Banking und Finance

Die Ablösung des LIBOR (1/2)

22. Januar 2018

Der LIBOR wird als Referenz-Zinssatz wahrscheinlich durch SARON abgelöst. In diesem Blogbeitrag befasse ich mich mit der Frage nach dem Hintergrund dieser Entwicklungen.

Der LIBOR hat durch Manipulationen an Vertrauen eingebüsst

Der LIBOR hat durch Manipulationen an Vertrauen eingebüsst. Warum kam es dazu (Bild)?

Hintergrund des LIBOR

Libor ist die Abkürzung für „London Interbank Offered Rate“. Seit den 1980er Jahren sind die Libor-Sätze die allgemein anerkannten Referenzzinsen für Geldmarkt-Geschäfte. Sie werden für verschiedene Währungen und Laufzeiten täglich ermittelt. Die Preise vieler Bankprodukte werden aus dem aktuell geltenden Libor-Satz für die jeweiligen Laufzeiten abgeleitet. Dies betrifft zum Beispiel Geschäfte, bei denen variable gegen feste Zinsen ausgetauscht werden („Zinsswaps“). In vielen Fällen bildet hier der 3- oder der 6-Monats-Libor die variable Rate. Bei den Kundengeschäften basieren vor allem geldmarktgebundene Hypotheken auf dem Libor. Die Libor-Sätze sind keine Marktpreise im engeren Sinn, sondern werden durch einzelne Banken bestimmt. Ausgewählte Banken, sogenannte „Panel-Banken“, melden täglich, zu welchen Sätzen sie am Londoner Interbankenmarkt Geld in handelsüblicher Grösse unbesichert aufnehmen können. Libor-Sätze sind also nicht Zinssätze, zu denen tatsächlich Geschäfte abgeschlossen wurden, sondern Indikationen, zu welchen Sätzen Geschäfte abgeschlossen werden könnten. Erschwerend kommt hinzu, dass seit der Finanzkrise und dem Konkurs von Lehman Brothers der Markt für unbesicherte Geldmarktgeschäfte stark an Bedeutung eingebüsst hat.

Manipulation nach der Finanzkrise

Da die Banken einander nicht mehr in demselben Mass wie vor der Finanzkrise vertrauten, liehen sie sich gegenseitig nur noch gegen die Hinterlegung von Sicherheiten Geld. So wurde es auch schwieriger, Zinssätze für die unbesicherte Geldaufnahme zu schätzen. Diesen Umstand haben sich Händler einiger Panel-Banken zunutze gemacht und die Meldungen manipuliert. Grundsätzlich haben die Panel-Banken einen Anreiz, einen möglichst tiefen Satz zu melden, auch wenn dies vielleicht nicht ganz der Realität entspricht. Denn geringe Refinanzierungskosten sind ein Zeichen guter Bonität. Darüber hinaus haben Händler untereinander Absprachen getroffen, um Libor-Sätze in einer bestimmten Höhe zu erhalten. So resultierte eine günstige Bewertung ihrer eigenen Positionen. Als die Manipulationen publik wurden, wurde versucht, die Ermittlung der Libor-Sätze zu reformieren. So wurde die Administration des Libor der British Bankers Association (BBA) entzogen und der Börse „Intercontinental Exchange“ (ICE) übertrage.

Konsequenzen des Missbrauchs

Die Anstrengungen, den Libor transparenter und verlässlicher zu gestalten, haben aber anscheinend nicht gefruchtet. Aus diesem Grund meldete die britische Bankenaufsicht „Financial Conduct Authority“ (FCA) im August 2017, dass sie die Ermittlung des Libor ab dem 1.1.2022 nicht mehr unterstützen werde. Es ist wahrscheinlich, dass ab diesem Zeitpunkt gar keine Libor-Sätze mehr publiziert werden. Falls sich doch noch Banken finden lassen, die als Panel-Banken fungieren, werden die Sätze noch weniger verlässlich sein als heute. Und dass sich vor allem für kleinere Währungen wie den CHF weiterhin genügend Banken finden lassen, die als Panel-Bank tätig sein wollen, ist zweifelhaft. Denn grundsätzlich hat ein Finanzinstitut nichts davon, als Panel-Bank tätig zu sein – ausser einem hohen Reputationsrisiko, falls Mitarbeiter weiterhin versucht sind, die Sätze zu manipulieren.

SARON als neue Referenzgrösse in der Schweiz?

Aus diesem Grund empfiehlt eine Arbeitsgruppe aus Schweizer Banken, der SNB und der SIX, die CHF-Libor-Sätze durch den SARON („Swiss Average Rate Overnight“) zu ersetzen. Der SARON ist ein CHF-Zinssatz, der volumengewichtet aus besicherten Kredite zwischen Banken („Overnight-Repo-Transaktionen“) am jeweiligen Handelstag abgeleitet wird. Diese Geschäfte werden auf der SIX-Repo-Plattform abgeschlossen. Ergänzt werden die Preise tatsächlich zustande gekommener Geschäfte durch repräsentative Preisofferten („Quotes“) für solche Geschäfte. Bevor sie in die SARON-Berechnungen eingehen, werden Quotes gefiltert. So werden die Manipulationsmöglichkeiten minimiert. Der SARON ist somit ein Marktpreis, dessen Ermittlung transparent, nicht manipulationsanfällig und damit verlässlich ist.

In meinem nächsten Beitrag befasse ich mich mit den Herausforderungen für die Schweizerische Nationalbank und die Geschäftsbanken bei der „Einführung“ von SARON.

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