HR und Leadership

Devianz: ein Ausdruck von Positive Leadership [Masterarbeit] (1/3)

17. Januar 2018

Devianz (= Abweichungen von der Norm) wird von der Führung oftmals als Risiko für den regulären Geschäftsverlauf betrachtet und ein atypischer Lösungswege oft voreilig als Abweichung vom Königsweg in Frage gestellt. Oftmals zeigen Mitarbeitende jedoch ein abweichendes Verhalten, das nicht per se schlecht oder bedrohlich sein muss, sondern Hinweise geben kann auf alternative Strategien der Problemlösung oder auf bisher unbeachtete Innovationsfelder. Somit erhält Devianz auch eine positive Bedeutung und kann durch bestimmtes Führungsverhalten (Positive Leadership) gefördert und als Chance für Organisationen genutzt werden.

Geschäftsmann geht in entgegengesetzte Richtuung

Von der Norm abweichendes Verhalten (Symbolbild)

Den Zusammenhang zwischen positiver Devianz und Positive Leadership habe ich in meiner Masterarbeit im Studiengang MAS FH in Personal- und Organisationsentwicklung untersucht. Davon handelt auch dieser erste Beitrag meiner dreiteiligen Blog-Serie „Positive Devianz: Leadership im Spannungsfeld von Norm und Abweichung.“

Blickwechsel auf positive Abweichungen

Mit der Ausrufung der Positiven Psychologie durch Martin Seligmann fand ein Paradigmenwechsel in der Führung statt. Die damit einhergehende Zuwendung zu Ressourcen, Stärken und Kompetenzen der Mitarbeitenden beeinflusste auch die Betrachtung des von der Norm abweichenden Verhaltens. So empfiehlt die Positive Organisationsforschung (Positive Organizational Scholarship POS) seit einigen Jahren den Blick auf die positiven Formen von Devianz – auf Handlungen und Verhaltensweisen, die in positiver Weise von Normen und Erwartungen abweichen, die innerhalb einer Organisation als allgemeingültig erachtet werden.

In den meisten Organisationen wird ein angestrebter Zielzustand mit dem aktuellen Stand verglichen. Daraus ergibt sich die übliche Differenz von Ist und Soll, die als negative Abweichung bezeichnet werden kann (Cameron, 2012). POS geht einen Schritt über das Soll hinaus und fokussiert auf die Messung der positiven Abweichung: Wie gelingt es, über die eigenen Ziele und Erwartungen hinauszuwachsen? Was liegt jenseits der Norm, was ist herausragend und weicht von der Norm positiv ab? Was liegt zwischen normaler, erwarteter Leistung und ausserordentlicher Leistung (Seliger, 2014)? Dies lässt sich als so genanntes Abweichungskontinuum bezeichnen (s. Abb.)

Abweichungskontinuum
Abweichungskontinuum (eigene Darstellung nach Cameron, 2012)

Positive Leadership als Instrument zur Förderung positiver Devianz

Die Positive Organisationsforschung orientiert sich an der Entwicklung der Stärken der Mit-arbeitenden, um durch positive Führungsprinzipien Bestleistungen im Sinne positiver Abwei-chungen zu erreichen. Der Ansatz von Positive Leadership, der von Kim Cameron von der Universität von Michigan geprägt wurde, steht dabei im Zentrum (Cameron, 2012). Positive Leadership hat für Cameron die Aufgabe:

a) positive Abweichungen zu erkennen und auszuwerten,
b) die vorhandenen Stärken und Potenziale zu erkennen und zu fördern und
c) Exzellenz und intrinsische Motivation zu fördern (Seliger, 2014).

Positive Devianz entsteht dabei durch ein von der Führungsperson aktiv gefördertes und gesteuertes Zusammenspiel von:

a) einem positiven Arbeitsklima (z.B. transparente Information, Mitgefühl, Dankbarkeit, Respekt) und einer positiven Unternehmenskultur (z.B. Wertschätzung, Fehlertoleranz),
b) positiven Beziehungen im Team (so genannte positive Energienetzwerke),
c) positiver Kommunikation (z.B. unterstützend, wertschätzend; Feedbackkultur) und
d) positivem Sinn als gemeinsame Vision und gemeinsame Wertorientierung.

Je positiver die vier Bereiche in einer Organisation ausgeprägt sind, desto höher stehen die Chancen auf positive Devianz (Cameron, 2012) und damit die Chancen auf Höchstleistungen im Team, auf erhöhte Innovationskraft und Effizienz, wie der nächste Blogbeitrag aufzeigen wird.

Lesen Sie auch Teil 2: "Positive Devianz führt zu Innovation und Effizienz" und Teil 3: "Teamentwicklung mit Positive Leadership".

Quellen und weiterführende Literatur

Cameron, K. S. (2012). Positive Leadership: Strategies for Extraordinary Performance. San Francisco, CA: Berrett-Koehler Publishers.

Seliger, R. (2014). Positive Leadership: die Revolution in der Führung. Stuttgart: Schäffer-Poeschel Verlag.

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