Anschreiben fertig aus dem Internet herunter oder lassen sie direkt von einem Profi schreiben. Bei den Motivationsschreiben dürfte es kaum besser aussehen. Erlaubt schon das Anschreiben keine Aussagen über die Eigenschaften des Bewerbers, so dürfte dies für das Motivationsschreiben – eine Eskalation des kürzer gehaltenen Anschreibens – umso mehr gelten. Hier muss man als Bewerber noch mal dicker auftragen und herausstellen, warum man sein Leben lang darauf hingearbeitet hat, bei einem Zahnstocherproduzenten in Ostwestfalen arbeiten zu dürfen oder warum man seine Erfüllung darin sieht, Gabelstaplerfahrer bei der Kowalski GmbH in Castrop-Rauxel zu werden.

In Deutschland gibt es mehr als 3,5 Millionen Unternehmen – die allermeisten ohne Profil, ohne Image, ohne Glanz. Es gibt daher in der Regel auch kaum vernünftige Gründe, warum man unbedingt bei Firma A und nicht bei B, C oder D arbeiten möchte, zumal, wenn man Firmeninterna noch gar nicht kennen kann. Wer als No-name-Unternehmen Wert darauf legt, dass die Menschen eine arbeitgeberspezifische Anstellungsmotivation hervorheben, belohnt letztlich nur diejenigen, die es verstehen, besonders elegant zu lügen. Wer vor allem solche Leute sucht, für den ist ein Motivationsschreiben vielleicht valide – für alle anderen nicht.“

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Weiterführende Informationen und Quellen:

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